11.06.2019

Mai 2019

Josephine Bätz

[ein drittel luft]

die gedanken die wir austauschen sind
eigentlich kontakt oder genauer wir hängen
in fäden aneinander völlig fremde
hier im sommer auf der straße
& nehmen bestände auf wir zeichnen alles
ab was fehlt & alles was seinen platz
einnimmt

präzise abgemessen füllen sich die
organe an & in der schleichenden wärme
dehnt man sich aus eine
verbindung über die straßenseiten
autos verlangsamen wenn sie
unseren blickhalm überfahren
ihn kabelartig kurz zusammenknicken

der baum an dem du stehst wirkt fast so fest
wie du & beim anlehnen sinkst du
nur wenig in die rinde ein blätter fallen dir
mit nachdruck aber nicht mit gewalt
auf die schultern als ob sie auf
merksamkeit aus sind
wir du & ich
halten blickkontakt
& hören zu

[Es bemüht sich]

Eins: Der Campus schnarcht.
Es ist schon wieder warm geworden über Nacht, aber plötzlich, und alle laufen in ihren Win-terjacken rum. Unterm Wind, auf der strukturellen Ebene, spürt man immer noch die Kälte. Aber die Luft flimmert, wie sie das tut, wenn es heiß ist, und der Campus verschwimmt leicht beim darauf Zugehen. Beim Hinschauen hebt und senkt sich die Kuppel wie ein schlafendes Tier. Ich bekomme das Gefühl, dass ich taub werden müsste, wenn ich die Frequenzen wahr-nehmen könnte, die hier am Werk sind. Die Luft schmeckt und ich versuche, mich gedanklich zu fokussieren. Heute fällt mir alles ins Gesicht. Wer die Schwingtür am Haupteingang hinter sich zufallen lässt, ändert die Bewegungsart und beginnt zu wuseln.

Zwei: Der Campus stellt sich gerade hin.
Die Steine haben eine Geradlinigkeit, die über ihre geometrische Form hinausgeht. Die Sta-tuen wirken unmenschlich in ihrer Kantigkeit, aber das ist vermutlich auch besser so. Wer will schon beim Vorbeigehen auf einmal schwere Hände auf den Schultern spüren? Sie haben keine Pferde, sonst würde ich mir vielleicht eins ausleihen. So trete ich normal durch den Ein-gang. Aus dem Augenwinkel denke ich, die Wände rücken zusammen; aber sie bleiben fast krampfhaft starr. Sie halten sich aufrecht, als ob sie die Steine durch Druck und nicht Mörtel beieinander halten müssten. Unten im Hof gibt es einen Bücherbasar. Oben spannen Wasser-speier die Muskeln an. Niemand weiß, wo sie hergekommen sind. Sie breiten ihre Flügel aus und lächeln.

Drei: Der Campus schwebt.
Zwanzigster Stock, so hoch kann einem das Essen im Aufzug gar nicht kommen. Aber meine Füße stehen einen Tick leichter auf dem Boden; als ob sie nicht mein ganzes Gewicht tragen müssen. Durch das Fenster duckt sich die Stadt, sie hat Angst. Oder keine Abwehr gegen den Wind um die Ohren. Die Mensa ist mit Stühlen dicht bestapelt, trotzdem bewegt man sich nicht eingeengt, sondern wie auf Aussichtsplattformen, wo der Raum einen von allen Seiten auseinanderzieht. Man schwankt, damit das Gebäude stillstehen kann. Hinter mir klappert Besteck; vorwärts kann ich über Hausdächer bis zur Sonne sehen, die auf dem Horizont liegt und ausblutet. Das Gebäude streckt sich nach oben aus und versenkt die Antennen in Abend-wolken. Drinnen taste ich mit.


[rettungsgasse]

an der ampel bewegt man sich & man bewegt sich
zu langsam & man bewegt sich allein im eigenen
rhythmus von außen schneiden sirenen
ins trommelfell & blaulicht zuckt
durch die spiegel & und man dreht sich
nicht weit genug aus dem weg allgemein
passiert gerade alles
mit halber geschwindigkeit & die sirenen
treiben die räder der autos an stellen sie schräg
eins wuchtet sich kante an kante
mit dem signal auf den
bürgersteig & die fußgänger am straßenrand
(in gedanken) schieben es an

Was sich zu lange anschaut, wird Maschine (II)

Wir haben uns seit einer Woche nicht gesehen, aber heute ist wieder ein Termin vereinbart. Er meinte, wir bewegen uns so langsam auf die nächste Stufe zu. Auch, wenn es noch etwas dau-ert, bis wir dahinkommen werden. Letztes Mal habe ich aus Versehen eine Lagerhalle einge-rissen und mich furchtbar erschrocken, bis er meinte, das sei normal. Die sind extra dafür ge-baut, hat er gesagt. Dass sie nachgeben, wenn du durchwillst. Sonst manifestierst du dich viel-leicht in der Wand, und das ist keine schöne Erfahrung. Ich bin mir unsicher, ob er es wirklich schon einmal ausprobiert hat, aber das alles ist für mich noch zu neu, als dass ich darüber ein Urteil abgeben könnte. In diesem Moment biegt er um die Ecke, er sieht leicht mitgenommen aus. Wie jemand, der gerannt ist, um noch rechtzeitig anzukommen. Oder seit ein paar Tagen nicht geschlafen hat.

Letzteres, sagt er, als ich ihn frage. Ein paar von ihnen waren wieder in der S-Bahn und ich bin nur ziemlich knapp da rausgekommen. Danach musste ich erstmal ne Weile abtauchen, bis sie meine Spur verloren hatten. Ich will nachfragen, lasse es dann aber. Bisher hat er sich immer geweigert, mir zu sagen, was sie eigentlich sind. Nur dass sie gefährlich sind, habe ich mitbekommen. Das erfährst du schon noch, sagt er, als hätte ich das alles laut ausgesprochen. Aber noch nicht jetzt, erst auf der nächsten Stufe oder so. Denkst du dir diese Stufen eigent-lich alleine aus, frage ich. Oder gibt es da ein System? Es gibt noch andere, falls es das ist, was du wissen willst. Er zögert, weiterzusprechen. Aber ein richtiges Ausbildungssystem mit Prüfungen und Erwartungshorizonten und so haben wir nicht. Oder ein pädagogisches Kon-zept. Ich versuche dir eigentlich die ganzen Techniken so beizubringen, wie ich sie damals von jemandem gelernt habe. Es ist eher so ein Mentoring-Konzept, wenn du verstehst, was ich meine.

Das Konzept ist eigentlich mehr oder weniger das gleiche wie bei festen Gebäuden, sagt er und behält den Zug im Auge. Sieht uns da nicht jemand, frage ich. Das ist doch ein normaler Zug. Aber auf dem Weg zum Depot, sagt er. Keine Fahrgäste, und der Zugführer ist einer von uns. Also auch keine Kameras. Und denk dran, nicht springen oder so. Sonst noch was, auf das ich achten muss? Der Fokus ändert sich, sagt er. Konzentrier dich ausschließlich auf den Zug und den Punkt darin, auf dem du landen willst. Die Umgebung solltest du dabei komplett ausblenden, die verwirrt dich nur. Ich nicke. Der Zug kommt näher und näher und wird dabei nicht langsamer. Jetzt ist er am Bahnsteig und ich fokussiere mich und steuere die Koordinaten an und der Zug rattert und zischt und mein Gehirn wirft gedanklich den Anker aus. Mein Körper fliegt hinterher, leicht, wie Stabhochspringer im Fernsehen immer aussehen und ich lande auf den Füßen, im Zugabteil. Fünf Zentimeter entfernt von der Stelle, die ich angesteuert habe, aber nichts von mir steckt in der Wand. Ich keuche wie nach einem Sprint.

Die Lautsprecher knacken und eine Stimme berlinert zu mir herein, dass ich mich gar nicht so schlecht angestellt habe. Dann landet er neben mir im Zug und erläutert, wo ich nächstes Mal noch besser aufpassen muss. Ich höre kaum hin, das Adrenalin zirkuliert noch in mir und ich fühle mich leicht auf den Füßen und im Kopf. Irgendwann merkt er das und schließt mit einer positiven Bewertung ab. Nächste Woche können wir uns an die dritte Stufe machen, sagt er. Aber erstmal gehen wir das hier noch ein paarmal durch. Im nächsten Moment stehen wir wieder am Bahnsteig und der Zug fährt von der anderen Seite ein. Über die Gleise huscht eine Maus. Ich fokussiere mich und werfe den Anker.