03.07.2019

Juni 2019

Josephine Bätz

[sie sagen hier nicht den namen der stadt]

Regen kugelt an die scheiben, und die sonne scheint. Blass im vergleich zu sonst. Nicht, dass sich jemand beschweren würde, aber normalerweise ist sie eher etwas zu grell. Das wasser wäscht den staub weg, die mülltonnen glänzen. Heute muss keiner beim aus-dem-haus-gehen flocken aus der einfahrt schippen. Er tritt vor die tür, und die ratte huscht erschrocken aus dem briefkasten. Ihr fell ist nach wenigen sekunden klatschnass, aber sie merkt, dass sie sich nicht durch eine zentimeterdicke schicht kämpfen muss wie sonst. Er wedelt ihr mit der hand halbherzig hinterher, als sie um die straßenecke verschwindet, und öffnet den briefkasten. Natürlich ist keine post drin, aber manche gewohnheiten lassen sich nur schwer ablegen. Wie das abschließen der haustür. Es ärgert sie, da ist er sich sicher, dass sie jedes mal das schloss knacken müssen, wenn sie in seine wohnung wollen. Und es dann aussehen lassen, als sei nichts gewesen. Das sind die regeln, denn sonst könnte ja dauernd jemand ankommen und klage einreichen wegen sachbeschädigung. gegen die durchsuchungen geht das nicht.

Als er zur bushaltestelle kommt, ist sie bereits voll. Die ersten stehen schon davor an. er stellt sich hinter sie und tippt der person vor sich, einer älteren dame, auf die schulter, um zu fragen, was los ist. Jemand weiter vorne hat probleme mit seiner identitätskarte. Wahrscheinlich zu nah an einen daten- und strommast gehalten, das korrumpiert die dinger schnell. Es ist oft vorgekommen seit der einführung. Solange, bis dann eine geldstrafe eingeführt wurde. Dass die korrumpierte karte gleichzeitig das konto sperrt und man so eine strafe dann ja auch nicht bezahlen kann, ist denen da oben wohl nicht in den sinn gekommen. Soweit er weiß, arbeiten sie inzwischen an einer neuen gesetzgebung. Die schlange vor ihm hat sich wieder in bewegung gesetzt und er läuft automatisch mit, immer einen schritt, dann anhalten, die person vor ihm bewegt sich langsamer und er muss aufpassen, dass er ihr nicht zu dicht auf den pelz rückt. Der mann, der vorhin probleme mit seiner karte hatte, ist abgeführt worden, hört er durch die schlange. Nicht das erste problem bei ihm und die karte ist von außerhalb; vermutlich war sie gefälscht. Das passiert immer mal wieder, meistens, um eine lizenz für eine andere stadt zu bekommen. Ohne gute begründung ist das schwer. Allerdings sind es eher jugendliche, die sowas probieren; besonders welche mit reichen eltern. Die lassen sich auch von den immer höher werdenden geldstrafen nicht abschrecken. Der mann vorne war älter. Also vielleicht doch ein spion. Heute dauert es nur eine halbe stunde, bis er im bus sitzt, wahrscheinlich haben einige branchen wieder einen feiertag. Er sucht sich einen platz in der mitte, so genau, wie man das mit einem kurzen blick berechnen kann. Eine reihe zu weit vorne, aber jetzt sitzen sie alle schon und es wäre komisch, noch einmal aufzustehen. Der busfahrer fährt an, und bringt sie zum bahnhof. Zu fuß wären das zehn minuten. So weite strecken läuft niemand unter freiem himmel. Am bahnhof steigt er in die s-bahn, diesmal ohne die aufwendigen sicherheitsvorkehrungen. Wer hier ankommt, ist vorher auf seiner strecke schon mindestens einmal kontrolliert worden. Und denen, die nicht hingehören, sieht man es sowieso an. In der bahn fällt ein teil der anspannung von ihm ab. Er holt ein buch aus seiner tasche und schlägt es auf. Heute ist ein krimi an der tagesordnung. Das war eigentlich zu erwarten, denkt er, die letzten wochen hat er die klassiker gelesen. Alle mehrmals hintereinander. Natürlich musste das auffallen. Der krimi ist schlecht geschrieben, er rät den täter bereits auf seite zehn. Aber es ist eins von diesen mitratebüchern, also tippt er bei den fragen nach jedem kapitel brav ein paarmal daneben. Hin und wieder auch richtig, aber noch so, dass die bewertung am ende in ihrer überraschung glaubwürdig klingt. Er findet es etwas anstrengend, beim lesen gleichzeitig mit der anderen hand auf dem handy zu tippen. Aber die elektronischen bücher, in denen das alles integriert ist, liegen weit über seiner gehaltsstufe. Außerdem kann man sich darauf zu leicht vertippen. Er weiß zwar nicht genau, wo die daten gespeichert werden, aber bevor eine ungünstige antwort im system landet...auf dem handy kann er zumindest alles noch einmal korrigieren, bevor es abgeschickt wird. Und er mag das physische gefühl eines buches in seiner hand. Obwohl er dann jedes mal ein problem hat, wenn der strom ausfällt.

In diesem moment fällt der strom aus. Sie sind mitten im tunnel, und es wird dunkel. Nur vereinzelt streuen ein paar neonlampen von den wänden aus ihr schmutziges licht auf die gesichter. Er schaut von seinem buch auf und kann wenig mehr als umrisse erkennen. Komisch, dass es keine durchsage gab, sonst schalten die fahrer ihre kommunikationskanäle immer sofort auf batteriebetriebene alternativen um. Und beruhigen die passagiere, die natürlich jedes mal einen terroranschlag befürchten. Die passagiere warten einige minuten lang. Als dann immer noch nichts kommt, werden sie unruhig. Jemand schaltet die taschenlampe an seinem handy an und leuchtet einem anderen fahrgast direkt ins gesicht. Empörtes schreien, er schaltet das licht wieder aus. Es wird quasi sofort ersetzt durch ein licht von außen. Dann mehrere. Suchende taschenlampenkegel und hundegebell. Alle passagiere werden ganz still. Er behält das buch auf dem schoß, aufgeschlagen irgendwo in der mitte, die linke hand krampfhaft darum geklammert. Mit der rechten steckt er das handy ein und geht gleichzeitig im kopf seine sachen durch: Seine identitätskarte, den arbeitsausweis, den wohnausweis. Seine berechtigung für diese stadt. Alles da. Er lehnt sich leicht zurück und versucht, sich zu entkrampfen. Nervosität wirkt immer wie ein schlechtes gewissen, und in diesem zugabteil springt sie bereits auf einen nach dem anderen über. Der weg zum industriegebiet ist die beliebteste schmuggelroute. Kurz darauf betreten polizisten mit hunden die abteile. Sie tragen keine uniformen und sprechen sich nicht mit namen an. Eine von ihnen kommt herüber, sieht das buch auf seinem schoß und nickt kurz. Es ist als frage gemeint. Die lektüre für diese woche, sagt er. Sie dreht den kopf etwas, liest ein paar zeilen, formt die wörter mit den lippen mit. Ihre mundwinkel zucken verächtlich; er schaut sie etwas hilflos an. Sie wissen beide, dass er die lektüren nicht auswählt. Was ist denn eigentlich los, traut er sich schließlich zu fragen und erwartet eigentlich keine antwort. Die polizistin überlegt kurz und zieht dabei ihren hund zurück, der freudig mit ihm bekanntschaft schließen möchte. Möglicher terroranschlag, sagt sie. Was, im industriegebiet? Sie zieht misstrauisch die augenbrauen zusammen. Kann ich nochmal kurz ihre identitätskarte sehen? Er reicht sie ihr und sie lässt ihren scanner darüberlaufen. Das foto ist schon etwas älter, sagt er, das sorgt immer wieder für verwirrung. Nächste woche bekomme ich eine neue karte. Hm, sagt sie. Ich sehe im system, dass heute morgen jemand versucht hat, mit einer gefälschten version ihrer karte den bus zu nehmen. Wissen sie etwas darüber? Er erschrickt; es wirkt sehr echt. Nein, sagt er. Davon weiß ich nichts. Sie fixiert ihn kurz und scheint dann zu beschließen, ihm zu glauben. Im moment gibt es das häufig, meint sie. Diebe schleichen mit scannern herum und versuchen, die daten von echten karten abzugreifen, um dann kopien herzustellen. Ist ihnen vielleicht bei einer kontrolle in den letzten tagen ein kontrolleur verdächtig vorgekommen? Tut mir leid, sagt er, nicht, dass ich mich erinnern könnte. Dann seien sie in zukunft mal ein bisschen vorsichtiger. Übrigens, der professor ist der mörder, sagt sie und nickt in richtung seines buches. Gemeinsam mit ihren kollegen steigt sie aus. im abteil geht das licht wieder an, und sie fahren weiter. Er dreht seine identitätskarte, die er immer noch hält, in der hand und schaut auf das foto: ein brünetter mittdreißiger mit strengem haarschnitt und brille. Sehr ähnlich sieht ihm der mann aus der schlange nicht, aber im schummrigen licht fällt das nicht so auf. Er blättert kurz in seinem buch zu den hinteren seiten, auf denen zeichnungen und schemata abgebildet sind. Sie sehen aus wie grundrisse. Von großen gebäuden. Er scheint etwas zu suchen, dann zu finden und sich einzuprägen. Er klappt das buch zu, steckt es in die manteltasche und zieht seine umhängetasche unter dem sitz hervor. Als er sie über die schulter hängt, sieht sie schwer aus – schwerer, als man erwarten würde. Die s-bahn hält. Er klappt den kragen seines mantels hoch und steigt aus. draußen ist es feuchtkalt und etwas neblig. Ohne sich umzuschauen, geht er der menge der aussteigenden mit weiten, zielstrebigen schritten voran, in richtung industriegebiet.

[man muss nicht immer fliegen]

im einkaufszentrum
schneidet man sich an den kanten
der glasfronten
die handflächen auf
wunden verkrusten & bald
lassen sich teetassen wieder
halten (ohne handschuhe –
die kleben sich fest)

in den geschäften
erschlaffen ungetragene
kleider in der mikrowellen-
luft einen moment lang fast
in bewegung meine schritte
zwischen den gängen sind
beinahe zu laut

wenn ich die rolltreppe verlasse
treffen meine füße härter
auf den boden
der vibriert durch die
sohlen voller entschlossenheit
und wie mit
allerletzter kraft

ich halte
mein gleichgewicht
fest
werde merkwürdig
schwindelfrei
die geländer sind solide man kippt
nicht mal gedanklich
über ihren rand

ich bin geerdet hier
und geordnet
und schwer

draußen, heißt es, kotzt die landschaft maulwürfe aus. hier drinnen zittern grashalme in den asphaltritzen.

Abend

Abends nach dem Sonnenuntergang hat sich alles in Form gebrannt und meine Füße kleben nicht mehr am Boden fest. Ich stoße mich ab und schwebe auf den Potsdamer Platz. Es ist leicht windig, aber zum Glück beeinträchtigt das die Lenkung nicht allzu stark. Stand zumindest in der Anleitung, aber inzwischen ist das Gerät schon lange genug auf dem Markt. So richtige Fehler wären bestimmt aufgefallen, das rede ich mir zumindest ein. Der Platz ist voll wie immer, aber durch die Geräte haben sich unterschiedliche Schichten an Spaziergängern gebildet – wir oben über dem ersten Stock und unten die anderen am Boden. Meistens kommt man sich nicht ins Gehege. Ausnahmen gibt es immer wieder, letzte Woche ist jemand abgestürzt und hat dabei unten ein paar Leute verletzt. Die Untersuchung deswegen läuft noch, sagt die Zeitung, aber das Unternehmen, das die Geräte herstellt, hat schon angekündigt, dass es in Zukunft eine Art Führerschein ausstellen wird. Samt dazugehörigen Kursen und Prüfungen, damit ein solcher Fall von Pilotenversagen nicht noch einmal vorkommt. Sie nennen die Kunden wirklich Piloten, und alle Versuche der Gewerkschaften, dagegen vorzugehen, sind bisher gescheitert.

Ich stelle mich vor dem Schnellimbiss-Fenster im zweiten Stock an und gebe meine Bestellung auf. Am Anfang war es noch schwierig, bis die Geschäfte auf die Idee gekommen sind, dass man die Wartezeiten in Schlangen halbieren kann, wenn man oben ein paar Mitarbeiter ans Fenster stellt. Die Krähen scheinen es übel zu nehmen, dass man ihnen den Luftraum streitig macht, aber die beachtet sowieso niemand. Die Geräte machen es schwierig, sich in der Luft zu prügeln, deshalb darf man sie nur ohne Alkohol im Blut benutzen. Die Schlangen oben sind dadurch sehr viel ruhiger. Wenn mich jemand anschaut, bleibe ich still.

Mein Brötchen in der Hand, lasse ich mich wieder etwas gen Boden sinken und bemerke den dichten Nachtnebel dort, der nur hin und wieder von dicken Scheinwerferstrahlen durchstoßen wird. Wer läuft, watet knietief darin. Trotzdem lässt sich keiner davon abbringen, Schlange zu stehen. Ein neuer Film läuft im Kino. Draußen auf dem Land, hat man mir erzählt, werfen Sprinkleranlagen das Getreide mit Wassertropfen ab. Es ist heiß genug, dass ich mich demnächst auf die Reise dahin machen kann. Der Platz schwankt ein bisschen vor Müdigkeit und ich weiche dem Bahnturm aus, der nur noch mit Mühe die Fenster offenhalten kann. Eine Scheibe klirrt und fällt zu Boden. Ein paar Passanten und ich schauen uns an und denken, morgen wird ein anderer sie austauschen. Solange liegt das gesplitterte Glas irgendwie bedrohlich auf dem Asphalt. Ich drehe mich um und verlasse langsam den Platz.

Nacht

Ich habe an meinem Gerät vergessen, die Batterien für die Lichter auszutauschen, und muss jetzt vorsichtig sein, um nicht an Hauswände zu stoßen. Es ist so dunkel, dass sich meine Augen nicht daran gewöhnen können. Nach einer Weile bilde ich mir ein, Hindernisse vor mir hören zu können. Als ob sie Töne ausstrahlen. Keine Ahnung, woher das kommt, aber ich stoße nirgendwo an. Ich lasse mich etwas ziellos treiben und werde hin und wieder überholt. Es ist so dunkel, dass ich das Bedürfnis bekomme, zu schreien. Das Gerät gibt meinen Gewichtsverlagerungen mühelos nach, so sehr, dass es sich anfühlt, als ob da gar nichts ist unter mir. Das ist gefährlich, steht im Handbuch, fett gedruckt und unterstrichen. Man darf sich natürlich in der Luft nicht vom Gerät entfernen. Ich bin viel zu schnell am Alexanderplatz und kreise um den Fernsehturm. Wenn man nach oben will, ist das die einzige Möglichkeit; in Spiralen zu fliegen. Gerade nach oben kommt das Gerät nicht. Ich kreise, und bin irgendwann an der Spitze, leicht schwindelig. Unter mir schläft die Stadt, unruhig, wie sie das tut. Sie hat sich auf den Rücken gewälzt. Es ist so dunkel, dass ich die Windrichtung nicht mehr spüren kann.

Morgen

Der Sonnenaufgang sieht aus der Luft etwas eindrucksvoller aus, aber nicht viel. Vielleicht so, als ob man beim Sternegucken nachts den Horizont ein Stück absenken könnte. Davor wuseln andere Piloten mit ihren Geräten durch die Luft und hinterlassen Einschnitte. Ich lasse mein Gerät langsam in Richtung Boden gleiten. Es ist kühler geworden und die rötlichen Wolken deuten einen richtigen Sommer erst an. Nach vorsichtigem Steuern komme ich unten an. Ich klappe das Gerät zusammen und fühle unter meinen Füßen den Boden. Er ist fester als gedacht.

 

[der tag hat einen platten]

im hinterhof abgetrennt
nach dem prenzlauer berg
dreht sich die zeit mehr oder
minder im kreis auf den
harten holzstühlen kino open air
in den ohren sitze ich oder
eher halte ich mit den füßen
metallbeine fest von der
nächstgelegenen lehne
schreit mir ein spatz
ins gesicht

im nachmittagsschatten
bildet sich schicht auf schicht
um meine haut (blätter
vom baum geweht gleiten
davon ab) oder sagen wir
ich verinnere trete den
rückzug in meine blutbahn
an

da drinnen zwischen
den rhythmischen schlägen
schwanke ich
hin und her