03.12.2019

Advent, Advent & Braun

von Jule Klockgeter

Advent, Advent

Advent, Advent, ein Lichtlein brennt,
erst eins, dann zwei, dann drei, dann vier
dann steht Weihnachten vor der Tür.
Und das sogar schon im August.
Unauffällig füllen sich Körbe und Regale,
mit Lebkuchen und Orangenschale.
Denn wenn die Tage kürzer werden,
kumulieren sich doch die Beschwerden,
Müde, schlapp und antrieblos –
Ein Einkauf und du bist sie los!
Baumspitzen, Spekulatius und Glühwein
Danke Aldi – da sag ich nicht nein!
Ach schön, alle Jahre wieder ist es nun so weit-
Sie macht uns wieder munter, die Weihnachtszeit.

Advent, Advent, die Stadt, sie brennt
So lichterloh und farbenfroh
Färbt sich die Schicht aus feinen Staubpartikeln hoch oben,
So wird es nie dunkel, hier auf dem Boden
Der Tatsachen, (Pause) schaut niemand ins Gesicht,
weil dann die schöne Scheinwelt zerbricht.
Am Boden liegen Glühwein-Plastikbecher, die Parkplätze, gerammelt voll,
Motoren laufen um Aufzuheizen, danke Papa – toll,
die Umwelt bedankt sich.
Papa – wo ist der denn eigentlich?
Dort hinter der Fichte steht er klamm und heimlich
Und kippt einen ordentlichen Schuss Amaretto in den Glühwein –
Es wackelt schon, das rechte Standbein.
Er ist doch schon seit Jahren trocken – doch haut’s ihn diesmal aus den Socken –
Als Tante, Onkel, Cousins, Cousinen,
zu Besuch kommen, mit Schnapspralinen.
Ein petit Fours und Mon Cherie,
jetzt füttert er sie wieder, die Alkoholindustrie.
Schmeißt ihr die Scheinchen in den Rachen,
für Wodka, Schnaps und solche Sachen.
Mama hat’s gesehen, oh wei – jetzt ist die schöne Zeit vorbei.
Der Weihnachtsabend ohne Papa,
denn der könnte dem Sekt und Grappa,
nicht wiederstehen.
Bald könnt ihr ihn wiedersehen – in der Suchtklinik.

Advent , Advent, lauf los, sie rennt
Die Zeit, zu zweit,
von Weihnachtsfeier zu Weihnachtsfeier
das stundenlange Rumgeeier
in den Menschenmassen des Weihnachtsmarkts
Zwischen Blockhütten, Ehestreit und Kinder-Quäken,
verlier ich dich – und mich
Die Reize überflutet, die Sinne wirbeln umher,
Ein Jagdhorn, das laut tutet, die Augen werden schwer
Der Duft von Schmalzgebäck und Kinderpunsch
vermischt sich
Mit Frittierfettqualm und meinem Wunsch
Mich aufzulösen
Das Schmalzgebäck ist ruckzuck weg, von dem dicken Mann,
der laut schmatzt und nicht mal seine Füße sehen kann.
Ein Hoch auf Humaninsulin, Betablocker und Metformin
Die Diabetologen bedanken sich.
Schellende Töne hallen von eh und je,
Helene Fischer singt von Liebe und Schnee,
wo ist bloß mein geliebter Frank Sinatra geblieben..
verschwunden ist er, weg, vertrieben,
verstaubt die Venyl im Plattenregal.
Mein Blick schweift durch die Menschenmengen,
fällt runter – und bleibt plötzlich hängen.
Zwischen Wollsocken und Skistiefeln sitzt ein kleiner Hund,
auch dem scheint’s alles hier zu bunt.
Ein Blick zwischen uns, ein Augenzwinkern, ein Schnaufen –
Mir geht’s wie dir – lass uns weglaufen.

Advent, Advent, ein Lichtlein brennt,
erst eins, dann zwei, dann drei, dann vier,
Menschen voller Habsucht, Gier
Im Rausch der Sonderangebote und Weihnachts-Sale-Parolen,
rennen sie wie auf heißen Kohlen,
zu allem, was glitzert, sich dreht oder blinkt,
auch wenn’s nach Chemie und Plastik stinkt.
Denn drauß‘ – aus China, komm ich her –
Bin weit gereist, gar über’s Meer,
hab dabei dank Kerosin die Luft mit Co2 angereichert,
damit jemand wie du, es nun warm und weich hat,
trotz Winter.
Ich bin dein Geschenk, pack mich aus –
zum Adventssonntag und Nikolaus.
Wasch mich mit kochendem Wasser und lüfte mich aus,
dann geht auch der fiese Geruch aus mir heraus,
und du kannst dich mit mir vergnügen.
aber nur kurz.
Denn nach zweimaligen Gebrauch bin ich leider kaputt.
Die Industrie dankt dem stetig-ansteigendem Geldfluss,
das hat sicher so gewollt, der liebe Jesus..
A pros pros – wer war das noch gleich?

Die vierte Kerze brennt hinab,
das heiße Wachs fließt am Stamm herab,
die Uhr, sie tickt, die Flamme züngelt
der Docht glüht auf, das Glöckchen klingelt,
Ich breche das letzte Türchen auf
und drücke langsam, seufzend den Wohnzimmertürknauf
Ich blicke hinein, Du schaust mich an –
DAS mag ich so sehr daran – an Weihnachten.
Dein Lächeln, das mir Wärme verleiht
nun endlich haben wir Zeit zu zweit. Ein bundesweiter Feiertag.
Danke Weihnachten.

Braun

Braun. Ich versinke in dem tiefen, glänzenden, weitem und doch mir so nahem Nussbraun deiner Augen. Die Ellenbogen unethischerweise auf den Tisch gestützt, schaue ich dich an, sinke in dich hinein, und fühl mich plötzlich so klein. Es ist leise. Schön, auf eine ganz besondre Art und Weise, wie das summende Zwitschern einer Meise, die Aufregung vor einer Fernreise, die brennende Süße hunderter Schokoeise.
Der Raum füllt sich mit zarten Tönen. KlaWIR. KlaICH und KlaDU. Mache beide Augen zu. Mein Kopf dreht sich, sanft und herrlich, schmecke ich die Töne. Moll. Undzwar ganz schön doll. Alles irgendwie. Ich denke an die Zeit zurück, nur ein klitzekleines Stück. Du und ich. KlaDu und KlaIch. Die Melodie trägt mich zu den bitteren Worten, den wundersamen Orten, die wir teilen. Sie weicht mich auf, als warte sie nur darauf: das mein Eis bricht. Und so rollt sie ganz schlicht, mit Nichten zu übersehen, und doch, als würde sie wegwehen. Eine Träne. Ich schmecke das Salz. Das Salz der Träne mit dem Zucker des Lebens. So schmeckt Glück. Süß und doch salzig, manchmal bitter, wie im tosenden Gewitter; mischt sich all das. Glück, hier mit dir zu sitzen, Fingerspitzen auf Fingerspitzen, schaue ich dich an. Man könnte meinen, ich würde weinen – doch das ist nur das Glück. Das sich kullernd den Weg im pianissimo wangenabwärts bahnt. Und als hättest du es geahnt – lächelst du mich an.
Du und ich. Hier. KlaWIR.