31.03.2020

Mai 2018

Charlotte Wührer

Gestern habe ich...

Gestern habe ich mit meiner ex-Freundin geskypt. Sie Flog vor einundeinhalb Jahren den weiten Weg von Australian nach Berlin, um hier ein Master Semester abzuschließen, und ist dann letzten März zurück geflogen. Ich kam in 2012 von England, um in Berlin Urlaub zu machen, und bin hängen geblieben, wie so viele. Meine ex-Freundin ist jetzt irgendwo, wo „es ist hier recht kalt geworden“ so was bedeutet wie: „es ist um die 20 Grad.“ Es gibt da Kängurus, und der Himmel ist größer und weiter und breiter und heller.

 

Immerhin, hier gibt es dafür gerade Schneeregen und Grau. (Ich tue so, wenn ich mit ihr rede, als ob es was Beneidenswertes wäre.) Schregen, so heißt es bei meiner Mitbewohnerin, mit der ich seit ein halbes Jahr meine 46qm Wohnung teile. Länger, sogar. Thank God for das Hochbett im Wohnzimmer. So richtig Kreuzberg ist die Wohnung, mit Dusche hinten in der Küche. Wenn man morgens frühstückt, sitzt man direkt vor einer orangenen Hängematte, die noch nie zum liegen und lesen benutzt wurde. (Wann habe ich das letzte Mal ein Buch gelesen, for fun, inhaliert wie früher bei meinen Eltern in meinem kleinen Zimmer unterm Dach?) Wenn meine Mitbewohnerin duscht und ich die Augen so halb zusammen kneife beim gekochtes Ei essen kann ich mir vorstellen, dass ich in Australian bin. Das Licht von der kahlen Glühbirne neben der Dusche strahlt sanft und gelblich durch die Hängematte, und es klingt wie mehrere Wasserfälle auf einmal. So stelle ich mir es vor da drüben.

Komm doch her, meinte meine ex-Freundin. Easy peasy, als ob ich wie ein flacher Stein so ganz lässig über die Erdoberfläche hüpfen könnte. Komm du doch her, sagte ich. Ich habe so viele Bücher noch von ihr, Kathy Acker, Hinton Al, Irvine Welsh. Eileen Myles habe ich damals im Flixbus auf dem Weg zur Ostsee mit ihr verloren. Das Buch, nicht die Frau. In Berlin guckt man nicht zwei mal wenn zwei Frauen sich küssen; in Stralsund war es eine ganz andere Geschichte. Räucherfisch, einen merkwürdigen Schwäne-Dreier, die endlose, leere Strecke Sand, und Leute, die sich umdrehten und starrten. Daran erinnere ich mich.

Wir haben uns das letzte Mal im Mai 2017 auf dem Computerbildschirm gesehen. Da haben wir Schluss gemacht und beide leise geheult. Danach bin ich bei Anna Durkes Pistazien Eis essen gegangen, in einer meiner Lieblingsstraßen, die Graefestraße. Wenn ich mehr Geld hätte, würde ich da wohnen, mit Balkon und Badewanne und ganz viel Licht, alles weiß und sauber und ordentlich, und kein Kleinkram. Mahagonifarbene Holzdielen, die nicht knarren und quietschen, besonders dann, wenn man unsichtbar sein will, auf Zehenspitzen geht. In der Graefestraße wäre ich bestimmt „my best self“, wie man im Englischen so schön sagt.

Was ist passiert, fragte eine gute Freundin damals im Mai. Ich aß die dritte Kugel und erzählte. Sie hat mitgelitten. Ich stelle mir das schwierig vor, mitzuleiden, wenn man gerade Jemanden kennen gelernt hat. Es war Tag der Arbeit, alle tranken Bier unweit von der Eisdiele, und wanderten mit glasigen Augen die Oranienstrasse hoch und runter. Ich wollte einfach nur im Landwehrkanal mit nackte Beine und Plastik Hummus Topf auf dem Bauch balanciert im Schlauchboot liegen, den ganzen Sommer lang. Vielleicht auch mit Buch und Bier und Zigarette und Sonnenbrille. Traurig sein passte nicht ins Bild, und ich beschloss mich zusammen zu reißen.

Nur in der Uni habe ich mich mit Traurigkeit beschäftigen müssen: in mein English Studies MA Seminar habe ich über die Melancholie in Early Modern Englische Literatur gelernt; über wie man im 15. und 16. Jahrhundert getrauert hat; über Jealousy und Passion und Compassion. Manchmal habe ich heimlich hinter meinem Thermos Kaffee ein bisschen geweint.

Reiß dich zusammen: brutal und hart, das Gegenteil von „self-care“ (worüber ich übrigens, als ich das erste Mal den Begriff gehört habe, laut lachen musste. Heute sehe ich ein, dass es wichtig ist beim Durchfeiern eine Magnesiumreiche Banane einzupacken, fleißig jeden Morgen Vitamin B12 zu nehmen, mal so mit einem selbst zu reden, als ob man eine gute Freundin wäre, usw.) Es gibt im Englischen nichts wie „Reiß dich zusammen“. Rip yourself together: ein Paradox, aber so habe ich es letztendlich auch gemacht. Es war brutal. Ich war Cardioqueen, To-Do List Schreiberin Extraordinaire, die meist schlafgestörte Nachteule und Early Bird gleichzeitig, die ich kannte. Ich habe zu allem Ja gesagt. Neue Leute, OK Cupid Dates, Jobs — bezahlt und unbezahlt — Parties, Bücher, Lesebühnen, Extreme Fahrradtour Pläne. Yes yes yes, habe ich gesagt, bis ich dann doch irgendwann no sagen musste.

Meine ex-Freundin lächelt mich an von sehr weit weg. Wir lachen erst mal viel und wissen nicht genau, wo wir anfangen sollen mit erzählen. Ich habe jemand kennen gelernt, und ihre Freundin, mit der sie damals schon zusammen war, hat vor kurzem mit ihr Schluss gemacht. Sie sagt auch gerade zu vielem Ja. Komm du doch her, sage ich. In Berlin gibt es Grau und Schregen. Es gibt das beste Eis außerhalb Italien. Es gibt Tanzen und Parks und Nachtruhe. Es gibt Fahrrad fahren. Der Tempelhoferfeld. Die Gallerien. Es gibt Denglish. Es gibt mich.

Dazu sagt sie leider nicht Ja, aber wir gehen ein Kompromiss ein. Japan im September soll auch schön sein.

"Worüber wirst du schreiben?"

"Worüber wirst du schreiben?", fragt mein Vater am Telefon. Er steht im Garten von dem Haus in England, wo ich aufgewachsen bin und passt auf die Rotkehlchen auf. Es gibt zwei männliche die harmonisch zusammen rumhüpfen. Er meint sie seien entweder Brüder oder ein schwules Pärchen, denn männliche Rotkehlchen tauchen eigentlich immer alleine auf.  

"Gute Frage", sage ich.

 

"Wahrscheinlich wieder mal über die Liebe", fährt er fort.

Ich muss ihn nicht sehen, um zu  wissen, dass er die von meiner Mutter genähte Schürze anhat. Mit Rotkehlchen Muster.

"Vati, ich schreibe nicht immer über die Liebe.", sage ich. Ich werde es  ihm zeigen.  

Am nächsten Tag sitze ich mit meiner Schwester vor der Bäckerei "Brotgarten" in Charlottenburg. Sie ist gerade mit ihrer Schicht fertig geworden und hat Mehl am Kinn. Sie ist beeindruckt. "Oh cool. Stadtschreiberin... Is that like town crier, wie Ausrufer sein?" Ich stelle mir vor, wie ich mit Glocke und Federhut rumflaniere. Hear ye, hear ye.

Ich meine, ich brauche einen Plan. Ich nehme mir also vor, am Wochenende viel zu erleben und darüber zu schreiben. Zwischendurch werde ich einen deutschen Roman lesen und neue, schöne Wörter aufschreiben, lernen und benutzen. Mein deutscher Wortschatz stagniert, die gleichen alten Wörter hängen so fade und gelangweilt im Kopf rum wie Teenager an einer unbenutzten Bushaltestelle im Dorf. Pull your socks up, sage ich mir selbst ganz streng am Freitag Abend, zieh deine Socken hoch.

Es passiert aber nicht. Die Zeit der Socken ist einfach vorbei. The best laid plans of mice and men often go awry. So hat es zumindest Robert Burns in seinem Gedicht an die Maus, deren Nest er kaputt geackert hat, geschrieben. Ich schlage kein Buch auf, nicht mal ein englisches, nicht mal Chimamanda Ngozi Adichie's Americanah, obwohl ich es gerade überall mit mir rumschleppe.
Wie die Schmusedecke von Linus aber nicht ganz so angesabbert.

Stattdessen latsche ich in Birkenstock rum, sockenlos. Zwischendurch schlafe ich ungewohnt viel, kriege Sonnenbrand und habe zwei Unfälle mit Gabeln. Auf dem Netzfest im Gleisdreieckpark gehe ich der eigentlichen Veranstaltung aus dem Weg und liege stattdessen im Gras. Ich überlege, ob ich meinen neuen Facebook account wieder löschen soll. Später verfahre ich mich durch den Tiergarten auf dem Weg zum Miss Read Art Book Festival im HKW. Ich lasse mich kurz inspirieren und dann überfordern, staune darüber, wie man aus Donald Trumps Rede an die CIA Poesie machen kann, und trinke danach mit einer ebenfalls überforderten Freundin den ersten Aperol Spritz des Jahres im Sonnenuntergang an der Spree. Sonnenverabschiedung hieß es lange bei einem Freund aus Schottland, der jetzt auch hier wohnt.

Was vermissen wir von zu Hause? Die Freundin kommt aus den Staaten. Sie vermisst nichts und niemand. Man hat ja alles noch in irgendeinem Parallelleben. Und nach sechs Jahren in Berlin Wohnen hat man eh alles hier. Die Sonne verabschiedet sich so richtig, wir zittern und trinken weiter. Ich vermisse die Sachen schon während sie noch da sind. Ich sitze da an der Spree und trinke Aperol Spritz und vermisse schon am Spree sitzen und Aperol Spritz trinken.

"Deswegen schreibst du", sagt sie, "um die Sachen festzuhalten." Ich klammere mich an Americanah. Quatsch.

"Deswegen schreiben Leute auch über die Liebe", sagt mein Vater, die Rotkehlchen beobachtend. Um sie festzuhalten. Die Stadt und die Liebe... Er seufzt nostalgisch.

Aus der Gerüchteküche...

Aus der Gerüchteküche kam es, third-hand, von Musiker zu Musiker zu mir ins Ohr geflüstert: Beim Imposter-Syndrom hilft es nur, beim durch die Stadt laufen nach oben zu gucken. Look up at the tops of buildings. Nicht ständig auf die eigenen Füße, wie sie Risse und Spalten im Bürgersteig vorsichtig vermeiden.

Also schaue ich nach oben und werde direkt angeklingelt.

"Sag mal!" brüllt eine Frau auf einem eingängigen Hipsterrad.

 

 

Was soll ich schon sagen? Ich gucke wieder nach oben, die Wolken ziehen schnell über den Himmel und verschwinden irgendwo über der Hasenheide. Mit knallrosa Zuckerwatte kommt fast jeder vom Parkeingang raus und ich frag mich, ob das eine was mit dem anderen zu tun hat.

 Es wird wieder geklingelt, ich stolpere und falle in eine Kiste rein. Ein Mann steht vor mir. Wir befinden uns auf dem Fahrradweg, und es scheint uns beiden ein bisschen egal zu sein.

 "What you do?" fragt er.

 "Looking at the tops of the buildings," antworte ich.

 "Non, non," sagt er, irritiert. "You must be an earthworm like me.

Verstehst du?" Er switched ins Deutsche.

 "Ein Regenwurm soll ich sein," nicke ich.

 "Eyes on the ground," sagt er. "Weil guck mal hier." Er zeigt auf eine Kiste. "So viele Bücher," sagt er, oder vielleicht sagt er es auch auf Englisch,"so many books."

"Stimmt," sage ich, vielleicht lache ich auch nur. In den Kisten krabbeln Spinnen, es gibt Staub und Dreck aber auch Wörter, so viele.

 "Deutsch?" fragt er. "Englisch? Französisch?"

 "Deutsch," sage ich. "Und Englisch."

 "Ah, Deutsch," sagt er.

 "Und Englisch."

 "Ah." Es zieht eine zweite Wolke Irritation über sein Gesicht. Er denkt nach und beschließt, dass es akzeptabel ist.

 "I am astrophysicist," meint er dann. "So many useful informations. I have them all. I know all about the world."

 Seine goldenen Zähne blinken mich in der Abendsonne an.

 "Please, tell me one." Ich bin sehr neugierig. Ich sammle useful information.

 "Ahahaha," lacht er, ohne dass er sein Gesicht viel bewegt. Er tippt mir eins, zwei, drei Mal auf die Schulter, ein Geheimzeichen, seine useful information in Morse Code. "Weißt du?" fragt er.

 "Ja," nicke ich. "Danke. Merci."

 "Ah, merci, merci! You are French! French earthworm." Er grinst und weg ist er.

NOTES FROM A SEMINAR: MIGRANT NARRATIVE #3

Good afternoon, ladies and gentlemen

A show of hands for attendance in body at least.

The sky a clingfilm blue blanket

And we’re already slick like otters

Sticking already to seats with legs

Pooling already away.

According to attendance we’re diminishing and dwindling.

Detox-drink blasted spinach demonstratively,

kick self for demonstration,

open book mime reading,

make auto pilot notes:
 

„It points to the fact that //

the sky //

a palimpsest //

ties into //

each part of time //

whether we stay or come back //

leave from A and arrive by B //

a meanwhileness that means //

we are all migrants //

according to the text //

‘in their phones were antennas and these antennas sniffed out an invisible world’ //

until it is suddenly no longer possible //

to send messages“
 

(we do anyway)

Hi

(under the table)

Hola chica

(comparing imposter syndromes)

she must have made a mistake

(from across the seminar room)

No way am I that good

(skeptical reply)

(gratitude for compliment)

(yellow smiling angel face // blue halo)
 

The falling rubble of thunder cracks the sky lengthways

and the dome of the leaking library

we call The Brain

quivers ominously.