15.07.2026

Datschen Dreams

Juli 2026

Es ist das erste Mal, dass wir alleine wegfahren. Wir fahren „raus“, „ins Grüne“, nach Branne. So wie alle zugezogenen Wessis, wenn ihnen ihre Wahlheimat zu trubelig wird. Ein Haus in Brandenburg, das wollen sie alle nach fünf bis acht Jahren „arm, aber sexy”.

Aber schön aufpassen, immer noch angrenzend an Westberlin, Ost auf Ost, da sind die Nazis, da sind unsere Kinder nicht sicher, wir sind ja so unkonventionell, da werden wir anecken!

Und anstatt dort kommunal aktiv zu werden, versammeln sie sich in der Uckermark doch nur mit ihren Investorkollegen aus der Hauptstadt. Das Wochenendhaus ist, wie der Name sagt, eine temporäre Idylle für die, die es überall gut haben können. Ihr eckt nicht an. Was ist mit denen, die ihr Leben lang schon in diesen Dörfern anecken? Mit den Kindern, die aus Schutz selbst Witze über ihren Migrationshintergrund machen, um anderen damit zuvorzukommen? Was ist mit den ungeouteten Dorfkindern, die gemobbt werden und was ist mit denen, die sich trauen und trotzdem isoliert werden? Was ist mit Wirtschaft und Infrastruktur außerhalb eurer Besuchszeiten?

Das ist doch überall ein Problem, weltweit eigentlich sogar!

Was ist dann mit den abertausenden Biografien, die über Nacht Armut, Arbeitslosigkeit und zerrissene Familien vorzuweisen haben? Es geht nicht nur um Herkunft, es geht um Klasse.

Deutsch-deutsche Einheit, gibt es sie überhaupt?

Ich schalte das Radio aus. Die Frage nervt, die Diskussionen nerven, die Ignoranz jüngerer Generationen nervt, das fehlende Wissen nervt, die LARPer nerven und mich nervt, wie nah mir das alles geht. Treuhand könnte beim Klang eigentlich was Schönes vermuten lassen, anstatt Ungerechtigkeit, die bis heute bestehen bleibt.

 

„Wir sind seit 10 Minuten da, mein Herz.”

Meine Augen fassen wieder klare Sicht. Viel Lärm um nichts, wir haben gerade mal die Stadtgrenze überquert. Das Auto hat sich dank meiner Tiraden noch mehr aufgeheizt, eine Klimaanlage gibt es noch nicht. Du hast deinen Führerschein bei der „Weiberwirtschaft” im Norden der Stadt gemacht, lange fährst du noch nicht, aber ich fühle mich geborgen mit dir am Steuer. Am Anfang waren wir unsicher, haben nervös gekichert beim Durchlesen der Webseite. Mit Altlesben ist das immer so eine Sache, ich würde jetzt auch nicht einfach in die Begine spazieren und mir da eine gute Zeit versprechen. Doch bei Conny lief alles glatt und seitdem du den kleinen Lada von dem Bruder deines Hausmeisters übernommen hast, tuckern wir gemeinsam durch die Stadt.

Unser heutiger Ausflug hatte keinen Anlass. „Das Leben feiern”, habe ich schmunzelnd gesagt. „Lesbenwochenende”, meintest du. Wir steigen aus und nehmen die Kühltasche mit zur kleinen Hütte. Der Schlüssel liegt wie schon seit den 1980ern im rechten Blumenkübel, das regenbogenfarbene Windrädchen ist neu. Subtile Botschaft, denke ich. Tantchen musste der Nachbarin nach unserem ersten gemeinsamen Besuch erklären, dass wir “in Gemeinschaft” leben. „Mit Küssen und so”, fügte ich grinsend hinzu. Seitdem gibt mir Frau Kaiser immer mit einem ehrwürdigen Lächeln etwas von ihrer Gartenernte ab. „Ganz nett findet sie euch, ganz ganz freundlich!” berichtet Tantchen danach immer stolz. Wenigstens hier haben wir unsere Utopie.

 

Drinnen ist es stickig, obwohl wir nicht die einzigen in der Familie sind, die die Datsche als Auszeit nutzen. Wir reißen uns gleichzeitig die Klamotten vom Leib und die Fenster auf. Du trägst einen weißen BH, untypisch für dich, aber hier passt er perfekt rein.

„Mein Datschen-BH", sagst du lachend, während du ihn ausziehst und dir mit den Händen Luft zuwedelst. Wir drehen Wasser und Strom auf und ich schalte den Deckenventilator an, kleine Staubpartikel fallen auf uns herab und auf die Möbel. Danach gehen wir wieder raus, holen wir die Kissen für die Gartenmöbel aus der Truhe. Die Tischdecke ist draußen noch an Ort und Stelle, eins dieser Teile aus Weichschaum mit obstförmigen Gewichten an den Stoffzipfeln.

 

Obwohl die Zeit mit dir immer schnell vergeht, gibt es hier draußen keine echte Uhrzeit. Es ist hell und warm, also sind wir draußen und lediglich der vorbeiziehende Grillgeruch der Nachbarn ist der einzige Verweis, wie spät es eigentlich schon sein muss. Der Tisch vor uns beherbergt unser Lager bestehend aus Kreuzworträtselheften, Filinchen, einer Stachelbeermarmelade aus dem Vorrat von Tantchen und regionalen Limos. Ich liebe es, in anderen Städten in Supermärkte zu gehen, leider ist unser Trip dafür viel zu kurz. Stattdessen haben wir pflichtbewusst unsere beiden Kühlschrankinhalte zusammengewürfelt, aber ein kurzer Stop beim Getränkehandel musste sein.

Ostdeutsche Trinkkultur ist anders, alles ist knallgrün, pink oder orange, verziert mit kitschigen Designs und schrecklich süß. Vielleicht eine kleine Auszeit von einem Leben, was sonst ziemlich bitter ist. Ich hätte dir gerne deinen hübschen Mund mit Bambina, Geleebananen und Schokolade mit Märchenabbildungen gestopft, aber das wäre bei dem Wetter eh nicht gut ausgegangen. Ich versuche, meine kulinarische Ostalgie in Grenzen zu halten, um nicht in eine faschistoide Vergangenheitsverhamlosung abzudriften und denke an den fürchterlichen Geschmack von der Ketchup-Tomatensauce aus der Schulkantine.

 

Wir liegen nebeneinander, dösen, machen unser eigenes Ding, zeigen uns Zuneigung durch gelegentliches Füßeln.

„Weißt du noch, die Doku über den zerhackten Mann in der Kühltruhe in P-Berg?"

Du nickst, lachst, wenn auch beschämend. Heinz und Irma.

„Das könnten wir sein, Rentner, bei denen keinem auffällt, wenn sie seit 10 Jahren einfach verschwunden sind."

„Ja und deswegen machen wir Kinder."

„Hier? Empfängnis in der Datsche?"

„Ja klar, also ob es so eine Story nicht irgendwo in deinem Familienstammbaum gibt."

Du zeigst beim Grinsen deine süßen Zähne, wackelst suggestiv mit deinen Augenbrauen, die über deiner Sonnenbrille herausschauen.

„Ausgetrunken?"

Ich werde erinnert an den pinken Plastikbecher in meiner Hand, der noch ein Viertel mit Waldmeisterbrause gefüllt ist. Der letzte Schluck ist schal, ohne Kohlensäure und das zuckrige Getränk macht meine Lippen ganz klebrig. Du stehst auf, die Gartenliege knarzt dabei und ich schaue dir hinterher, wie du reingehst. Dein Höschen lässt du auf der Fußmatte von dir gleiten. Das kleine weiße Ding verdeckt den Spruch, der draufsteht.

Die ganze Welt ist ein Irrenhaus, aber hier ist die Zentrale.

Keine Ahnung, wer das angeschleppt hat, aber irgendwie komisch, wenn ich an all die psychischen Probleme denke, die in meiner Familie vorherrschen. Doch jetzt geht es um die schönen Sachen, eigentlich um die schönste Sache der Welt.

 

Drinnen ist es noch immer stickiger als draußen, aber das, was wir vorhaben, ist im Garten keine gute Idee. In der Kleingartenanlage ist es wahrlich nicht anonym, auch ich habe als Kind schon durch die umliegenden Büsche und Zäune gespäht, habe auf glänzende Bierbäuche und runzelige Glatzen gestarrt. Ich habe Füße gesehen, die vermuten lassen, dass hier die Nagelschere nur für den akkurat getrimmten Rasen benutzt wurde. Knutscher und Liebeleien gab’s hier natürlich auch, vor allem wenn die kleine Kneipe in der Mitte der Siedlung bewirtschaftet wurde. Ich werde dir später vorschlagen, heute Abend da vorbeizuschauen, obwohl keiner von uns beiden wirklich trinkt. Mit Kiba gegen das Kneipensterben.

 

Du stehst mit dem Rücken zu mir vor dem Spiegel, ziehst dir sämtliche Haarspangen aus deinen Locken und legst sie achtlos auf die Kommode vor dir, schaust mich bereits durch die Spiegelung an, wie du es immer tust, wenn du etwas ganz Bestimmtes von mir willst. Ich merke jetzt schon den Stoff meiner Unterhose pulsieren. Ist mir fast ein bisschen peinlich, wie schnell das immer mit dir geht. Der Weg zu dir ist nicht weit, das Ausklappsofa steht nun zwischen uns. Wir treffen uns vor der Mitte des Bettendes, umschlingen uns, deine Zehenspitzen auf meinen Füßen.

„Lass uns Kinder machen", flüsterst du mir ins Ohr. Ich sehe deinen Mund nicht, aber ich kann ihn mir vorstellen. So wie ich mir deinen Mund überall vorstellen kann. An meinem Körper saugend, irgendwo in meinen Schultern mit den Zähnen eingenistet. Wie du mich komplett in den Mund nimmst, wie du an Strohhalmen nuckelst, wie die Kuchengabel mit dem letzten Krümel in deinem Mundwinkel steckt, wie du dir deinen Lippenstift nachziehst und Haarklammern zwischen deine Zähne steckst. Dein Mund macht nicht nur, er redet auch. Kluge Sachen, interessante Sachen, lustige, kitschige, nischige, zotige Sachen. Es hat eine Weile gedauert, aber langsam weiß ich, was du wirklich ernst meinst, genau wie jetzt.

 

Du sitzt auf mir, ziehst mir das Hemd aus und lässt deine Hüften auf mir kreisen, wir atmen beide laut, aber fühlen uns noch schüchtern in der spießigen Datsche. Unsere Hände und Zungen gleiten über unsere Körper, ich mache einen längeren Halt an deinen Brüsten, während du mich an dich drückst, deine roten Fingernägel tief in meinen unteren Rücken gebohrt. Doch irgendwann reicht es dir, du drückst mich aufs Bett und dein Oberschenkel zwischen meine Beine. Du weißt, dass ich länger brauche als du, du weißt, dass ich für dich und deine Lust hier bin und ich weiß, dass du das hier genauso brauchst. Wie sehr es dich anmacht, mich zu bearbeiten, wie du dabei schon meine Schenkel und das Laken volltropfst, ohne überhaupt an der Reihe gewesen zu sein. Du zerrst meine Hose runter, willst mich spüren, greifen, schmecken. Ich gebe gerne, also gebe ich mich auch gerne hin.

„So macht man also Kinder?", sage ich zu den Locken zwischen meinen Beinen, doch langsam verliere auch ich unter den Bewegungen deiner Zunge mein freches Mundwerk. Nach einer Weile und einer Nahtoderfahrung später legst du dein glänzendes Kinn auf meinem Oberschenkel ab.

 

„Wenn wir nur fest daran glauben, dann klappt das auch irgendwann.”

Ich ziehe dich zu mir hoch, unsere nassen Bäuche machen ein lustiges Geräusch, als sie aufeinandertreffen.

„Dann würde ich sagen: doppelt hält besser.”

Ich gleite unter dir hervor und lege mich auf deinen Rücken, der durch seine Wärme und Nässe ein Ebenbild des diesjährigen Sommers zeichnet. Du spreizt deine Beine schon automatisch und bei diesem Anblick bereue ich es, mein ganz besonderes Equipment zuhause vergessen zu haben. Plaste und Elaste aus dem VEB Sexshop wäre bei den Temperaturen hier eh geschmolzen. Doch wir wissen uns auch anders zu helfen, das Schleimen, Schmatzen und Stöhnen vermischt sich, bis wir uns sicher sind, dass unser Empfängnis erfolgreich war.

Lange liegen wir nicht in unserer eigenen Suppe, bevor sich der Durst meldet. Wir ziehen uns mühselig an, mein Hemd ist großzügig aufgeknöpft und dein Kleid bedeckt das Nötigste. Ich stehe schon vor der Spüle, will mir den Liebesschleim von den Händen waschen, um wenigstens wieder etwas Würde beim Kneipenbesuch herzustellen, als du mich von hinten zurückziehst.

“Lass, ist besser so fürs Baby.”

Ansicht auf Schrebergärten
(c) Lex Bernsdorf