05.11.2019

September 2019

Josephine Bätz

leise ausatmen – ganz leise – und cut

Morgens, bevor sie aufsteht, als Erstes, schreibt sie seinen Namen auf. Sie nimmt die Hand unter der Decke hervor; tastet nach dem Stift. Rollt sich auf die Seite, zielt auf den Block auf dem Nachttisch. Sie schreibt sehr ordentlich, keine missverständlichen Buchstaben. Sie steckt den Block in die Nachttischschublade. Dann erst wacht sie richtig auf. Einen Moment bleibt sie so liegen, halb aufrecht, den Ellbogen aufgestützt. Neben ihr im Bett bewegt sich etwas, sie hat ihn geweckt. Sie fährt sich mit der Hand übers Gesicht, dann lächelt sie.

Sie geht zum Bäcker. Der um die Ecke, den sie gut kennt. Es ist besser, sich an wenige Leute zu halten. Sicherer. Sie drückt gegen die Tür, aus dem Inneren strömt warme Luft. Die Bäckerin begrüßt sie freundlich und gut gelaunt. Sie zieht einen Zettel aus der Tasche. Bäckerin Schmidt. Wenn sie nicht die vollen Namen kennt, reichen auch die Berufe. Oder sonstige Funktionsbezeichnungen. Es hat ein paar Versuche gebraucht, um das herauszufinden. Zu viele, aber jeder ist einer zu viel.

Als sie den Laden verlässt, fällt ihr die Aushilfe ein und sie erschrickt. Aber nein, sie hat sie aufgeschrieben. Wahrscheinlich hat die einfach frei, oder sie ist krank. Erleichtert macht sie sich wieder auf den Weg.
Im Supermarkt sitzt der nette Kassierer an Kasse 3, wie er das immer tut. Er ist der Einzige, der hier Vollzeit arbeitet. Er scannt die Waren, eine nach der anderen, und will am Ende selbst seinen Namen auf den Zettel schreiben. Seine Nummer auch. Sie lehnt ab. Nicht unfreundlich, aber bestimmt. Wie sonst auch. Es funktioniert nur, wenn sie selbst schreibt. Dass er nie näher nachfragt, rechnet sie ihm hoch an.

Abends im Späti reicht ihr Verkäufer Uwe die offene Bierflasche über den Tresen. Sie setzt sich damit draußen auf eine Bank. Neben ihr liegt der Spielplatz, ein paar Studenten turnen im Dunkeln an den Gerüsten. Es ist etwas abgelegen hier, aber sie macht sich keine Sorgen. Stattdessen überlegt sie, ob das, was sie tut, nur in eine Richtung funktioniert. Könnte sie gefährlich sein, wenn sie es will? Aber dafür muss sie das an jemandem ausprobieren. Sowieso ist sie nicht sicher, was die Gegenhandlung zum Vergessen sein soll.

Sie schreibt morgens seinen Namen auf, wie sie die Pille nimmt und die Kaffeemaschine befüllt: Automatisiert und fast gedankenlos. Nur Fehler erlaubt sie sich nicht, nie. Marcel Ruben Körner schreibt sie hin. Er hasst seinen zweiten Vornamen und einmal hat er einen der Zettel gefunden, ihn zerrissen und sie gefragt, was das soll. Sie hat fast einen Herzinfarkt bekommen, aber nichts ist passiert. Natürlich nicht. Genauso wenig, wie es einen Unterschied macht, wenn er seinen Namen schreibt. Sie wollte ihm erklären, dass sie den vollen Namen unbedingt benutzen muss, um sicherzugehen. Dass sie aufmerksam sein muss, jeden Tag. Immer. Dass sie Albträume hat davon, morgens aufzuwachen und neben sich zu greifen, nur um einen leeren Zettel mit dem gestrigen Datum in der Hand zu halten. Sie wollte es ihm erklären, wirklich, aber er versteht nicht einmal, wo das Problem liegt. Oder was die Konsequenzen wären, wenn sie vergäße.

Auf dem Weg zur Arbeit trifft sie Lara in der S-Bahn. Lara wartet morgens immer auf sie und wundert sich, dass sie anfängt zu schreiben, sobald sie sich sehen. Ich bekomme immer so Ideen für Geschichten morgens, sagt sie dann zu Lara. Aber mit dem Aufschreiben muss ich warten, bis du kommst. Sonst vergesse ich alles wieder. Lara akzeptiert die Antwort als den seltsamen Prozess, mit dem schriftstellerische Kreativität ausgeschöpft wird. Hin und wieder merkt sie an, dass sie die Geschichten aber unbedingt lesen will, wenn sie fertig sind. Sie verspricht das jedes Mal, und schickt ihr natürlich nichts. Sie schreibt keine Geschichten. Die Realität ist aufwendig genug. Aber Lara ist eine beruhigende Konstante. Und bohrt nie zu tief nach bei Themen, die ihr offensichtlich unangenehm sind. Wie ein Nebencharakter in einem Fantasyfilm. Oder eine Spielfigur. 
Auf Arbeit ist es ruhig und sie hat Zeit, ihre Liste durchzugehen. Ihre Kollegen im Büro, die beiden Sekretärinnen, die Frau aus der gegenüberliegenden Abteilung. Charlotte, die sie immer mal wieder zum Essen einlädt. Die Handwerker stehen nicht auf ihrer Liste; aber das macht nichts, sie sind sowieso nur ein paar Tage lang da. Solange sie ihre Namen nicht lernt, kann ihnen nichts passieren. Jedes Mal, wenn sie jemandem begegnet, muss sie entscheiden, ob ihr Namensgedächtnis sehr gut oder sehr schlecht ist. Wenn es gut ist, freundet sie sich an. Die Alternative wäre zu grausam. 

Sie überfliegt die Liste noch einmal gedankenverloren und erschrickt, überprüft ein zweites Mal. Sie hat sich nicht getäuscht. Ihre Hände fangen an zu zittern. Es dauert mehrere Minuten, bis sie aufstehen und mit unsicheren Schritten zum Büro ihres Chefs gehen kann. Im Vorzimmer sitzt die Sekretärin, die den Kopf bereits schüttelt, als sie zur Tür hereinschaut. Ist er nicht da, fragt sie trotzdem und hofft, dass man ihrer Stimme nichts anmerkt. Die Sekretärin schaut überrascht. Wer, fragt sie. Ach so, der neue Chef kommt erst gegen Mittag und stellt sich dann vor. Ihr sackt der Magen weg. Sie schafft es gerade noch, irgendwas zu murmeln, bevor sie zur Toilette rennt, in die Kabine stürzt und sich in die nächstbeste Kloschüssel übergibt. Sie hat vergessen, den Namen aufzuschreiben. Irgendwann gibt es nichts mehr, was sie ausspeien kann und sie steht langsam wieder auf, klappt den Klodeckel zu. Setzt sich darauf. Zieht Zettel und Stift aus der Tasche. Welche Namen hat sie noch nicht benutzt? Karl geht. Karl Wintergarten. Sie schreibt den Namen auf, dahinter die Funktion. Jetzt heißt es warten. Sie versucht, nicht darüber nachzudenken, und kehrt zurück an ihren Platz. Um sie herum wissen schon alle, dass ein neuer Chef kommt. Sie spekulieren darüber, wer unter ihm wohl als nächstes befördert wird. Die Realität passt sich schnell an fehlende Figuren an, schafft neue Umstände und füllt die Lücken aus. 
Nach etwa einer Stunde klopft sie das nächste Mal an die Bürotür. Die Sekretärin lässt sie durch; der neue Chef ist etwas resoluter, ein bisschen selbstbewusster und jünger. Der alte Chef war kurz vor der Rente. Es ekelt sie an, dass sie sich dadurch besser fühlt. Sie fasst ihm kurz die Eckdaten eines neuen Projekts zusammen und flüchtet fast aus dem gut klimatisierten Raum. Den Rest des Tages wird ihr schlecht, wenn sie in die Nähe der Tür kommt. Sie nimmt sich vor, den Namen des Chefs in Zukunft gleich morgens zu überprüfen.

Als sie nach Hause kommt, fühlt sie sich wie gerädert und ihre Muskeln schmerzen wahnsinnig. Eigentlich will sie direkt ins Bett fallen, aber Marcel wartet in der Küche auf sie. Vor ihm auf dem Tisch liegt ein Stapel Zettel. Sie erkennt ihre eigene Handschrift. Überall, wo er steht, ist sein zweiter Name durchgestrichen. Er sieht wütend aus und etwas besorgt. Das kann so nicht weitergehen, sagt er. Du brauchst Hilfe. Sie sagt nichts. Sie weiß, dass er sich die Wut selbst nicht erklären kann. Bei den Nachfolgern ist das meistens so, irgendwas bleibt immer übrig, wenn sie sich nicht genug Mühe gibt. Und Ruben vollständig verschwinden zu lassen, hat sie einfach nicht übers Herz gebracht. Er sagt, sie sollte am besten gehen, er braucht eine Pause von dem Ganzen, um wieder klar denken zu können. Sie erinnert sich, es ist seine Wohnung. Sie sagt immer noch nichts, packt nur ein paar Sachen zusammen und bleibt zögernd in der Küchentür stehen. Aber sie braucht die Zettel ja gar nicht mitzunehmen, es geht ums Erinnern. Das ist der wichtige Teil. Als sie die Wohnungstür von außen ins Schloss fallen lässt, schaut sie ihn ein letztes Mal an. Er ist kurz vorm Weinen. In ihrer eigenen Wohnung angekommen, setzt sie sich aufs Bett. 

Gegen Mitternacht hält sie es nicht mehr aus und geht zum Späti. Verkäufer Uwe reicht ihr ein offenes Bier über die Theke und setzt sich mit ihr nach draußen auf die Bank. Er redet nicht, und das ist ihr sehr recht. Als sie sich gegen vier dann doch wieder auf den Heimweg macht, ist sie in Gedanken versunken. Sie taucht unter das Baugerüst an ihrem Haus und zieht den Zettel aus der Tasche. Im Gehen schreibt sie Verkäufer Uwes Namen auf. Das sollte der letzte sein für diesen Tag. In diesem Moment hört sie ein Geräusch, über ihr auf dem Gerüst verliert jemand den Halt, klammert sich an den Metallstangen fest…
Der Student, der zum Rauchen rausgegangen ist, das Adrenalin noch in den Ohren, schaut seiner Bierflasche auf dem Weg nach unten hinterher…

Sie springt instinktiv zur Seite, presst sich an die Hauswand…
Am Morgen schreckt sie zur gewohnten Zeit auf und greift nach dem Stift. Marcel Ruben Körner. Sie bekommt den Stift nicht zu fassen; als sie genauer hinschaut, sieht sie, dass ihre Finger durch das Holz hindurchgleiten. Erschreckt tastet sie nach allem in ihrer Umgebung, nichts lässt sich anfassen. Nur ihr Körper ist noch fest und da. Ihr Körper, der keinen Schlafanzug trägt, sondern T-Shirt und Jeans. In ihrer Hosentasche sind Zettel und Stift von gestern, sie schreibt das heutige Datum auf und darunter seinen Namen. Erste Aufgabe erledigt. 
Neben ihr bewegt sich etwas im Bett. Marcel wacht auf; er blickt in ihre Richtung, schaut sie aber nicht an. Es klingelt. Ich geh ran, sagt sie, aber sie hat schon ein seltsames Gefühl. Marcel beachtet das Gesagte nicht und geht zur Tür. Sie hört nur halb hin, weil sie gerade damit beschäftigt ist, festzustellen, was sie berühren kann und was nicht. Ihre Kleidung, die sie anhat, ist mehr oder weniger das Einzige, was übrigbleibt. Sie horcht auf, als die Person vor der Tür – ein Polizist, wie sie jetzt merkt – irgendwas von Krankenhaus sagt. Und dass man nichts mehr machen kann. Marcel schlägt dem Mann die Tür vor der Nase zu, eine Schreckreaktion. Er dreht sich um, sein Gesicht ist völlig ausdruckslos. Das erneute Klingeln ignoriert er, bis es aufhört. Sie überlegt kurz, ob sie zu ihm gehen soll. Aber er sieht sie nicht und nimmt sie auch anders nicht wahr. 

Marcel hat sich auf das Bett fallen lassen und starrt ins Leere. Es wundert sie ein wenig, wie starr er wirkt; das hätte sie nicht erwartet. Sie setzt sich ihm gegenüber auf den Boden und denkt. Bis es ihr einfällt. Niemand kann sie sehen und hören; aber sie hat Marcel auf die Liste geschrieben. Wie jeden Morgen. Und er ist noch da. Sie schaut ihn eine Weile an, dann steht sie auf, wirft einen Blick durch die Wohnung. Von nun an wird sie wieder in ihrer eigenen schlafen. Wahrscheinlich nicht alleine, leerstehen lassen wird man die wohl nicht. Aber sie stört ja nicht. Sie faltet den Zettel zusammen. Demnächst muss sie herausfinden, wie sie an neues Papier kommen kann. Sie steckt ihn in die Hosentasche. Hält den Stift in der Hand. Sie geht durch die Wohnungstür auf den Flur, ohne sich umzugucken. Dann auf die Straße. Es gibt Arbeit zu tun.

[new jobs for the underworld]

today the sky lies almost flat overland
& standing upright at all puts a weight
on everyone’s shoulders
on my way to the supermarket i open
every window i can find & return
home where the candles keep
burning no matter how often
i extinguish them

on the pavement the leaves turn to mush
then to crisp then to frost & the smell
of something rotten makes throats sore
in passing
squirrels on the trees rub their paws
to keep warm

every morning on the way
to college i walk against the sun
getting weaker & hold up the lighter
clouds with my spine
there’s a few others around
all of them struggling for balance
some of them breaking down 
under it

the sky comes closer each year
to ever fewer of us

[lyrische begleitung einer hausarbeit]

fauchend legen sich belüftungsklappen in form / & der laptop raucht sich durch alle stadien der trauer / nach drei stunden spätestens gefriert ihm das bild / im gesicht & der horizont schrumpft / auf diesen einen tisch mit den seltsamen ecken zusammen / hin und wieder wandert sonne über den fleckigen bildschirm / vor der ich sitze ich nutze die tastatur ab / bis in den abend dann steht alles / gleichzeitig auf schichtet die körbe / & sucht seine dinge zusammen / verlässt den raum & die regale vergleichen ihre bestände / bringen sich für die nacht in formation setzen staub an / & atmen sich bis zum morgen

[turmstraße]

verkehrsinsel kirche da hüpfen ratten durch den park den toilettenhäuschen entgegen / eins nach dem anderen klappen die geschäfte ihre eingangstüren zu / für die nacht und es dämmert die konturen der passanten weich / vor dem u-bahnhof legt sich ein humpelnder hund die beine zurecht / und hebt den kopf in eine nachdenklichere position / beim laufen dreht sich der wind mit den fußsohlen mit / und die ohren gedämpft durch umgebende gedanken / nehmen die nachtlichter der supermärkte viel zu leise wahr / der asphalt lehnt sich von unten an mich an und von oben / ziehen tauben die sichtfeldgrenzen im sturzflug nach / bauen sich nester auf stahlspitzen / und holen sich die waschlappen zum polstern in der drogerie / um mich wickelt sich der sommer als summender ton / legt sich auf fingerspitzen mit leichtem neonschimmer dahinter / ist herbst