31.07.2019

Juli 2019

Josephine Bätz

[wenn wir nicht aufpassen, biegen unsere rippen sich zur stadtmitte hin]

wir sind über den vorplatz verteilt. es ist noch morgen, im juli, aber die wolkendecke macht dicht. es wird gar nicht richtig hell. die paar bäume auf dem gehweg kränkeln im wind. hin und wieder kommen spaziergänger vorbei und sagen nichts. manche von ihnen haben hunde mit dabei. wir haben alle unsere respektiven aufgaben und schauen uns kaum an. unsere gedankenströme sind heute miteinander verschaltet, aber noch auf eine vorläufige art. es hakt an den verbindungsknoten. wenn wir uns etwas mitteilen wollen, müssen wir langsam und deutlich denken und selbst dann geht das meiste verloren. sprechen sollen wir hier nicht, solange die vögel schlafen. wenn sie wach sind, picken sie nach den kabeln und reißen uns die wetterplanen kaputt. deshalb freut es uns eigentlich, dass sie ihre ruhezeiten ausgedehnt haben. ein terrier läuft an uns vorbei, er stapft wie ein kobold. angeblich wohnt er schon seit jahren in hellersdorf. seine halb ausgeknickten ohren schlagen bei jedem schritt um. sie brennen sich auf die tonspur ein. zurück auf anfang.

Berliner Bestiarium: Draco peregrinans

In der Kulturbrauerei, heißt es, wohnt seit letzter Woche ein Drache. Irgendwer hat ihn dort auf dem Innenhof landen sehen, gleich hinter dem Haupteingang. Eine Punktlandung war das, nicht eins der Bäumchen hat gezittert. Dann hat er vorsichtig die Flügel eingeklappt und ist durch die Tür ins erstbeste Gebäude getreten. Er hatte ein Bündel Federn am Schwanzende und war nicht einmal halb so groß wie erwartet.

Nach dem ersten kurzen Schreck wurde der Neuankömmling ganz gut aufgenommen. Es hat sich herausgestellt, dass sich sein Bedürfnis, Feuer zu spucken, in Grenzen hält. Obwohl er es kann. Das war die größte Sorge. Warum er hier gelandet ist, kann niemand sagen, am wenigsten er selbst. Eine Beschwörung muss stattgefunden haben, sagt er, wenn man ihn fragt. Drachen lernen häufig die Sprachen in ihrer Umgebung. Es ist nicht notwendig für sie, sondern eher so eine Art Hobby. Er spricht Englisch mit walisischem Akzent. Seinen Namen will er nicht nennen, das ist zu persönlich. Und außerdem nicht notwendig, man muss ihn ja von nichts anderem unterscheiden. Soweit bekannt, gibt es nur diesen einen Drachen in der Stadt. Er ist höflich zu allen, die ihn ansprechen; im Gegenzug hat man ihm eines der Gebäude geräumt und versprochen, herauszufinden, woher er kommt. Unter einer Beschwörung fliegt man wie in Trance, eine innere Stimme sagt einem den Weg an. Aber das zurückverfolgen oder sich daran erinnern kann man nicht. Dass er irgendwo aus den Bergen kommt, lässt sich vermuten. Während irgendwelche Leute, die sich auskennen, Nachforschungen anstellen, steht der Drache häufig im Innenhof. Die Stadt ist ihm zu laut und die Autos machen ihn nervös. Wenn Flugzeuggeräusche zu hören sind, duckt er sich. Wie festgefroren steht er dann minutenlang da. Es ist viel zu sonnig, die Wärme juckt ihm in der Nase. Er schließt die gelben Augen und wartet auf Regen.

Es stellt sich heraus, dass einer der Praktikanten die Beschwörung vorgenommen hat, aus Versehen. In der Küche war die Anleitung für die Kaffeemaschine (elfteilig) in mehreren Sprachen abgedruckt und er hatte dieses Jahr gerade einen Kurs in Niederländisch hinter sich. Die Anleitung hatte einen Haufen Druckfehler und seine Aussprache war noch sehr ausbaufähig – kurz und gut, in Kombination murmelte er einen korrekten Satz in einer längst vergessenen Sprache vor sich hin. Etwas horchte dabei auf und trug die Silben weiter, bis über das Meer. Und eine Insel weiter ließ ein Drache seine Beute im Flug los und machte sich auf den Weg.

Es ist Klausurenphase, und die Anglistikstudenten aller Universitäten haben den Drachen für sich entdeckt. Sie üben Gespräche und stellen ihm ihre Essays vor. Zu den meisten hat er nichts zu sagen, aber das stört niemanden. Hauptsächlich geht es ihnen sowieso um die Selfies, die sie mit ihm beim 'Lernen' machen. Keiner der Studenten fragt, wie es ihm geht. Einige bitten ihn darum, deutlicheres Englisch zu sprechen, weil sie seinen Akzent nicht verstünden. Er schaut dann immer etwas hilflos. Englisch ist seine zweite menschliche Sprache.

Manchmal nehmen sie ihn abends mit in die Kneipe. Der Alkohol hat kaum Auswirkungen auf ihn, macht es aber schwieriger, sein Feuer zu kontrollieren. Als das bekannt wird, stellen ihm die meisten Bars lieber etwas zu trinken vor die Tür. Eigentlich schmeckt es ihm gar nicht, aber er will nicht unhöflich sein. Von nun an verbringt er die Nächte wieder im Innenhof und singt dabei leise in seiner Sprache vor sich hin. Häufig leisten ihm ein paar Studenten Gesellschaft. Die Bedingung ist, dass sie nicht reden. Stattdessen hören sie zu. Meistens erzählt er ein bisschen von zuhause und von den Bergen, die er unter sich vermisst. Hier drin ist es nachts beinahe ruhig genug. Langsam macht er sich Sorgen, dass sie keinen Rückweg für ihn finden werden. Er redet nicht darüber; aber nach einigen Wochen gibt er sich keine Mühe mehr, die Klauen einzuziehen. Auf dem Asphaltboden stumpfen sie schnell ab, werden glanzlos und splittern. Seine Flügel schmerzen vom wenigen Gebrauch und werfen Federn aus.

Er hat den Menschen sein Alter verschwiegen. Für seine Art ist er jugendlich; seine Orientierung entwickelt sich noch und die Flügel sind längst nicht stark genug, um ihn ohne eine Beschwörung übers Meer zu tragen. Er ist jetzt fast drei Monate hier und hat sich so langsam vom Hinflug erholt. Aber die Antriebslosigkeit wird schlimmer und inzwischen erzählt er abends keine Geschichten mehr, sondern starrt nur in die Dunkelheit. Die Studenten, die dabei sind, wollen helfen, wissen aber nicht, wie. Mit den Leuten, die nach einem Heimweg suchen, waren sie schon in Kontakt. Die wissen nicht mal, wo sie anfangen sollen. Die Wohnorte von Drachen stehen nicht im Internet. Einer hat vorsichtig vorgeschlagen, der Drache könne doch sonst vielleicht erst einmal hierbleiben? Berlin würde ihm ja nicht so zusagen, aber in Brandenburg ließe sich bestimmt etwas für ihn finden. Viel Platz gebe es da, und Ruhe. Als der Drache das hört, spielen einen Moment lang Flammen um seine Nüstern und er hebt leicht die Flügel, wie in einer Drohgebärde. Die Spannung hält kurz, dann erlischt das Feuer; er faltet die Schwingen mit einem leichten Winseln wieder ein, dreht sich um und trottet in den Innenhof. In der Mitte setzt er sich hin und bewegt sich tagelang nicht fort.

Inzwischen kommen nur noch wenige Studenten abends zur Kulturbrauerei, um dem Drachen beim Schweigen zuzusehen. Eine von ihnen holt immer ihr Handy heraus und schreibt darauf Geschichten. Niemand kommentiert das. An diesem Abend ist es besonders still und sie hat das dringende Gefühl, etwas tun zu müssen. Aber ohne weitere Hinweise darauf, wo er herkommt, können sie nicht viel für ihn tun. Moment. Sie starrt auf ihr Handy und gibt dann, wie in Trance, etwas in die Bildersuche ein. Eine Seite voll mit Bergen erscheint, und sie hält sie dem Drachen vors Gesicht. Vage interessiert – und weil er keine Ahnung hat, was das alles bedeutet – schaut er sie nacheinander an. Sie wechselt zur nächsten Seite, dann zur übernächsten. Auf Seite fünf reagiert er endlich. Das erste Bild kennt er, über den Berg ist er schon Dutzende Male geflogen. Er klappt die Flügel aus und merkt in der Aufregung die Schmerzen gar nicht. Den Rest der Nacht planen sie.

Die Verabschiedung fällt förmlich, aber kurz aus. Der Drache bedankt sich bei den richtigen Leuten, weil er gehört hat, dass man das so macht. Dann streckt er zum ersten Mal seit seiner Ankunft die Flügel vollständig aus, stößt sich ab und flattert etwas schwerfällig davon. Entlang der Route haben die Studenten mit allen möglichen Leuten Kontakt aufgenommen, die ihm abends einen Schlafplatz oder Essen zur Verfügung stellen. Auf die Insel setzt er mit einer Fähre über und erzählt abends an Bord den Kindern Geschichten. Seine Federn sind nachgewachsen und schon fast wieder vollständig. In Berlin hört man das letzte Mal von ihm, als er England erreicht. Dann ist Funkstille.

Einige Wochen später kommt auf Umwegen doch noch Nachricht; einige von ihnen haben dem Drachen beim Abschied ihre Namen genannt. Im Briefkasten findet die Studentin mit dem Handy ein Schreiben einer walisischen Polizeistation vor. Nach vielen umständlichen Erläuterungen steht darin, dass vor kurzem ein...Tier vorbeigekommen sei und in bestem Englisch um die Weitergabe von Informationen gebeten habe. Sicher habe es sich dabei um einen Scherz gehandelt, aber man habe dann doch recherchiert und herausgefunden, dass der genannte Name echt sei...das Tier wäre auch, nachdem es die Station verlassen habe, nicht mehr aufzufinden gewesen. Die Nachricht jedenfalls laute: 'Ich habe den Weg nach Hause gefunden, danke für die Hilfe. (Und den Zettel mit der Beschwörung habe ich verbrannt, nichts für ungut).' Angeblich würde sie wissen, was gemeint sei, und noch einen schönen Tag.

Nachdem sie den Brief zu Ende gelesen hat, steckt sie ihn in die Tasche und macht sich auf den Weg, entspannter als zuvor. Auf dem Gartenzaun hat sich eine Möwe niedergelassen, die hier eigentlich gar nicht hingehört. Das Morgenlicht färbt ihre Federn ein; fast wie Feuer.

[sichtfeldverengung]

die hitze drückt sich vom boden ab
prallt auf die nächste luftschicht
und streift um und hinter mich
die füße halb im asphalt
allerorten krallen die katzen
beläge von den fenstern

die luft aus dem kottbusser tor als
noch eine schranke hält mich
im u-bahnhof fest und die sonne brennt
sich so hart in die bordsteinkanten
dass sie zischen
ein paar mülleimer
spielen spontane selbstentzündung
darüber grillt jemand
ein steak

heute spritzen sie im zoo die tiere
mit wasserschläuchen ab

Was sich zu lange anschaut, wird Maschine (III)
Ich habe die ganze Woche über geübt, bis einer der Sicherheitsleute auf mich aufmerksam geworden ist. Er hat sich das Band der Überwachungskamera angeschaut, sagt er, und dabei sei ich aufgefallen. Ich überlege mich umzudrehen, um meinen Kaffeebecher in den Mülleimer am Gleis zu werfen, lasse es dann aber. Von meiner Position aus kann ich nicht genau erkennen, in welchen Behälter er gehört; und um uns herum stehen schon genug Leute, die so tun, als ob sie mit ihren Handys beschäftigt wären. Die brauchen nicht auch noch einen Grund, in das Gespräch einzugreifen. Was heißt denn aufgefallen, frage ich. Ich warte auf meinen Zug. Der Sicherheitsmann holt tief Luft. Endlich passiert mal was in seinem Job. Seit drei Stunden, sagt er. Und Sie tauchen auf allen möglichen Gleisen auf.


Ich warte kurz. Aber nicht auf den Videos von der Rolltreppe, fährt er fort. Wollen Sie das nicht mal kurz erklären? Ich bin gerne früh da, sage ich. Wie am Flughafen. Und ich latsche nicht über die Gleise, falls Sie das meinen. Das hätten Sie doch gesehen. Der Sicherheitsmann wirkt etwas unschlüssig, ob er mir glauben soll. Andererseits hat er mir eigentlich nichts vorzuwerfen, also macht er sich mit einigen gemurmelten Drohungen auf den Weg.

In diesem Moment biegt er um die Ecke. Er winkt kurz, so als ob wir uns normal treffen. Als er mich erreicht, sagt er hallo, aber in einem leiseren Tonfall als sonst. Wir ziehen uns in eine Ecke zurück, unter die Rolltreppe. Heute, sagt er, käme eigentlich die nächste Stufe. Ab hier wird es etwas gefährlicher, deshalb musst du lernen, sie zu erkennen. Die aus der Bahn, frage ich. Genau. Deshalb machen wir jetzt einen Feldversuch. Er gibt mir etwas, das in etwa aussieht wie ein Handy. Zumindest von der Form. Aber es ist kein Bildschirm erkennbar und das Material ist ziemlich schwer und glänzend. Wie ein polierter Stein. Er wartet gar nicht auf meine Frage. Damit bemerken sie dich nicht, sagt er.

Im nächsten Moment stehen wir auf einem anderen Gleis, an einem anderen Bahnhof, und steigen in die S-Bahn. Ich weiß nicht genau, wonach ich Ausschau halten soll und lasse meinen Blick etwas unsicher durch den Waggon schweifen. Alle darin sehen wie normale Fahrgäste aus. Er steht direkt neben mir und ist sehr nervös, das hilft nicht. Ich schaue mich noch einmal genauer um, lasse meinen Blick kurz auf jeder einzelnen Person stehen. Dann drehe ich mich zu ihm um. Hier ist keiner, sage ich. Er nickt. An der nächsten Haltestelle steigen wir aus und sprinten in den Waggon dahinter. Hier ist die Atmosphäre eine ganz andere. Immer noch schaut uns niemand an, aber es ist kein Zufall mehr, sondern eine bewusste Entscheidung. Hinter mir schwitzt er vor Angst. Wie wichtig kann dieser Ausbildungsteil sein, wenn er anscheinend so gefährlich ist?

Aber ich habe keine Zeit, um mir darüber Gedanken zu machen, irgendwas in der Nähe kann ich spüren. Ich werfe einen Blick nach hinten und er nickt. Ein Fahrgast nach dem anderen…eine Gruppe älterer Damen, die sich lautstark überlegen, wo sie am besten aussteigen sollten. Ein Mittzwanziger, wahrscheinlich Student, lehnt an der Tür. Eine Frau und ein Mann, beide mit Kinderwagen nebeneinander; sie wirken, als hätten sie nichts miteinander zu tun. Der Mann ist am Handy, spielt irgendwas, das mit Autos zu tun hat. Die Frau schaut starr aus dem Fenster, aber etwas stimmt nicht mit ihrem Blick.

Sie reagiert auf Dinge, die hinter ihr passieren und die sie mit Sicherheit nicht sehen kann. Und wenn sie sich bewegt, flackert sie leicht. Ich betrachte sie aus dem Augenwinkel; niemand sonst im Waggon schenkt ihr Aufmerksamkeit. Oder uns. In diesem Moment wirft sie einen letzten heimlichen Blick in die Runde. Ihr Gesichtsausdruck verändert sich, wird konzentriert. Ich spüre, wie in meiner Nähe ein geistiger Anker ausgeworfen wird. Sie tut das, war wir tun. Dann ist sie weg.