08.06.2018

Juni 2018

Charlotte Wührer

Was machen an einem achten Tag?

Heute fühlt sich komisch an. So als ob es plötzlich einen extra, achten Tag in der Woche gibt. Stelle ich mir die Tage als Sandwich vor, wäre gestern eine dicke Scheibe Weißbrot gewesen. Morgen wäre auch eine dicke Scheibe Weißbrot. Beide Tage sind zum Reinbeißen. Vielleicht sind sie leicht angetoastet und gebuttert. Salzig gebuttert.

Heute, dagegen, ist ein Tag des Nichts, eine einsame, kahle Insel umgeben von einem Meer der Geburtstagerei: am Wochenende gab es ein Geburtstag; gestern bin ich 28 geworden; morgen gibt es noch ein Geburtstag. Aber heute gibt es gar nichts, im Sandwich wäre heute die Teewurst, und Teewurst mag ich nicht besonders. Machst du mir ein Sandwich mit Teewurst drauf, würde ich es mit einem Messer abkratzen, wenn du nicht guckst.

An so einem Tag ist es nicht leicht, sich zu bewegen. Man liegt auf dem Sofa und denkt, man könnte vielleicht für immer auf dem Sofa liegen. Es wäre schlau, schon mal Derrida für die Uni zu lesen wenn man eh schon rumliegt. Man tut es nicht. Man kann seinen Namen eh nicht authentisch französisch aussprechen, so what’s the point? Man kann auch nicht schreiben. Jetzt hilft weder Shakespeare noch Netflix. Und wenn das nicht, was dann? Auf dem Sofa bleiben? Zurück ins Bett? Sich trotzig unter den Schreibtisch setzen und bis morgen abwarten?

Um einen psychischen Weltuntergang zu vermeiden, muss man manchmal einfach raus. Hier also drei Ausgehtipps für einen achten-Tag-Notfall.

 DAS PRINZENBAD

Zwing dich, zitternd, in den Badeanzug herein. Radel langsam und beschwerlich zum Prinzenbad mit einem fast komplett platten Reifen. Der Weg ist heute nicht das Ziel.

Im Wasser. Erst aus Versehen in das eiskalte Becken. Schnell raus und in das nicht ganz so kalte. Freue dich, dass du es geschafft hast, und inhaliere dabei eine Mischung aus Chlorwasser und Baumblüten.

Versuch dich daran zu erinnern, wie das Prinzenbad im Film Herr Lehmann aussah. Übe danach den Tanz von Sonnenallee im Kopf.

Eine Frau Mitte 70 fliegt mehrmals die Wasserrutsche runter. Sie grinst dich an. Sie sagt, “das mache ich jeden Tag. So bleibe ich jung.”

Du grinst zurück.

 

CAFE GOLDMARIE

Mehrere Semesterarbeiten wurden hier geschrieben. Wein getrunken auch, manchmal beides gleichzeitig. A break up and down both. Meine Mutter brachte ich zum Frühstück ins Goldmarie. Ich kenne den Hund. Ich kenne alle Kuchen in der Vitrine.

Heute treffe ich mich mit eine Journalistin. Wir reden über Heimweh. Was mache ich hier? Gehe ich irgendwann zurück? Irgendwann rettet sie die Situation und erzählt mir von Krebsen, die im Tierpark gefangen und in der Markthalle Neun bestellt und gegessen werden können.

 Der Fotograf will, dass ich mich auf die Schaukel vor dem Cafè setze. Ich muss an das erste Mal denken. März 2013, Schnee, kanadische Pizza unter einem Mooskopf und dann dieser Platz, die Laternen und der Kopfsteinpflaster. Die Brücke, der Kanal. Ich bin fast umgekippt vor lauter Romantik. Zum Glück gab es diese Schaukel.

 

MONSTER RONSON’S ICHIBAN KARAOKE

Komm doch mit, sagt eine Freundin. Wir liegen nebeneinander und lesen beide Mohsin Hamids Exit West für ein Seminar, ‘Narratives of Exile and Migration’. Eine Liebesgeschichte, aber dann wiederum auch nicht. Man verliert sich wie im echten Leben. Refreshing. Es fällt mir Sand vom Buch ins Gesicht, und ich knirsche laut mit den Zähnen.

Ich habe noch nie Karaoke gesungen.

 “Are you joking?” sagt sie. Es muss eine rhetorische Frage sein, denn heute ist kein Tag für Witze. Daür ist es aber ein Tag für MultiSEXualBOXhopping.

 Erstens heißt das, erklärt die Türsteherin, dass man in die 14 Karaoke Boxen rein- und wieder raustauchen darf. Man kann überall mitsingen. Zweitens: Menschen aller Sexualitäten sind willkommen. Wir werden also gefragt, ob wir auch Menschen aller Sexualitäten tolerieren.

“Klar,” sagen wir.

“It’s about the Stimmung,” warnt die Türsteherin.

Wir nicken.

“Maybe you’re not lesbian. Maybe you’re not gay. I don’t know. I can’t look in your heads.”

Die Freundin und ich unterdrücken ein Grinsen.

Sie mustert uns. “Okay,” sagt sie. “Have fun.”

Ich singe Shania Twains Man I Feel Like A Woman. Danach Tatu, All The Things She Said. Ich schwitze nicht wenig mit zehn anderen in eine kleine Kiste für sechs gedacht. Ich stelle fest, dass ich nicht singen kann. Es kann niemand singen. Wir tolerieren uns aber ganz artig gegenseitig.

 

NOTES FROM AN EXHIBITION PERFORMANCE

Irgendwo vom Regal kommt es her, ein hohles hölzernes Tocken, so laut, dass es die Hitze durchschneidet, die Stimmen auch. Wir stehen und hocken und sitzen. Kniekehlen kleben an Holzdielen und Fingerspitzen leicht aneinander, niemand hält richtig Hände. Schweißperlen sammeln sich, salzige kleine Seen in Drosselrinnen.

 

Apfelsaft, Zigarettenrauch, warmer Wein in Plastikbechern. Auf dem Boden in der Mitte vom Raum liegt eine gehäkelte Decke, sie hält den Platz frei.

 

Eine stehende, schwitzende Frau mit angemalten Augenbrauen, so spitz und ausdrucksvoll wie Hokusai Berge, nimmt unvorsichtig den Kopf von einem Mann der neben mir sitzt, nimmt ihn zwischen ihre Hände und dreht ihn mit einem schnellen Ruck, um sein Gesicht zu sehen. Sie erkennt ihn doch nicht, sie ist entsetzt und lässt schnell los. Die Luft bleibt stehen.

 

Eine 2D Frau kreuzt sich einmal zweimal dreimal, es geht so weiter, vielleicht kreuzt sie sich für immer. Sie hat Mehl am Kleid im Schoss, und wenn sie sich einmal fertig gekreuzt hat, legt sie ihre Hände kurz ab und hebt sie wieder, mehlbedeckt. Sie ist ganz weiß im Gesicht. Das ist es aber nicht, sie lenkt ab, man kann sie nicht ab- und das hohle hölzerne Tocken auch nicht aus-schalten.

 

Schöneberg, a Free Home.  Im Vorbeigehen über Buchrücken, in Reihen stehend und riechend wie nie angefasst, mit einem Finger fahren.  Suche und finde nicht das Schlafzimmer, sonst ist alles frei. (Verstehe hier nicht falsch: Gratis.)  Zähle Toilettenrollen bis es klopft. (Es sind viele.)

 

Upheaval: Stelle dir gigantische Formate vor. Serge steht da, wo die Decke mal war und redet, über Fenster und Riesen. Französische vasistas, was ist das, viereckige Fenster im Dach, in der Tür. Denk: Pferdeställe. Leere Sprachblasen entstehen. Er provoziert, klettert langsam eine Leiter hoch, Projektor an die Stirn getaped, selbst riesig. Wir recken unsere Köpfe hoch und zurück. Auf der Wand zeigt er zittrig world's tallest people im Internet: Anna Swan. Ein baseball player. In einem googledoc im Internet schreibt Serge, “Arms and legs apart, as wide as the blades of a mill, twice as high as the surface around the basket, an attentive spider and totally relaxed, thinking maybe of something else...”

 

“Today I want to see a giant.” Aber vom Flur kommen Stimmen, sie werden lauter und schlucken die Geduld und die Luft und den Raum, wir hören uns nicht mehr selbst atmen. Serge schrumpft Riesen. Unter uns blühen Schweißrosen. Der Drucker druckt nicht.

 

Und dann geht es nicht mehr, wir gehen, trotzdem geht es. Serge packt die Decke weg. Es gibt ein googledoc, rewriting, rethinking, und morgen eine andere Performance und übermorgen nochmal ganz was anderes. Und das Tocken? Und die Frau? Der Drucker? Ich bin bei den anderen Performances nicht da, obwohl ich mein Wort oder auch ein paar gab und auch irgendwie beteiligt war, the world’s tallest people im Internet gefunden habe, copy and paste, The Big Friendly Giant zitiert und über Barbies und Riesen-Kinder lange nachgedacht habe.

 

Ich habe ein schweres schlechtes Gewissen bis ich ein Foto bekomme, ich jogge, es pingt und vibriert, ich setzte mich auf eine Bank: Serge mit Clowngesicht, die Riesen schwappen und stampfen also in das Wochenende mit rein, ich jogge weiter.