12.07.2018

Juli 2018

Charlotte Wührer

Die Tiere kommen.

Erst Hummeln, die sich tot stellen. Vorm Fenster, am Fenster, im Fenster. Sie sind da, Flügel gespreizt, atemlos; ich blinke, dann sind sie weg. Es gibt ein Loch draußen in der Hauswand, davor ein Haufen abgebissene, ausgespuckte Wandstückchen, und ich vermute die Hummeln haben etwas damit zu tun.

Maikäfer in den Haaren. Bedrohlich brummen sie wie kleine Bären. Es gibt was Lebendiges, Hartes, etwas kaltes Lautes, wenn ich mir mit meinen Fingern die Haare aus den Augen streiche. Ich kriege Gänsehaut. Die Aufkleber die meine Großmutter auf ihre Geburtstagskarten an mich klebte, waren eine bunte Lüge. Maikäfer lächeln nicht.

Eine Mücke im Bett.

Kellerasseln im Kaffee.

Noch mehr Gänsehaut. Die Gänse, die gibt es auch noch, und Tauben, und Pfauen die lauter schreien als Eichhörnchen, lauter als Katzenkinder, so laut wie Füchse mit Tollwut.

Eine Wespe im Becks. Dann im Mund. Zweimal berühre ich sie mit meiner Zunge.

Ameisen im Gesichtswasser.

Spinnen in der Dusche, Frederick und Frederick und Ferdinand und Frederick: ich kann sie nicht auseinanderhalten aber sie, zumindest sie, sind auf meiner Seite.

Schmetterlinge im Bauch.

Hunderttausende unsichtbarer Tiere, die in und an meinem Körper wohnen. Als Kind schneidet man sich den Zeigefinger und schmiert das Blut auf eine Glasscheibe, um es unter einem Mikroskop zu stecken. Eindeutig. Da bewegt sich was. Seht ihr? Es wird geschrien am Esstisch, eine blutige Glasscheibe wird rumgewedelt. Diese Tiere, die aussehen wie wenn Libellen übers stille Wasser fliegen, aber nicht wie die Libellen selbst, sondern wie die Wasseroberfläche, wenn es fast gar nicht aber gerade genug von haut-, nein, von hauchdünnen Flügeln berührt wird, diese Tiere fliegen auch rum, die Eltern schreien laut mit und schmeißen sich unter den Tisch, Arme über den Kopf in lightening position, Augen zugekniffen.

Mehr Tiere kommen. Ein Hund zu Besuch.

Motten im Mehl.

Auch größere. Die Ziegen und Kamele brechen durch ihre Zäune in der Hasenheide, laufen gemeinsam zur Ampel und warten auf Grün. Dann ist es nicht mehr weit. Einmal über die Straße, dann sind es nur noch neun Kamel-, dreizehn Ziegenschritte. Es klingelt an der Tür. Ich bürste mir die Maikäfer von den Haaren, schüttle mich einmal kräftig, wie ein Hund, um die unsichtbaren kleineren ein wenig zu lockern und zu lösen, und dann mache ich auf.

AUSTAUSCH - EINE KURZGESCHICHTE

Ich muss raus aus Berlin. Der Austausch in Frankreich kommt just in time. Die Bagger auch. Zu in time. Um Punkt halb sechs fangen sie vor Gebäude D an zu baggern. Ich mache die Rollläden von meinem 9qm Zimmer hoch und von unten gucken sie mich an, rote Maschinen mit Zähnen, Sand- und Kieselsteinberge, Männer in neonorangenen Westen. Es scheint sonst niemand wach zu sein.

 

Ich laufe jeden Morgen um den Zoo herum und es riecht überall nach Gebäck, auch hier. Man kann um sechs Uhr noch nicht zu den Tieren, ich höre aber Pfauen schreien. Es erinnert mich an zu Hause. Nachts sind die Eulen dran. Ich werde fast zwei Wochen lang nichts träumen, dafür ist das Zimmer zu klein.

"Erzähl mir eine Geschichte“, sagt Elizabeth später. Wir haben zwei Wochen lang fast jede Minute miteinander verbracht. Wir sitzen nebeneinander in Seminaren, essen morgens und mittags und abends zusammen, fahren am Wochenende gemeinsam an den Strand, trinken zusammen Bier im Park. Elizabeth kneift mich in die Seite beim Gruppenfoto nehmen, und wir werden von mehreren gefragt, ob wir zusammen sind.

Wir haben uns nichts mehr Spontanes zu sagen.

Die Sonne sinkt und hinter uns tanzt die halbe Stadt. Wir sitzen auf einer Steinmauer, meine Beine pochen vom durch die Stadt laufen. Das letzte Mal als sich jemand von mir eine Geschichte gewünscht hat, ist was Merkwürdiges passiert. Ich stand am Ende ganz nackt in einem Berliner Park, eine obdachlose Frau mit Bierdeckelkette wollte was von mir. Es gab keine Bänke mehr, sie wurden einzeln weggenommen, und wir mussten stehen. Irgendwie habe ich die Frau mit der Bierdeckelkette wegerzählen können, aber ich blieb nackt und wusste nicht wohin: the end.

"Lieber nicht“, sage ich.

"Dann erzähle ich dir eine“, sagt Elizabeth. "Es geht so: Es war einmal…"

"Nein, bitte nicht so eine alte“, sage ich.

"Na gut." Sie ist enttäuscht. "Dann halt eine von heute." Sie erzählt: "Vorhin sah ich Elias. Er fragte mich, wo meine Freundin wäre.

'Welche Freundin’, fragte ich ihn, obwohl ich ganz genau wusste, wen er meinte. Er zögerte.

'Hast du so viele? Ich meinte Lydia.'

'So heißt sie nicht’, habe ich ihm gesagt.

'Egal’, sagte er. Sein Gesicht kam ganz nah und er grinste komisch. 'Sag ihr, dass ich sie suche.'

Ich wusste nicht, ob es so komisch klang weil er sich nicht auf Französisch mit mir unterhalten konnte.

'Ich will sie heute Abend sehen.'

'Ach ja?' fragte ich.

 Elias redete weiter. 'Und wenn du es ihr nicht sagst, dann komme ich dich suchen. Ich werde dir die Haare vom Kopf zupfen, eins nach dem anderen.' Dann ist er einfach so gegangen. Er lief so, als ob er mit jedem Schritt mit dem Oberkopf an die Decke wollte, als ob er wusste, dass ich ihm hinterher guckte."

Ich schaue Elizabeth von der Seite an. Die Geschichte scheint vorbei zu sein. "Und, hast du es dieser Lydia gesagt?"

"So heißt sie nicht." Sie nimmt ihr Haargummi raus, und die Haare stehen ab wie bei Kleinkindern nach dem Mittagsschlaf, hinten zerzaust und vorne lockig von der Hitze. "Aber ja, jetzt habe ich es ihr wohl erzählt." Hinter uns werden Lichter angeschaltet und plötzlich gibt es überall langgestreckte, tanzende Schatten, halb so viele wie es Leute in der Stadt gibt. Ein Mann im Spiderman Kostüm tanzt ganz alleine Tango. Er umarmt die Leere und gegen seinen Brustkorb führt er eine unsichtbare Frau.

"Guck“, sage ich. Elizabeth wirkt bedrückt und abgelenkt. Ihre Lippen sind ganz schmal zusammen gepresst. Wir sitzen noch ein bisschen und sagen wenig. Irgendwann legt sie ihren Kopf kurz auf meine Schulter, aber zieht ihn wieder weg genau in dem Moment, als ich meinen auch ablegen will.

In der Nacht kommt Elias mich besuchen. Ich weiß nicht, wie er mich gefunden hat. Ich will nicht glauben, dass Elizabeth ihm meine Zimmernummer gegeben hat. Ich habe mir gerade eine alte, kalte Melone vom summenden Kühlschrank genommen und auf eine dünne weiße Plastiktüte gelegt. Mit dem Löffel den ich mir morgens gekauft hatte, habe ich mir sie mühsam angeschnitten, danach in das Fruchtfleisch reingefasst und das ganze wie eine Bluse mit vielen kleinen Knöpfe aufgerissen. Es gibt hier weder Besteck noch Teller.

Es klopft an meiner Tür, ich mache auf und Elias steht da. Ich wische mir die Melonen Hände an meinen Shorts ab. Er guckt mich erwartungsvoll an, ich ihn genauso zurück. Er wippt auf seinen Sohlen auf und ab.

"Was willst du?" frage ich nach einer Weile.

"Spazieren“, sagt er, und grinst frech.

"Ich will nicht spazieren gehen."

"Doch, wir machen ein Mitternachtspicknick." Es ist erst kurz nach zehn.

"Ich habe keinen Hunger."

"Musst ja auch nicht essen. Komm." Er hält mir seine Hände entgegen und schnalzt mit seiner Zunge, wie eine Katze.

"Nein, ich will wirklich nicht, danke."

"Doch, willst du. Ich merke so was." Ich werde wütend. Ich bereue, dass ich die Tür aufgemacht habe. Ich bereue, dass Elizabeth und ich uns vor zwei Nächten zu ihnen in die Küche, komplett leer außer zwei Hotplates, einen Tisch und vier Stühle, nicht mal ein Mülleimer gibt es, gesetzt hatten, dass wir so lange da saßen und noch so viel Wein getrunken haben, und dass ich mich über seinen Akzent lustig gemacht hatte. Das mochte er, merkte ich. Die Studenten sind jetzt fast alle weg, Sommerferien, er kann aber nicht nach Hause. Der Campus ist seit einem Monat eine Geisterstadt, sagt er. Er fühlt sich selbst so, als ob er nicht wirklich mehr da ist. Es gibt ganze Tage, an denen er mit niemandem redet.

"Komm", sagt er jetzt noch mal.

Ich schüttle meinen Kopf. Es wird falsch verstanden, vielleicht, denn er nimmt jetzt einen langen Schritt und ist plötzlich das größte Ding im Raum. Es kommt mir vor, dass er genau 9qm Platz nimmt. Er schaut sich um, sieht die Melone auf dem Bett auf der Plastiktüte liegen, drängt sich an mir vorbei und setzt sich daneben. Sie ist schon nicht mehr gut, sehe ich jetzt, teilweise dunkelgrün und matschig. Mit seiner Handfläche streicht er Sand vom Bettlaken und ist kurz abgelenkt.

"Nicht gehen, Lydia“, höre ich ihn hinter mir her rufen, aber ich bin schon im Treppenhaus.

"Luisa!" rufe ich im Rennen runter.

Elizabeth hat ihr Zimmer abgeschlossen. Sie macht aber so schnell auf, dass ich mir vorstellen muss wie sie an der Tür wartet, ihr kleines Ohr gegen das Holz gedrückt. Sie hat ihre Haare glatt gebürstet, und steht im Handtuch da.

"Und?" fragt sie, "wolltest du doch nicht? Du hättest was zum Erzählen gehabt."

Ich schreie sie an und sie schreit zurück. Es macht alles keinen Sinn, was wir sagen. Wir verstehen aber beide, dass wir es miteinander nicht mehr aushalten.

Am nächsten Tag um Punkt halb sechs fangen die Bagger wieder an zu baggern. Ich laufe um den Zoo herum, dusche und klopfe an Elizabeths Tür. Wir schweben wortlos mit dem mediterranen Wind die Straßen runter zur Uni. Nachmittags lesen wir zusammen im sandigen Bett, baumeln unsere braunen Füße vom Fenster bis die Mücken kommen. "Erzähl mir eine Geschichte“, sagt Elizabeth fies, und ich nehme ein einzelnes Haar von ihr, zupfe es raus und puste es ihr ins Gesicht. Sie macht ihre Augen zu und tut so, als ob sie sich was wünscht, wie bei Augenwimpern.

Adios FU, for now

Es fällt weg, die zweitletzte stabile Struktur. Aufstehen, essen und lesen, was schreiben, schlau muss es nicht unbedingt sein nur so klingen, Hauptsache es wird was geschrieben. Und wenn es überzeugt, sich selbst sogar manchmal, umso besser. Schnell los radeln, sich in die Bahn setzen und das letzte Mal zu spät und nassgeschwitzt ankommen.

 

Jeder hat was. Vor sich liegen auf dem Tisch, im Mund, im Kopf: Kopfhörer, Laptop, Kaugummi, Kuchen, Notizen, die Maske - bloß nicht lächeln - das sich ständig Melden oder überhaupt nicht, Schwamm sein. Die Professorin lädt ein auf ein Kaffee, ein Radler, Hanuta.

We’ve run out of steam.

Das letzte Mal Mittagessen an grauen Metalltischen unter grauen Wolken. Wohin mit dem Mais? Anywhere but under the spinach. Nicht, dass sie flüstern, an der Kasse, wir würden es verstecken wollen, den teuren Mais, rausschmuggeln um ihn unter freiem Himmel zu verzehren. Pro Maiskorn 20 Cent oder so. Überraschung #1: die Gazpacho müssen wir warm essen. Und noch eine, und noch zig mehr. So spät am Tag noch Geheimnisse rauszukitzeln, schade eigentlich, denn am letzten Tag ist es fast zu spät. Wer hat Kinder, wer wird Oma, wer ist schon ganz woanders eigentlich. Wer ist double agent, wer Superheld, wer so still cool gewesen, dass wir das Boot verpasst haben. Was machen wir damit? Aufschreiben, ausdiskutieren, weiter erzählen und loswerden.

Wer ist verknallt. Wahrscheinlich mindestens die Hälfte. Das letzte Mal auch ein ungewolltes Kichern wie in der Schule von sich geben, es platzt aus einem wie gestautes Wasser und fast könnte man darin ertrinken. Rot anlaufen, sich nicht richtig verabschieden. Einen Polnischen, Französischen, Deutschen machen, einen Britischen (im Wegrennen sich dafür entschuldigen).

Es fallen auch die Leute weg, aber nicht alle. Eine kommt entgegen getanzt auf einem Festival im Wald im Nichts, nackte Füße auf einem Teppich im Dreck zu Elektro. Wir werden mit Wassernebel angesprüht wie ausgetrocknete Pflanzen.

Die Masterarbeit flüstert ganz, ganz leise, kaum zu hören: fang doch jetzt schon an. Ich kaufe mir einen neuen Highlighter, lege ihn sorgsam in irgendeine Ecke und schon ist er weg, vielleicht liegt er aufgesaugt mit den toten Wespen im Staubsaugerbeutel.

Erst mal Sommer.