16.07.2025

Cruelty & Devotion
/ Grausamkeit und Fürsorge (Teil 6)

Juli 2025

Beim Hirnleistungstraining geht eine Übung so: Von einem Computer werde ich angewiesen mir das Gedicht „Atmosphärische Konflikte“ von Erich Kästner durchzulesen. Anschließend werden mir Fragen gestellt: Wie viele ‚die‘ sind im Text? Wie viele ‚mit‘ sind im Text? Wie viele ‚-en‘ sind im Text?

[…] Die Pärchen meiden nachts das Licht.
Sie hocken Probe auf den Bänken
in den Alleen, wobei sie denken:
"Raus mit die Gefühle
oder rin mit die Gefühle
oder nicht?" […]

*

Da ich nur weiß, wo die Sätze enden, die das Weiter-Zurückliegende beschreiben, es aber nicht weiß bei den Sätzen, in denen es um all das geht, was heute ist und heute und heute, weiß ich meistens gar nicht, wohin es mit diesem Text gehen wird. Ich sortiere mich, ich versuche die Lücken meiner Erinnerung, meines Textes aufzufüllen, bessere Worte zu finden, der Zeit hinterherzukommen, dem Dazwischen-Liegendem. Ich versuche, die ‚die‘s aufzuschreiben, die ‚mit‘s und die ‚en‘s. Das ist immer, aber besonders jetzt am schwersten, wo ich mich allmählich wiederaufzurichten beginne.

Über das Heute weiß ich, dass die mir verschriebenen Medikamente, die Betablocker, von denen ich am Morgen zwei und auch am Abend zwei einnehme, mich sehr müde machen, den ganzen Tag. Dass schon Ende Mai ist und ich in einer Rehabilitationsklinik in Brandenburg bin. Dass meine Tage daraus bestehen, zum Hirnleistungstraining zu gehen, zum Gehtraining, zum Koordinationstraining, zur Ergotherapie, zur Ernährungsberatung und zur Massage, die in dem Raum stattfindet, in dem ich auch die Wärmepackung für meinen verkrampften Nacken bekomme. Ich weiß, dass ich dreimal am Tag in den Briefkasten schaue, nach meinem Plan für den nächsten Tag. Dreimal am Tag in der Mensa mit meiner Tischgruppe zusammen komme.
Meine Kopfschmerzen haben sich gelegt, ich kann wieder pinkeln, wieder essen, ein bisschen lesen, alleine Treppen steigen. Übrig bleibt mir noch dieses unkontrollierbare Zittern.

*

Wie alt hier alles ist. Die gesamte Einrichtung. Die Menschen um mich herum. Ich muss immerzu hinsehen, wie hier jeden Tag etwas weiter kaputtgeht. Die Schranktür bricht aus ihrer Halterung, eine Leiste der Jalousie fällt, der elektronische Chip der Schlüsselkarte lädt nicht mehr. Manche Patienten gehen verloren, dann ist das Schwesternzimmer geschlossen. Alle laufen durch die Gänge. An der Glastür hängt oft ein Schild neben den Öffnungszeiten zum Blutdruckmessen: Alle Termine fallen bis auf weiteres aus.

*

–Welches Mittagessen hast du dir bestellt?
–Möchtest du meinen Nachtisch haben?
–Hast du dir schon eine Stulle für die Nacht geschmiert?
–Gibt es heute wieder Äpfel?
–Konntest du die Stationsärztin schon nach einer Erlaubnis fürs Schwimmbad fragen?
–Sehen wir uns später beim Gehtraining?
–Ist dein Fernseher immer noch kaputt?
–Ist dein Therapieplan heute auch wieder so kurz?
–Ist bei dir heute auch wieder alles ausgefallen?

*

Nach einer anfänglichen Distanziertheit finden meine Tischnachbarn und ich Fragen, auf die wir uns einigen können, mit denen wir versuchen, uns daran zu erinnern, dass wir den schlimmsten Teil unserer Erkrankungen bereits überwunden haben. Es gelingt uns nicht. Wir stecken in der Angst fest. Jede Frage endet in einer Beschwerde darüber, dass das Training nicht ausreicht, dass das Essen nicht gut genug ist, es sich nicht genügend um uns gekümmert wird, wir unter diesen Umständen doch niemals wieder richtig gesund werden können. Woran wir uns erinnern, sind die Antworten der anderen. Dass eine einen Apfel vor dem Schlafengehen braucht, eine andere Hilfe beim Tablett zum Tisch tragen, wieder ein anderer am Morgen zu müde zum Sprechen ist. Die Leiden, die Schmerzen, unser Scheitern, das wir miteinander teilen, um einander zu trösten. Woran wir uns erinnern, ist die Gemeinschaft, zu der wir dreimal am Tag am Tisch zusammenkommen.

*

In jeden Raum, in den ich gehe, bin ich die Jüngste: Neurologische Beschwerden sind vor allem ältere Beschwerden. Die meisten sind hier aufgrund eines Schlaganfalls oder der Folgen mehrerer Schlaganfälle. Ich kann sehen, wie mein Körper, mein Kopf besser heilt als der Körper, der Kopf der Älteren, denen ich ansehen kann, dass es für viele von ihnen nicht wieder so sein wird wie vorher, es in ihrem Aufenthalt hier in der Rehabilitationsklinik vielmehr um ein Sich-Einrichten geht: Sich-Einrichten in dem, was ist. Aber ic, ih– I...

Immer wieder ruft mich Jibé an. Ich kann nicht rangehen, habe nichts zu erzählen, außer zu klagen und möchte auch nichts hören, keine weiteren Klagen, keine Klagen, die von außerhalb kommen und auf keinen Fall etwas Aufmunterndes. Ich antworte für eine Weile nicht mehr, so wie er mir auch nicht antwortet, wenn er keine Kraft dazu hat. Dabei meine ich zu spüren, dass ihm mein von mir abweichendes Verhalten ungewohnt ist, und ich vermute, dass es ihm lieber ist, wenn es mir nicht bleibt.

Beim Gehtraining erzählt mir jemand von einer Operation am offenen Herzen, die vor Jahren an ihm durchgeführt wurde, wie sich seine Persönlichkeit danach verändert hat, wie viele seiner Freunde damit nicht umgehen konnten. Ich versuche, die Unterschiede herauszukriegen, er weicht mir aus. Was ich über ihn weiß: Er spielt Tennis und schwimmt. Seine Frau sieht aus, als käme sie ihn gerne besuchen. Und wie er von den Gerichten erzählt, die sie beide am liebsten miteinander kochen, klingt er, als würde er sie vermissen, als würde er gerne mit ihr zusammenwohnen. Ich meine zu verstehen, warum er nicht so gerne ins Detail geht, warum er seine beiden Persönlichkeiten nicht gegeneinander aufwiegt vor mir. Wenn sich ein Mensch verändert, verschiebt sich nicht nur die Beziehung zu seinem Selbst, sondern es sind auch die Beziehungen zu seiner Familie, seinen Freunden, den Arbeitskollegen, die ins Wanken geraten und sich nicht so leicht neu arrangieren lassen. Die Menschen um einen definieren sich in Bezug auf einen: Du veränderst dich, und wenn sie dann neben dir stehen, wissen sie ihren Platz nicht mehr, erkennen sich selbst nicht mehr. Ich kenne nicht viele Männer in seinem Alter, aber jedes Mal, wenn ich ihn sehe, muss ich daran denken, dass ihn eine gute neue Persönlichkeit erreicht hat.

Mit einer kleinen Gruppe bilde ich beim Koordinationstraining im Gymnastikraum einen Halbkreis. Die Therapeutin macht uns die Übung „Telefon-Pistole“ vor. Ihre Hände formen im Wechsel mit der einen Hand ein Telefon und mit der anderen Hand eine Pistole: Für das Telefon sind Daumen und kleiner Finger der einen Hand gestreckt, die restlichen Finger eingeklappt. Für die Pistole sind Zeigefinger und Mittelfinger gestreckt, die anderen Finger eingeklappt. Sie sagt: Versuchen Sie, die Figuren zeitgleich zu wechseln.

Ich korrigiere mein Zittern. Forme eine Identität in dem Körper, der mir mit jedem Tag weniger fremd ist.

Die Brüchigkeit dieses Ortes drängt sich mir immer weiter in den Hintergrund. Ich schiebe die Jalousie auf, die heruntergefallene Leiste zur Seite: Vor dem offenen Fenster meines eigenen Zimmers sehe ich den Anfang eines Waldes. Es regnet. Es riecht gut.

In „The Argonauts“ schreibt Maggie Nelson: My writing is riddled with such tics of uncertainty. I have no excuse or solution, save to allow myself the tremblings, then go back in later and slash them out. In this way I edit myself into a boldness that is neither native nor foreign to me. Nelson offenbart ihre Unsicherheit über den nicht immer leichten Prozess, das Private öffentlich zu machen, macht aber gleichzeitig auch ihre Unerschrockenheit deutlich, ohne die das Schreiben in ambivalenter Beziehung zwischen dem „realen“ Ich und einem konstruierten vermutlich unmöglich wäre. Indem sie sich später zu der Stelle ihres Zitterns zurückliest, beginnt ein erneuter Schreibprozess, ein erneutes Nachdenken, korrigiert sich eine Identität, die schon immer flexibel ist.

Ich sage wieder Ich zu mir. Und auch wenn mein Ich jetzt etwas anderes ist, gibt es innerhalb all dem sich Verändernden, etwas, das ich nicht verlieren will: Ich möchte Ezekiel nicht verlieren. Und ich möchte nicht, dass er mich ersetzt.

*

–I’m here. Throughout all these changes I haven’t left you or replaced you. Why are you worried about this now?
–I don’t know... I wonder if you are change itself.

*

Eine Krankenliege vor einer Wand.
(c) Jacquelin Strobel