11.02.2020

Februar 2020

Das Licht ist lila wie in einer Shishabar auf der Gneisenaustraße, in der wir einmal Tequila getrunken haben, ohne ihn zu bezahlen. Ich habe den Geruch in der Nase, als wäre ich gestern zum letzten Mal in dieser Shishabar gewesen. Sie ist seit Jahren geschlossen und noch länger rauche ich keine Wasserpfeifen mehr, die nach Tic Tac Orange schmecken. Als wir das gemacht haben, habe ich noch in der Fontanepromenade in einem Einzelbett, MALM, Ikea, geschlafen, der letzte Geschmack von Kindheit mischte sich in die Wasserpfeifen, ohne dass ich es wusste, ohne dass ich ahnen konnte, dass es der von Kindheit war und nicht der des Erwachsenwerdens.
Das Licht ist also lila. Wir sind vor fünf Minuten angekommen und ich weiß schon nicht mehr, wo Emil ist, es ist verraucht und seltsam leer dafür, dass mir das Ganze als Party verkauft wurde. Jemand umarmt mich. Der Wegwein brennt ein Loch in meinen Magen. Im Flur steht ein Tisch mit ein paar Packungen Chips drauf, ich greife mir eine und in dem Moment, in dem ich sie aufmachen will, fällt mir ein, dass ich meinen Mantel noch anhabe. Emil ist schon weg und ich ziehe meinen Mantel aus, während ich den Sohn des Gastgebers umarme. Der Sohn des Gastgebers ist auch meine erste Liebe. War meine erste Liebe?

Jetzt ist er aber für mich hauptsächlich der Sohn des Gastgebers, der nämlich wieder bei seinen Kindern eingezogen ist und nun bei ihnen Partys veranstaltet. Der Sohn des Gastgebers umarmt mich also und riecht nach sich und ein bisschen nach Schweiß, was ein unangenehmes Schamgefühl auslöst, als hätte ich an meiner eigenen Achsel gerochen und festgestellt, dass ich morgens vergessen habe, Deo zu benutzen. Im lilafarbenen Licht verliere ich fast meine Begleitung, meine Mitbewohnerin, die mitbekommen hat, dass es auch anderes Essen gibt, nicht nur Lidl-Chips.

Ich finde Julia in einem Seitenzimmer, in dem ein schmales Bett steht, ein langer Tisch voller Essen und zwei hohe Bartische, wie sie sonst bei Sekt- und Brezel-Empfängen zu finden sind. Die Bartische irritieren mich nicht, sie passen seltsam gut in den Raum, auf ihnen steht Pizza. An der Wand hängt eine Leinwand, die aussieht wie aus dem Schaufenster eines Fotostudios geklaut, es ist ein Druck von einem Porträt eines Mops, der einen Königsumhang und eine Krone trägt. Das Bild ist so geschmacklos wie der Gastgeber, der reinkommt und uns begrüßt. Er stellt sich mir vor, dann bemerkt er, dass wir uns kennen und findet es schön, dass wir da sind. Julia schiebt sich kalte Pizza in den Mund und ein Stück Käse. Ich schiele nochmal auf den langen Tisch mit dem ganzen Essen. Irgendwie ist niemand auf dieser seltsamen Party, niemand isst dieses Essen, und das beklemmt mich so sehr, dass mir der betrunkene Appetit vergeht.
Die Schwester des Sohns des Gastgebers erzählt mir, dass meine Mutter ihr immer Sachen bei Ernsting‘s Family gekauft hat. Meine Mutter hat in ihrem Leben noch keinen Ernsting‘s Family betreten, allein die Vorstellung bringt mich zum Lachen. Ich erinnere die Schwester daran, dass es sich vermutlich um die Mutter einer anderen Ex-Freundin handelt, mit der ich die erste Liebe teile. Das ist ihr unangenehmer als mir. Julia ist gefangen in einer Unterhaltung mit dem Gastgeber und einem Typen, der aussieht wie R. Kelly vor einer Grundschule, wenn er sie anguckt. Ich trinke einen Schluck schales Bier, frage mich, wo meine Freunde sind, und gehe in die Küche. Ich schaue mich um und merke, dass ich mit niemandem der anwesenden Menschen, die ich als meine Freunde bezeichne, überhaupt befreundet sein will und allgemein alles um mich herum ekelerregend finde. Der Bruder des Sohnes des Gastgebers boxt ein Loch in die Glasscheiben in der Küchentür. Meine Augen brennen vom Rauch und hier ist das Licht zwar nicht lila, aber zu hell. Es ist ein klassischer Berliner Altbau, warme Holzböden und verwinkelte Räume, was die Situation aus irgendeinem Grund noch trauriger macht. Niemand anderes ist traurig. Emil taucht wieder auf, seine Augen sind stumpf vom Koks und sein blonder Kumpel fragt mich, ob ich finde, dass die Junge Union eine Existenzberechtigung hat. Emil, groß und bullig, wuschelt mir durch die Haare.
Der Gastgeber zieht, als sei es das natürlichste der Welt, einen Hackbraten aus dem Ofen. Sein Sohn sagt, als wäre es das natürlichste der Welt, wie gut der Hackbraten riecht. Ich bedauere ihn sehr, vor allem, weil er nichts an der Situation bedauernswert findet.
Ich fühle mich endlos verloren an diesem Ort, nach nichts mehr sehne ich mich als nach Unterhaltungen über Philosophie, über Autorität und Faschismus und weichen Küssen. So bodenlos traurig bin ich nie, wenn ich alleine bin. Die größten und einsamsten Löcher reißen Menschen, unter denen ich mich wohl fühlen sollte. Ein Typ, mit dem ich mal aus Versehen aus Liebeskummer rumgemacht habe, versucht, mich zum Tanzen in das lila Zimmer zu ziehen. Ich ramme die Füße in den Boden und sage nein. Der Hackbraten riecht echt ganz gut.
Ich beschwere mich bei einem anderen mit dem ich auch mal was hatte, etwas weniger aus Versehen, aber auch nicht so ganz mit Absicht, dass ich es hier seltsam finde. Er versteht das nicht. Generationsübergreifende Partys findet er sehr gut. Klar, dass der Gastgeber auch Ollen von Tinder eingeladen hatte, war ein bisschen komisch, aber die sind ja jetzt weg. Ich sage, dass ich koksen scheiße finde, und gehe aufs Klo, um alte Chatverläufe zu lesen. Ich überlege kurz, dich anzurufen, einfach um dir zu erzählen, dass ich grad auf dem Klo sitze, während alle denken, ich hätte Verdauungsprobleme, und mir alte Fotos angucke, davon, wie du nackt in meinem Bett liegst. Ich grinse mich ein bisschen panisch im Spiegel an und bestelle mir und Julia ein Taxi. Dann gehe ich in das Zimmer des Sohns des Gastgebers und schnüffle ein bisschen rum, ob ich was Interessantes finde. Er hat eine neue Freundin, die aussieht wie ihr Windhund, aber nichts in seinem Zimmer ist interessant.
Ich träume von lila Licht und davon, dass der Hackbraten aus meinem Exfreund gemacht wurde. Morgens essen wir Croissants und sagen ganz oft, wie seltsam alles war.

Ich versuche, die Seltsamkeit mit einem sozialen Habitus zu erklären, den wir eben nicht verstehen, merke aber, dass das nicht geht, denn es gibt keinen. Dieses seltsam bourgeoise Umfeld vermischt mit Trash, Jurastudenten mit ekelerregenden Drogen, Hackbraten mit lila Licht und Familienfotos an den Wänden mit Hass. Zumindest letzteres ist vielleicht auch eine Universalie.

i.

mehr

herzschläge schneller als kniekehlen
du brauchst kaum luft um nicht zu atmen
unterwasser hört man mich
kein anschluss wegen dieser nummer
vermurmelst du vor dich hin, leise:
deine göttin ruft
es ist schluss, gib mir jetzt ein käsebrot

die wassermelone schmeckt mehlig du fängst an zu weinen
im takt des aleph bet

In Zahlen

Der Kühlschrank ist voll mit nichts zu essen. Ich erwäge stark, den Babybel zu suchen, um den ich am Boden meiner Handtasche weiß, ungefähr genau sieben Male hat er schon den Aggregatszustand gewechselt, ich fühle ab und zu, ob er grad weich ist oder hart und weiß dann, ob es gerade heiß ist oder kühl. Ganz schön praktisch, so ein wetterbesagender Babybel, denke ich, und erwäge, mein Handy ein zweites Mal in einem Caipirinha zu ertränken. Außerdem in meiner Handtasche sind elf bis siebzehn lose Tampons verschiedener Größen, die panisch bei DM gekaufte Verpackung ebendieser, mit Klopapier in der weißen Unterhose. 

Eine Packung Streichhölzer mit einem poetischen Spruch drauf, ein Reclam-Heft mit poetischen Inhalten, die mir nicht gefallen haben, zu viele Reime. Weitere unnötige Zahlen, in meiner Handtasche und um mich rum: an ihrem Boden auch noch eine halbgetrunkene Nullkommavierliter-Berliner-Luft von diesem Morgen, an dem wir barbusig und barherzig auf Eurem Dach überlegt haben, ob die Sonne in echt schon verbrannt ist, während sie langsam und dann ganz schnell aufgeht und warum es Steine gibt. Außerdem ein paar Sticker von der Schaubühne und einer auf dem BUNT STATT BRAUN steht, keine Ahnung, wo ich mir den hinkleben soll, in meinem Zimmer ist alles weiß, das stimmt also nicht.

Eine einklappbare Zahnbürste und ein paar Packungen Aspirin Effect, außerdem eine lose, lilafarbene Schlaftablette, die ich mir aus den Vereinigten Staaten der verschreibungsfreien Medizin mitgebracht habe und eine noch verpackte Durchfalltablette im Falle eines Streits oder zu vieler Zigaretten. Eine dreckige Unterhose, die vom letzten Schwimmbadbesuch dort geblieben ist.

Noch mehr Zahlen: ich besitze drei T-Shirts von zwei Buchläden, das älteste habe ich seit 2010, es hat einmal jemand draufgekotzt, das kann ich aber mittlerweile wieder ganz gut vergessen. Unter meinem Kopfkissen liegen drei dreckige Ohropax, auf meinem Nachttisch drei angefangene, ein gelesenes, vier ungelesene Bücher auf einem Stapel. In mir schlagen siebzehn Herzen, eins davon in jedem großen Zeh und eins da wo andere ihr Hirn haben. Ich habe schon circa vierundsiebzig Sims ertränkt, glaube aber, diese Morde verjähren mit der Zeit. Der Kühlschrank ist voll mit nicht zu essen. Auf meiner To Do Liste stehen acht To Dos von denen ich eins schon durchstreichen konnte. Auf meinem Schreibtisch fünf leere Wassergläser und sechs Pfandflaschen, außerdem eine Smoothieflasche, ich beobachte sorgfältig, wie der Schimmel wächst. Macht das Zimmer etwas bunter.

Zweitausendneunzehn habe ich schon sehr oft, wahrscheinlich fünfzig Mal, All Good Things von Nelly Furtado gehört und einmal Deine Schuld von den Ärzten, habe aber bei ersterem kein einziges Mal mitgeschrien und bei letzterem umso lauter, in meinem mit Menschen gefüllten Wohnzimmer, das wärmer war als die wahrscheinlich schon tote Sonne.

Ich habe heute zwei Knoblauchzehen geschnitten und vier meiner Fingerspitzen riechen noch danach, habe zwei Eiscremesandwiches aus unserem Gefrierfach genommen und sechseinhalb Folgen zwei verschiedener Serien geschaut, viereinhalb davon im Bett und zwei auf dem Sofa. Heute habe ich dreiunddreißig Mal gelacht, zweimal geweint. Zwei Polizisten in der Wohnung gehabt und eine Polizistin, einen Mann vom Balkon gesehen, der ein lilafarbenes T-Shirt trug und eine Frau, die er zu kennen schien, Fotze schrie und schubste. Kann man jemanden etwas schreien, und wenn nein, wieso nicht, man kann ja jemanden auch etwas rufen. Er hat sie aber nicht nur ganz ruhig „Fotze“ gerufen, er hat geschrien, und die Leute beim indischen Restaurant haben trotzdem nur ihr suppiges Curry gekaut und sich nicht einmal gefragt, warum denn niemand was macht. Sein T-Shirt war so lila wie die Schlaftablette. Ich bin der 1.775.883dste Mensch, der sich ein lustig-trauriges Livevideo einer lustig-traurigen Band bei YouTube anschaut und wahrscheinlich der hundertzwölfte, der gerade in seinem blauen Computerlicht am Nachtschreibtisch sitzt und nur schreibt, um müde zu werden und nicht wach liegen zu müssen und Fehler zu zählen. Fehler habe ich ganz viele, sie liegen auf meiner Schreibtischablage und stecken mir in den Fersen, ich beziehe das Bett mit ihnen und schminke meine Wangen mit ihnen. Vier meiner Fehler: ich hasse Zahlen, ich finde sie nur funktional und gar nicht schön, ich bin zaumlos, nichts hält mich im Zaum, aber auch nichts außerhalb davon, bin nur zaumlos, ich bin so schmerzempfindlich, dass ich mir meinen eigenen Schmerz manchmal nicht abnehme und ich bin sehr schnell beleidigt. Vier Fehler und andere fehlen noch, aber ich habe nun genug von Zahlen und bin synthetisch müde, was besser ist als es gar nicht zu sein.

eins

schaumschläger in meinen engen arterien
ein schlaganfall, aber für dich
in gedanken machen wir ferien
haar auf haar, wacher als wach
in dunklen atemzügen ziehe ich mich
aus

hundemüde glückwünsche
narbenfalten macht das mit euch selber aus
runde worte machen heute windgänsehaut
wie ist barfuß sein, wenn man keine füße hat
wie ist lieblos sein, wenn man zu viel herzen hat
sieben die sekunde
wir
sieben die sekunden

farbloses rot vor augen laufe ich gen himmel
farblosen tod vor augen fährt die rolltreppe los
autobiographien schreiben sich selten von selbst.
ich könnte mich auch mal unbrauchbarer machen

von hier nach oben und wieder zurück
landet auf meinem kopf eine friedliche taube

zum ersten mal riechen in diesem jahr
kaffeepulver und schweiß
ein flügel in meinem blumentopf


zwei

ich werde langsam ungeduldig
nichts fliegt von alleine in die luft
es weint sich rasend gut vor leeren brettern
in meiner welt ist jeder deiner sätze wahr

sirenen klingen in geschlossenen ohren
ich bilde mir das läuten von alarmglocken ein
dein süßer atem verklebt mir die synapsen