05.11.2019

Oktober 2019

Josephine Bätz

Force Fields In Public Spaces

In die S-Bahn steigt eine Frau ein und beginnt zu schreien. Urplötzlich, als ob irgendein Geräusch oder Blick einen Schalter umgelegt hat. Sie klammert sich beim Luftholen mit beiden Händen an der Haltestange fest. Die Rippen hat sie dagegen gebogen, sie fixiert sich dort, sie ist klein. Schulterlange Haare in einem ordentlichen Pferdeschwanz. Sie schreit so laut, dass den Passagieren neben ihr die Trommelfelle knacken. Niemand versteht die Sprache, die sie spricht; oder vielleicht tun alle nur so, weil es unangenehm ist oder vielleicht verzerrt der Würgereiz ihre Wörter bis zur Unkenntlichkeit. Sie kotzt im Tonfall der wahnsinnig Verzweifelten Silben aus. Am Anfang klingt sie spitz, durchgeladen, und fährt den Umsitzenden in aller Schärfe in den Kopf. Mit der Zeit, Haltestelle um Haltestelle, wird sie heiser, ihr Körper bebt wie von einer Gewalt. Um sie herum bildet sich ein scharf abgegrenzter Raum, an dem sich alle, die durchgehen, instinktiv vorbeiquetschen. Einer stößt fast an die Notbremse beim Ausweichversuch. Im Umkreis von etwa fünf Metern hat niemand ein Handy am Ohr und es finden keine Gespräche statt.

Es ist nicht meins

Es ist zu warm und zu kalt für den Herbst. Wir laufen mit Winterjacken durch die Stadt und schwitzen, wir laufen im T-Shirt durch die Straßen und frieren. Blätter auf den Gehwegen sind zu matschig zum Aufkehren. Ich rutsche aus, wenn ich schnell die Richtung wechseln will und merke, dass ich allein im T-Shirt bin. Alle anderen haben ihre Winterjacken wieder angezogen und schlottern. Niemand schaut mich an, aber auf eine andere Art als gewöhnlich; als ob sie warten, dass mir etwas passiert. Ich gehe ein bisschen langsamer und ein wenig näher an den Hauseingängen und Einfahrten vorbei. Sie sehen ungewohnt aus. Die Menschen auch. Als ob ich sie kennen sollte, mich aber partout nicht an den Zusammenhang erinnern kann. Oder wie Leute, die sich einer Schönheitsoperation unterzogen haben und ich versuche, aus den letzten vertrauten Resten Einheiten herzustellen. 

Kein Hund bellt, obwohl ich fast durch die Hecken gehe, so nahe komme ich den Grundstücken. Ich habe vergessen, warum ich aufgebrochen bin. Die Sonne scheint, Fahrräder sind an den Verkehrsschildern festgefroren. Sie jaulen leise, wenn man sie berührt. Ich will jemanden nach dem Weg fragen, aber niemand stellt Blickkontakt her. Sowieso spreche ich nicht gerne Fremde an; oder ich glaube, dass es früher so war. Inzwischen weiß ich auch nicht mehr, von wo ich aufgebrochen bin, ich kann also nicht zurück. Nach langem Überlegen halte ich einen Passanten an und frage nach dem Weg zur nächsten Bushaltestelle. Er zögert kurz, bleibt dann doch stehen und sagt mir, dass ich bereits an einer stehe. Als ich mich umdrehe, steht neben mir auf einmal ein Wartehäuschen; der Mann nutzt den Moment der Unaufmerksamkeit und hastet davon. Ich hole mein Handy aus der Tasche, um nach dem Weg zu schauen oder nach irgendeiner Person, die ich anrufen kann. Meine Kontaktliste ist, als ich sie aufmache, leer. Das Handy ist auf Werkseinstellungen und beginnt sofort mit einem Update. Ratlos lasse ich einen Bus vorbeifahren, dann einen zweiten, und beginne schließlich zu laufen. In die entgegengesetzte Richtung, auf die nachfolgenden Busse zu. Es ist kühler geworden, beim Gehen beißt mir die Kälte ins Rückgrat. Meine Muskeln schmerzen, ohne, dass ich den Grund weiß; ich habe nie in meinem Leben Sport gemacht. Ich taste nach der Winterjacke über meinem Arm. Sie ist weg.

[winter]

etwas hat sich auf die stadt gesenkt hat uns die
stimmbänder vereist jetzt brechen buchstaben beim
ausspucken ab gespräche verebben nicht mehr
sie splittern und überall wortreste
mit unschönen sägekanten die schlitzen unsere
rachen auf zwischen den sätzen
kommt blut

wenn wir schreien wollen
entfallen uns die ausdrücke und beim sprechen
stopfen sich wörter in jede verfügbare ritze
wir erzählen nur noch schleppend so groß ist
das gewicht wechseln die sprachen as if
that was going to help us
but der effekt is dezelfde jedes mal
alles was wir benennen
kristallisiert bis ins nächste jahr hinein

manche beschreiben es als hörbaren dunst
und andere ziehen sich völlig zurück aufs papier
wir sprechen langsamer jeden tag wir sprechen uns
zum stillstand

[in der bäckerei]

aus der kühltruhe kommt ein leuchten wenn man die tür öffnet und die kasse piept einen tick zu schrill papiertüten rascheln und über uns dröhnt eine s-bahn in die knochen hinein überhörte gespräche klingen fast wie ein quieken wenn man nur halb dabei ist und die offene milchtüte strömt langsam einen geruch aus von einskommafünf prozent über die abgeschabten tische und ein kleines kind schaut brötchen an wie groß ist groß und ist walnuss okay es legt sich ein schleier über den raum sobald jemand die küchentür aufstößt und dann sind die brillengläser frei dahinter privatgebiet jemand wechselt die sprache mitten im satz das kind weint weil das angebot groß ist und dann entscheidet es laugenzopf