14.01.2020

Namenlose Geschichten – Geschichten ohne Namen #1

von Johann Krüger

Und dann stand sie plötzlich vor seiner Tür.
Eigentlich war das gar nicht ihre Art, einfach so vor fremden Türen zu stehen. Hier, wo sie war, nachts in der Kälte, vor einem nachtsilberblauen Haus. Einfach so dazustehen. Und nicht zu wissen, was man tun soll. Sie zittert, das weiß sie auch, sie weiß nur nicht, ob vor Angst oder Schreck oder Unwissenheit darüber, was jetzt kommt. Oder vor Kälte. Sie klingelt.
Nun steht sie da, und hat geklingelt. Hinter ihr, über ihr, neben ihr, lebensfeindliches Klima, die nahende Tür, doch sie weiß nicht, wohin. Dann öffnet sich die Tür, und sie fällt ihm um den Hals.
Er ist pflichtbewusst zur Tür gegangen, es hat geklingelt. Seine Eltern sind nicht im Haus, aber sie können es auch nicht sein, sie wollten bei Freunden übernachten. Er springt also von seinen Hausaufgaben auf, und eilt zur Tür, mit diesen kurzen, stechschrittartigen Schritten eines Fünftklässlern. Er öffnet, doch nicht die Kälte empfängt ihn, sondern sie.
Ihr ist egal, wer da steht. Ihr Gefühl übermannt sie, sie braucht Arme und eine Schulter. Als sie die Augen wieder langsam öffnet, findet sie sich in seinen Armen wieder. Es sind dünne Arme, eine knochige Schulter, nichts weiter. Aber sie kennt seinen Geruch, weiß, wer er ist.
Er ist überrannt, legt seine Arme vorsichtig um das schluchzende Etwas, das zur Tür hereingestürmt war, die immer noch offen steht. Das stört ihn ein bisschen, andererseits ist er gerade wohl beschäftigt. Er kennt auch sie, natürlich, schließlich sind sie Freunde, sie haben sich in der Uni kennengelernt. Also, nun ja, er wäre gern mit ihr befreundet, sie reden nur nicht wirklich häufig miteinander. Auch egal, darum geht es gerade gar nicht, schieb das beiseite.
Er dreht sich leicht, aber geschickt, und schließt die Tür mit einem sanften Ruck. Nicht unbedingt kräftiger, aber größer als sie ist er doch, und er schleift sie, sie bewegungslos, zur Couch. Es ist eine gelbe Couch, so ein sanftes dunkelbeigegelb, halb abgerappelt, aber sie hat ihre besten Jahre noch vor sich. Vor der Couch steht ein Fichtenholztisch, und darauf liegen sein Hausaufgaben. Wäre sie nicht bewusstlos gewesen über den Weg hinweg, hätte sie etwas von der Athmosphäre des Raumes einfangen können. Es ist alles dunkel, nur am Tisch steht eine gedimmte Stehlampe. Links von der Tür war eine Treppe, wahrscheinlich ins zweite Stockwerk und zum Keller. Dann kam ein Flur nach links, geradezu die Küche, in einem offenen Raum mit dem Wohnzimmer, das eher rechts liegt. Die Couchecke mit dem Tisch ist mit halbhohen Zwischenwänden etwas stillgelegt, wirkt wie ein kleiner Rückzugsort in dem hohen Raum.
Sie erwacht nun wieder aus ihrem halbkomatösen Zustand, findet sich auf einer Couch wieder. Wie sie dahingekommen ist, weiß sie allerdings nicht. Er sitzt neben ihr, auf diesem schmalen, rostgelben Ding, das wohl eigentlich für anderthalb Personen ausgelegt ist. Sie füllt gefühlt 1,25 Plätze davon aus. Er sitzt neben ihr, schaut sie fragend an. Sie beginnt zu stammeln, versucht zu erklären, warum sie mitten in der Nacht zu Hause ausgerissen ist, warum sie einfach nicht mehr konnte. Wie sie nicht wusste, wohin, und dann ziellos durch Berlin gefahren ist, und plötzlich stand sie vor seiner Tür.
Er runzelt die Stirn, der Brei ergibt noch nicht so viel Sinn. Ausgerissen, klar, aber warum sollte man seine Eltern nicht mehr lieben? Man muss sie doch nicht mehr lieben, wenn man geht, oder? Und wie kann man sie nicht lieben, wenn man mittags in der Uni seine Stullenbüchse aufmacht, und belegtes Fladenbrot mit Tomaten und Mozzarella findet? Machen das andere Mütter nicht? Und dann, wild umhergefahren, na klar, aber bis zu ihm muss sie seines Wissens nach einmal durch komplett Berlin. Und dann wohnt er noch 30 Gehminuten vom Bahnhof weg, und der Bus fährt um diese Zeit sicher nicht mehr. Woher sollte sie sein Adresse kennen? Wie kann es sein, dass gerade dieses Mädchen mitten in der Nacht vor seiner Tür steht?
Sie sieht, dass er die Stirn runzelt, und tut ihm nach. Warum ist er um diese Uhrzeit noch wach? Und das muss er ja, wenn er binnen Sekunden an der Tür war. Oder waren es Minuten? Und warum sitzen sie, Bein an Bein, auf dieser Couch. Ist ihm nichts besserer eingefallen, auf dem Boden liegt ein brauner Flauscheteppich, und an ihren tauenden Füßen spürt sie, dass es Bodenheizung gibt.
Er schaut in ihre weichen Augen, ein schöneres Waldgrün hat er noch nie gesehen. Er ist innerlich vollkommen zerwühlt, sitzt sie doch in der Vorlesung in letzter Zeit näher bei ihm, zwischen ihnen nur der andere Typ, von dem er nicht weiß, was er von ihm halten soll. Setzt sein Hirn doch immer in den Augenblicken aus, wenn sich ihre Blicke treffen, weiß er doch nicht, was das Ganze eigentlich soll. Klar hat er schon gehört von dieser Liebe, aber er sieht sich weder imstande dazu, noch weiß er, wozu das ganze Zeug überhaupt nötig ist. Außerdem angestaubt, selbst Romeo und Julia hatten solche Probleme.
Sie weiß, was er denkt, er sieht schon so verwirrt aus. Er weiß wohl nicht, was sie denkt. Starr behauptet sie, nichts von ihm zu halten, ist er doch noch ein halbes Kind, wenn auch in ihrem Alter. Klar, auch den Vergleich mit ihrem Freund verliert er haltlos. Aber nun, wo sich ihre Beine so liebevoll berühren, sie in seine kohlengrünen Augen schaut, die wiederum direkt in ihre blicken, nun ändert sich einiges.
Er schaut schon seit einigen Minuten in ihre Augen, ihm ist bewusst, dass es so nicht weitergehen kann. Er tut, was er heute schon bei dem Typen tat, bei dem er nicht weiß was er von ihm halten soll, er beugt sich erotisch hinüber, rückt nahe an sie heran, und dann sagt er mit diesem watteweichen Flüstern „Weißt du, was ich dir schon immer sagen wollte?“ Sie blickt ihn erwartungsvoll an, der Blickkontakt hatte sich nie gelöst, aber irgendwas hindert ihn daran, wie heute morgen „Du bist ein Spast“ zu sagen.
Plötzlich ist sein Mund direkt vor ihrem, sie weiß nicht, wie er dahinkam und warum, sie weiß nur, dass sie ihre großen Lippen auf seine legen wird, gerade sieht sie auch, dass es passt wie geschliffen. Als sie ihn in sich spürt, weiß sie, dass sie alles richtig gemacht hat. Er kriecht in sie hinein wie fadiger Nebel, setzt sich fest.
Er ist vollkommen aufgelöst, mit ihr auf diese Weise verschmolzen zu sein. Erlebt hat er so etwas noch nie, er wusste nicht mal, dass dieses Gefühl existiert, hatte noch nie etwas darüber gelesen. Nach dem Entsetzen kommt die Aufregung. Nach einiger Zeit wird daraus wiederum eine unbändige Ruhe.
Der aufmerksame Beobachter, der nicht existiert, wird feststellen, dass auf der Uhr an der Mikrowelle ein Zeit steht, die nicht dem Empfinden der beteiligten Personen gerecht wird. Wäre ein Hahn in der Nähe, würde er krähen.
Von irgendwoher kräht ein Hahn, sie hat ihr Zeitgefühl komplett verloren. Sie weiß nur, dass sie müde ist, weiß nicht mehr wo sie ist und wo sie hinwollte, sie könnte genausogut am Potsdamer Platz wie im Tiergarten sein. Sie weiß aber, wessen Armen und Beine sie an sich spürt, wessen Atem sie in ihrem Nacken spürt. Sie weiß, dass sie ihm nie wieder entfliehen möchte, hatte sie es auch schon so oft versucht.
Er hat sich mit der Situation nun auch angefunden, sucht noch seinen Weg in sich hinein, der zu diesem Punkt führt, an dem er sich jetzt befindet. Aber dort, wo er jetzt ist, springt er vor Mut jede Sekunde an die Decke, und spürt auch körperlich, wie viel toller dieses Gefühl als alles ist, was er kennt, und weiß, dass er es nie mehr missen möchte, nie mehr ohne sie.
So zerschmolzen liegen sie da, verpuffen ohne Knall, und verdunsten wie ein wuschiger Traum.