11.02.2025

Cruelty & Devotion
/ Grausamkeit und Fürsorge (Teil 1)

Februar 2025

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I need to improve my English first, before I can´t think about learning German... I write and read good but I speak with a big French accent and still use my dictionary pocket sometimes... ideally a district cheaper than Kreuzberg, Neukölln... but I don’t know which one, Leipzig is the second option           
20:30

What is the link between cruelty and devotion for you? What does this mean for you?
20:32 

I find moments in human relationships (any kind) interesting where you cannot distinguish between cruelty and devotion so easily, moments in which what seems so contradictory becomes one. I wonder if embracing this contradiction allows us to transform a or even transcend the way we see, live and organize our world.
21:40 

Will you be here for Clara’s Birthday?
21:43

It’s very interesting... in French the word “devotion” is very religious, I don’t think you use it randomly
22:58

Yes, Clara lends me her apartment, I arrive on 15 august... toi aussi? Tu seras á berlin?
23:01

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Wir küssten uns in der Nacht zum 16. August auf dem Friedhof Dreifaltigkeit II, bis ein Fuchs kam und wir auf Claras Futon auswichen. Ich blieb eine Woche mit Jibé in der Bergmannstraße. Bis Clara von ihrer Norwegenreise wieder kam und Jibé uns ein Hotelzimmer buchte. Ich blieb fünf Tage mit Jibé im Hotel nahe Alexanderplatz.
Aus seinen Klamottentaschen legte er auf den Hotelzimmertisch: Xanax, Ritalin, Zigaretten, Venlafaxine, Clotrimazol, Sonnenbrille, Feuerzeug, Kreditkarte.
Kein Taschenwörterbuch.

–Did you use condoms?
–No.
–How are the orgasms with him?
–Don’t ask me a question like this.

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Regeln die wir aufstellten um sie wieder zu vergessen
Weil er zuerst alle Regeln brach
Weil er zuerst alle Regeln brach, bis auf zwei
Weil mir nur noch zwei Regeln zu brechen blieben
Weil ich fürs Gleichgewicht eine der zwei übriggebliebenen Regeln brach (niemanden aus unserem Freundeskreis)
Weil man keine Regeln aufstellen kann

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Read this, I think you would really love it. 1 Anhang
15:47
Am Abend zuhause:
–Did you have a look yet? On the text? I think you would really like it.
–Ah yes... not yet...

Nur so ein Murmeln. Ich liege im Bett, die Bettdecke bis unter mein Kinn gezogen, dabei ist es ist nicht einmal 21:00 Uhr. Ich merke, dass ich krank werde und dass ich das pdf nicht öffnen möchte, weil ich denke, dass er das von ihr haben könnte. Seit unserer Trennung vor einem Monat leben wir in unseren getrennten Zimmern (ich im Schlafzimmer, Ezekiel im Wohnzimmer), treffen uns im Flur oder in der Küche, klopfen an unseren Türen an, der höflichkeitshalber, durch das durchsichtige Mosaik sehen wir einander bereits. Sehen wie wir im Bett liegen oder am Schreibtisch sitzen. Aber niemals auf dem Sofa, das grau ist und das wir uns zu unserem Einzug neu bestellt und dessen einzelne Polsterteile wir aus dem eingeschweißten Plastik gezogen und drei Tage über unserem alten Teppich zum Lüften ausgebreitet hatten. Und das jetzt eine rote Blutspur von mir trägt, die mit jedem Tag verblasst: Sie bezeugt das letzte Mal, das ich mit ihm schlafen wollte, weswegen ich den Tampon absichtlich draußen ließ, und er aber nicht mehr, weil sie in Berlin war und er die Zeit eben mit ihr nutzen wollte. Er konnte nicht ahnen, dass seine Großmutter in wenigen Tagen in Sydney versterben würde, er sie also sowieso sehr bald wiedersehen konnte und es vor allem unsere Zeit war, die ablief; zu nutzen war. Ezekiel wollte mich in den Stunden davor auf dem Sofa nur halten. Ich lief aus während ich dachte: weil er sich an mir nicht verbrauchen wollte.

Wenige Tage später bekomme ich tatsächlich leichtes Fieber, vor allem habe ich Gliederschmerzen. Ich öffne das pdf an einem typischen Novembertag mit tiefhängender grauer Wolkendecke und dem von den Ästen abfallenden Laub: In „Alphabetical Diaries“ hat Sheila Heti ihre Sätze aus einem Jahrzehnt Tagebuchschreiben in eine Excel Tabelle hochgeladen und alphabetisch ordnen lassen. Immer wenn ihr die Arbeit an ihren Romanen „How should a Person be?“ und „Pure Color“ zu intensiv wurde, holte sie das Dokument hervor und bearbeitete die Sätze ihrer Tagebücher, schnitt aus und arrangierte neu bis aus 500,000 Wörtern 60,000 Wörter übrigblieben. Ihre Sätze lesen sich chaotisch und poetisch zu gleich und erzählen auf eine Weise von ihrer Welt, in der ich mich aufgehoben fühle zu dieser Zeit, in der ich mich nur noch zerstreue. Ich liege eine Woche in meinem Bett, dass direkt am Fenster meines kleinen Zimmers steht und von dem aus ich die Stadien des Kahlwerdens der Baumkronen beobachte, das Geschehen in den Altbauwohnungen auf der gegenüberliegenden Straßenseite oder einfach nur den Dreck, der in Regentropfenartigerform an meinen Fensterscheiben klebt und in der nur noch seltenen Herbstsonne schimmert. Ich lese „I love Dick“ von Chris Kraus und Sheila Hetis Tagebuch. Mit jeder Seite komme ich mir weniger verschwommen vor. Weniger isoliert. Und weil Sheila Heti damit meine neue Lieblingsautorin wird, downloade ich mir alle Bücher die ich von ihr auf libgen.is finden kann auf mein Kindl.

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Ezekiel sitzt am Schreibtisch, dem ehemaligen Esszimmertisch, und arbeitet an seinem neuen Film, den er aus found-footage aus dem Internet zusammenschneidet. Er zeigt immer zwei und einmal drei Videos in einer Sequenz, auf den ersten Blick mögen sie vielleicht unvereinbar erscheinen: An old white north american woman with dementia remembers how to play the piano; A line of squatting indian laborers synchronously hammer stakes into the ground; Monkeys swing leisurely form a tree into a lake, aber es gibt immer ein verbindendes Element und eigentlich wird das eine Video, wie er sagt: only with the second one complete. Um die Verbindung deutlicher zu machen oder besser gesagt: um sicher zu stellen, dass andere auch sehen können, was er in den Videos sieht, schreibt Ezekiel Gedichte unteranderem inspiriert von der dänischen Dichterin Inger Christensen und ihrem Langgedicht „alfabet“:

den herbst gibt es; den nachgeschmack und das nachdenken
gibt es; und das insichgehn gibt es; die engel,
die witwen und den elch gibt es; die einzelheiten
gibt es, die erinnerung, das licht der erinnerung;
und das nachleuchten gibt es, die eiche und die ulme
gibt es, und den wacholderbusch, die gleicheit, die einsamkeit
gibt es, und die eiderente und die spinne gibt es,
und den essig gibt es, und die nachwelt, die nachwelt

Nur, dass während ich die deutsche Übersetzung von per kirkeby lese, Ezekiel die englische Übersetzung von Susanna Nied liest:
early fall exists; aftertaste, aftertought;
seclusion and angels exist;
widows and elk exist; every
detail exists; oaks, elms,
junipers, sameness, loneliness exist;
eider ducks, spiders, and vinegar
exist, and the future, the future

Er spricht ein in sein Aufnahmegerät: 
old women forget
hammers hit
memories sparked
monkeys play
humans work

Ezekiel spielt dasselbe Spiel zwischen Schöpfung und Vernichtung, wie es ein Literaturkritiker im Internet über Christensens Langedicht schreibt. Sein vorheriger Film “JOY”, der aus zusammengeschnittenem Videomaterial von der Streaming Plattform Twich besteht (Menschen, die sich vor allem beim Schlafen streamen, aber auch Hühner kochen oder Kostüme schneidern), handelt von einer Intelligenz, die eines Tages lernt seine Erschaffer zu betrügen, in dem die Intelligenz nämlich statt die Träume der Menschen mit Stichworten für den Algorithmus zu kategorisieren, selber lernt zu träumen. Ezekiel ist großartig im Video-Schnitt. Ich beneide ihn für seine Technik und wie sicher er sich zwischen den Genres Essay, Dokumentation, Poetik und Fiktion bewegt. Ich beneide ihn für seine Disziplin. Ezekiel sitzt jeden Morgen am Schreibtisch, so als wäre nie was gewesen, als würde der Tisch wie immer mitten im Raum stehen, als Esstisch mit vier Stühlen, und jetzt nicht mitten an die Wand gerückt, oder als stünde er schon immer an die Wand gerückt, mit den aufgestellten Musikboxen rechts und links, und nur noch einem der Stühle. Wenn ich darüber nachdenke, spielte Ezekiel schon immer dieses Spiel zwischen Schöpfung und Vernichtung, oder wie ich es nenne: Grausamkeit und Fürsorge. Da waren zum Beispiel die frischen roten Linien, die auf seinem Rücken bei unserem ersten Date im Sommerbad Neukölln vom Chlorwasser brannten: It´s part of a physical practice, I like to travel through deep emotion through pain. I need to know, what is there beyond me? Sie stammten von den letzten Sitzungen seiner Psychoanalyse mit seinem 60 Jahre alten Analytiker von nach Beendigung der Therapie als Erweiterung der Therapie: die Kieferknochen zusammendrücken, bis es nicht mehr auszuhalten war und weinen und loslassen, den eigenen Körper verlassen.

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–Yes, you are right, I love her.
–I thought so, tell me more.
–I want to write like this too. I want Clara and me to be friends like Margaux and Sheila. We could make artistic projects together: Clara with her movies and me with my writing.
–It could be great. And the way she writes about New York... You could write in the same way about Berlin, don´t you think? The places, your friends.
–I would just have to start writing again. I couldn’t write all summer. I am scared I lost it.
–Of course you didn’t lose it. You always say that and then you are back at your desk. You always drag yourself trough misery and darkness, right before you start.
–I know, I torture myself. 
–Why do you laugh?
–I should start writing a diary. I know you always told me. I just don’t know how.
It´s difficult to write down what happened in actual scenes and not just my conclusion, interpretation, reflection of it. No one would actually be able to understand what happened. Not even me.
–Maybe write exactly this down.

*

Ein Screenshot von 2 Videos.
(c) Ezekiel Morgan