04.06.2025
Cruelty & Devotion / Grausamkeit und Fürsorge (Teil 4)
April 2025
Erst denke ich, es ist eine Grippe. Meine Glieder tun weh, mein Kopf tut weh, mir ist übel. Aber als sich die Schmerzen verstärken, vor allem das Pochen in meinem Kopf, mir jedes Licht zu hell, jedes Geräusch zu laut erscheint, denke ich, ich habe vielleicht meine allererste Migräne. Allerdings wirkt keines der rezeptfreien Medikamente aus der Apotheke, kein Paracetamol, kein Ibuprofen, ASS, auch keines der Triptane und weil Migräne nur zwei Tage dauern soll und ich bereits vier Tage im Bett liege, mich nur zum Übergeben bewegen kann, gehe ich an einem Sonntagabend Anfang April, in Ezekiels Arm hängend, in die Notaufnahme. Ich kehre wochenlang nicht nach Hause zurück.
*
–Can you help me?
–Yes, what do you want me to help you with?
–I don’t know. (Ich weiß was ich will, die Spucktüte auf dem Nachttisch, aber alles was ich sagen kann ist: Can you help me? Und: I don´t know.)
–Yes, my Darling, but I need you to tell me what you want me to help you with?
–Can you help me?
–Do you want me to call the nurse?
–I don’t know. Can you help me?
–Do you want water?
–I don’t know. Can you help me?
–Food?
–I don’t know. Can you help me?
–The toilet?
–I don’t know!
–Another massage?
*
I must not forget that at certain times when my headaches were raging I had an intense longing to make another human being suffer by hitting him in exactly the same part of his forehead.
Simone Weil, Gravity and Grace.
*
Ich werde auf die Intensivstation verlegt, an ein EKG, einen Blutdruckmonitor und einen Pulsoximeter angeschlossen. Bekomme Beruhigungsmittel verabreicht, die die Flammen verschwinden lassen, die ich auf einmal im ganzen Raum aufsteigen sehe und an die ich mich später, als sie weg sind, erinnere. Sie lassen mich an das Ende der Verfilmung des Romans „Malina“ von Ingeborg Bachmann denken: „Malina“, der einzige zu Bachmanns Lebzeiten vollständig publizierte Roman, der die Ouvertüre ihres geplanten Prosazyklus der „Todesarten“darstellt. Bachmann setzt darin die Existenzbedingungen einer weiblichen, nicht namentlich genannten Schriftstellerin in den Mittelpunkt, die mit einem Mann namens Malina in uneindeutiger Beziehung zusammenwohnt: Malina, der als Militärexperte den inneren Krieg der Protagonistin zu bändigen versucht. Im Zeichen einer scheiternden Liebesbeziehung zu einem Mann namens Ivan verschlechtert sich ihr psychischer Zustand allerdings von Tag zu Tag, wir werden Zeuge, und Malina weiß nur noch einen Ausweg: die Kontrolle an sich zu reißen, ihr zu befehlen, Ivan zu töten.
*
I worry about you.
I am making plans to come to berlin as soon as I can.
16:56
*
Ich kann fast nichts essen, bekomme kaum etwas herunter. Nicht nur aufgrund der Übelkeit, ich kann auch meine Hand nicht richtig zum Mund führen, wenn ich essen möchte, kann ich den Löffel nicht richtig halten, oder wenn ich zu trinken versuche, erschüttert mein ganzer Oberkörper, verhärtet sich mein Nacken, schütte ich das Wasser über meine Brust. Ich kann mir nicht die Haare waschen oder die Zähne putzen. Einmal kann ich kein Deutsch mehr sprechen, nur noch Englisch, ein anderes Mal spreche ich eine Sprache, die es gar nicht gibt. Ich kann nicht laufen, in der Nacht nicht schlafen, keine Nachrichten beantworten. Ich kann nicht pinkeln, nicht lesen. Auf meinem Nachttisch liegt „Drifts“ von Kate Zambreno, ich rühre es kein einziges Mal an. Ich kann kaum noch denken, ich kann schon gar nicht ans Schreiben denken. Ich denke daran, einkaufen zu gehen. Die Spülmaschine einzuräumen, das Bad zu putzen, Outfits zusammenzustellen. Alltägliches bloß. Was war noch mal mein Style? Im Krankenhaus trage ich ein Nachthemd, das am Rücken zusammengebunden ist, manchmal eine Jogginghose darunter, wenn ich rausgeschoben werde mit dem Rollstuhl, meinen Mantel darüber. Ich habe abgenommen, mindestens vier Kilo. Die Tage verschwinden. Ich weiß nicht, wie lange ich hier schon liege, Zeit ist mir kein Begriff, das Einteilen in Tage und Wochen kein Bedürfnis. Ich hangle mich von einem Schmerz zum nächsten, bin dabei so erschöpft, dass die Schmerzen nicht einmal von einer offensichtlichen emotionalen Reaktion wie Frustration oder Wut oder Depressionen begleitet werden. Ich kann einen roten Knopf drücken und nach einer Infusion mit Schmerzmitteln fragen. Nachdem mich meine Freunde besucht haben, gehen sie nach Hause und weinen.
*
Ezekiel besucht mich jeden Tag, bringt mir selbstgekochtes Essen mit, füttert mich, bürstet meine Haare, bindet sie zu einem Zopf zusammen. Liest mir Rumi und Simone Weil vor. Fragt die Ärzte nach neuen Befunden, kontaktiert meine Schwester, meine Freunde und Jibé, macht mit ihnen Zeiten ab, an denen sie mich besuchen kommen. Er versucht mich meist erfolglos zu motivieren, bis zum Ende des Flurs zu gehen oder auch nur zu reden, etwas zu sagen, das darauf hindeutet, dass mein Gehirn sich wieder normalisiert, dass irgendwo in diesem Körper noch ein Ich ist. Wenn mein Zustand am schlimmsten ist, ich vollkommen erfasst bin von der Stärke meines Zitterns, ich hyperventiliere und weine, ich das Gefühl habe, in mir verloren zu sein, rät er mir, tief durch die Nase in den Bauch zu atmen, meinen Bauch, dann meine Brust auszudehnen.
Manchmal arbeitet Ezekiel als Dom. Aber nicht als der typische Leder-Dom in einem Keller mit ausgefallenem Equipment an den Wänden, Ezekiel ist zugänglicher, er arbeitet in vertrauten Umgebungen, und wenn es mal dazu kommen sollte, dass er Hilfsmittel benutzt, greift er auf umfunktionierte Alltagsgegenstände zu. Seine Kunden bitten ihn darum, seinen Forderungen unterworfen zu werden: einen Tag lang zu fasten, wie ein Hund zu bellen, zu schweigen, ihre Sicht mit einer Schlafmaske zu blockieren, sich auf den Boden zu legen. Oder vielleicht könnte man das auch so sehen: dass es seine Klienten sind, die ihn darum bitten, sich ihren Forderungen zu unterwerfen: dass er sie schlägt, versohlt, fesselt, knebelt und auspeitscht. So oder so: Ezekiel erschafft einen Raum und baut eine Erzählung auf, die auf einen Ausbruch zusteuert, auf eine Unterbrechung, eine Art Trauma, in dem sich das bisherige Selbstverständnis seiner Klienten auflöst, wenn auch nur für einen Moment. Meistens handelt es sich dabei um einen Moment, in dem Symptome des Zitterns auftreten, seine Klienten weinen dann, hyperventilieren, und wenn dieser Punkt erreicht ist, kommt es vor allem darauf an, in den Trost zu führen. Wie macht Ezekiel das? Indem er sie auffordert, sich auf ihren Atem zu konzentrieren, indem er sie weicher und sanfter berührt, ihnen Halt gibt.
Breathe, slowly, deep, sagt er zu mir, roll on to your side: Ich schließe meine Augen. Ezekiel arbeitet mit seinen Händen meinen Rücken hinauf, meine Schultern entlang, über den Nacken, bis zur Oberseite meines Kopfes. Mit seinen Händen findet er einen gleichmäßigen Rhythmus. Mein Atem beruhigt sich. Meine Schmerzen lassen nach. Mein Körper findet ein Gefühl der Besänftigung, wenn auch nur für einen Moment.
*
Out beyond ideas of wrongdoing and rightdoing,
There is a field. I'll meet you there.
When the soul lies down in that grass,
The world is too full to talk about.
Ideas, language, even the phrase each other
Doesn't make any sense.
Dschalāl ad-Dīn Muhammad Rūmī.
*
Weil ich Ezekiel von Anfang an als meinen Notfallkontakt und Partner vorgestellt habe und sich Jibé selbst als mein Partner vorstellt, sind die Ärzte verwirrt. Meine Zimmernachbarin fühlt sich sogar dazu berufen Ezekiel von Jibé zu erzählen, sie sagt: Und wo kommst du her? Ah, Australien, und der andere kommt ja aus Frankreich. Wie schön.
*
Jibé reist mit einem Freund, der in einer Donnerstagnacht mit dem Auto in Frankreich losfährt. Sein Freund fährt mit hoher Geschwindigkeit, aber Jibé verträgt die Freiheit des fehlenden Tempolimits deutscher Autobahnen nicht; er ist die ganze Fahrt panisch, schon bevor er mich gesehen hat. Im Krankenhaus versucht Jibé lustig zu sein, Witze zu machen, mich zum Lachen zu bringen, sich nicht anmerken zu lassen, wie er sich eigentlich fühlt. Als die Besuchszeit vorbei ist, gebe ich ihm einen Kuss und den Schlüssel zur Wohnung: Wie sich herausstellt, bin nicht ich es, die Zeit mit Ezekiels Date in unserer Wohnung verbringt – sie haben ihre Affäre beendet – sondern Ezekiel mit meinem. Jibé fängt an sich am Späti zu betrinken, ist traurig. Er weint zum ersten Mal seit Jahren und ruft danach Ezekiel an, sie gehen in eine Bar, dann in einen Club. Kurz bevor sie den Türsteher erreichen, legt Ezekiel den Arm um Jibé und Jibé küsst Ezekiel auf den Hals; um ihre Chance reingelassen zu werden zu vergrößern, geben sie sich als Paar aus. Auf Ecstasy tanzen sie bis in den nächsten Morgen, an dem mir Jibé zum Abschied eine rote Rose mitbringt.
*
Erzählt Bachmann in „Malina“ die Liebesgeschichte einer scheiternden Dreiecksbeziehung? Ist es das, worin sich die Protagonistin verliert, zwischen dem, was an der Liebe so qualvoll ist? Zwischen Begehren, Eifersucht und Ignoranz? Der Roman endet mit dem Verschwinden der Schriftstellerin in einem Spalt der Wand ihrer Wohnung, aus der Malina hinterher alle Anzeichen ihrer Existenz entfernt: als hätte es sie nie gegeben. Oder ist es so: dass in dem Roman Malina und die Schriftstellerin zwei Teile derselben Person formen? Dass sie in sich gespalten ist? Vor diesem Hintergrund lautet die Frage nicht, mit welchem der beiden Männer wird sie enden, sondern: Wo liegt der Ursprung für ihr in sich getrennt sein?
*