16.04.2019

Februar 2019

Josephine Bätz

Nachverfolgung von Straßendokumenten

Es ist zu warm, und zu kalt. Ich entscheide mich gegen den Tag und gehe spazieren. Draußen zittert die Luft. Wer zu lange auf Scheiben starrt, bringt sie zu Bruch, also halte ich den Blick nach vorne gerichtet. Es ist ruhig hier – Unterführungen dämpfen die Zeit. Wer sie betritt, bewegt sich auf einmal durch zäheren Schleim. Von der Autobahnbrücke schaut mir eine Taube zu, die Flügel ordentlich gefaltet. Sie wartet. Am Straßenrand steht ein Motorrad, moosgrün geworden; es passt sich der Umgebung an. Beim Auftreten schade ich dem Geh-weg, aber er hat versprochen, es mir nachzusehen. Ich denke übers Schreiben nach, und über die Schilder an jeder Ecke, auf die nur kurze Blicke fallen und um die sich kaum jemand kümmert. Vor dem Geschäft duckt sich Obst unter die Markise und gegenüber steht ein Fisch-restaurant. Ich sammle Informationen und schreibe sie auf wie bei einer Observation: Feuer-wehrzufahrt, eine Matratze auf dem Bürgersteig, das 30-Zone-Schild steht schief. Gerade schief, nicht umgeknickt, als hätte es sich bewusst für die Karriere als lokale Sehenswürdigkeit entschieden. Aber das hier ist Berlin. 

Ich gehe weiter. Graublaue Häuser mit Balkonen; aus dem Augenwinkel betrachtet, rücken sie näher zusammen. Die Kreuzungen sind überschaubar, aber ausgewalzt, um Platz zu schaffen. In den Seitenstraßen verstecken sich geometrisch perfekte Schulgebäude. Es gibt Hirsche in den Fenstern und eingemeißelte Sonnen über den Türbögen. Die Schilder verschwimmen: Bitte den Rasen nicht betreten. Bitte das Paradies nicht betreten. Hunde sind fernzuhalten. Sie haben sich fernzuhalten. Hunde haben sich das Paradies vorgestellt. Ich überprüfe mein Zeitgefühl und liege um zehn Minuten daneben. Irgendwo ist ein Pfeifen zu hören, und überall Sirenen am Start. Die Luft zittert heftiger. Ich traue mich kaum mehr, den Blick zur Seite zu wenden, aus Angst, damit eine Ladenfront zu zerschlagen. Die Häuser rücken zusammen, und ich mache mich schmaler, um weiterhin auf den Bürgersteig zu passen. Zeit für den Rückweg.

[morgenbetrachtung]

supermond sichelt
über
den horizont
&
draußen in brandenburg
stecken wölfe die
schnauzen ins fell
&
in der stadt stellen hunde
nach einem leisen heulen
die ohren auf
&
die ein oder andere katze
augenspiegelt rötliche schimmer
ins haus
&
altbauten schütteln
langsam die dunkelheit ab
&
die erste tram pflügt
den schlafenden furchen
ins gesicht

Der Buchladen

Ich bin auf dem Weg nach Hause, zu Fuß. Die S-Bahn ist ausgefallen wegen Schnee. Die U-Bahn hatte einen Unfall. Wenn man sich anstrengt, kann man ein paar Schneeflocken auf den Mülleimern erkennen. Um mich herum sind viele andere Leute unterwegs. Einer beschwert sich am Telefon, dass er in Tempelhof wohnt. Wir sind im Prenzlauer Berg. Die Person am anderen Ende der Leitung bietet nicht an, ihm ein Taxi zu rufen. Neben mir öffnet sich die Tür von etwas, das auf den ersten Blick aussieht wie eine Studentenkneipe mit ausgemusterten Möbeln. Gleichzeitig hat es diese vollverglaste Front; wie man sie von Fitnessstudios kennt, die ihre Mitglieder zusätzlich zu den Beiträgen auch noch der Öffentlichkeit zur Schau stellen. Es ist ein Buchladen. In der Tür hängt ein schönes Schild mit der Aufschrift „geöffnet“. Niemand hat sie geöffnet. Es ist Sonntag.

Drinnen bewegen sich einige Menschen; ich kann sie nur schemenhaft erkennen. Eine ältere Dame hält krampfhaft ihre Tasche fest, dabei haben alle hier ziemlich viel Platz zwischen sich. Ich fasse die Türklinke an; es kommt ein leichter Schlag. Ich betrete den Laden, in dem ganz hinten, fast versteckt, ein paar Bücherregale stehen. Es ist keine Kasse zu sehen und niemand scheint so richtig hierherzugehören. Dafür ist es warm. Ich frage die ältere Dame, ob sie weiß, wo ich einen Mitarbeiter finden kann. Ich suche ein ganz bestimmtes Buch in der zweitletzten Auflage. Sie antwortet nicht. Alle anderen Kunden wenden sich ab, wenn ich näherkomme. Niemand von ihnen hält ein Buch in der Hand. Ich gehe zu den Regalen.

Die Bücher sind unsortiert, oder ich kann zumindest keine Ordnung erkennen. Die Regale wirken klapprig und ich traue mich kaum, ein Buch herauszunehmen; ich habe Angst, irgend-eine Balance zu stören. Eins ist fast aus dem Regal gefallen, es ist klein und leicht. Gedruckt 1777 und auf Latein. Hinter mir räuspert sich jemand. Schön, zu sehen, wenn jemand die Bü-cher richtig behandelt. Er sieht mittelalt aus, die Haare eine Mischung aus blond und braun, und hat eine unaufgeregte Stimme. Seine Gesichtszüge sind weder rund noch kantig, sondern irgendwie…gerade. Während ich ihn ansehe, vergesse ich die Details schon wieder und muss sie ein zweites Mal registrieren. Ist das Ihr Geschäft? Es war mir bisher noch gar nicht aufge-fallen. Wie lange gibt es Sie denn schon? Jeder Satz wird gefolgt von einem unangenehmen Schweigen; erst der letzte sorgt für eine Reaktion. Seit fünf Jahren, sagt er. Er klingt selbst nicht überzeugt. Kann ich Ihnen helfen? Ich beschreibe das Buch, das ich suche. Er schreibt sich nichts auf. Wir könnten da möglicherweise ein Exemplar im Lager haben. Kommen Sie morgen vorbei.

Am nächsten Tag fahren die S-Bahnen wieder. Als ich die Ladentür öffne, empfängt er mich mit dem Buch in der Hand. Es ist die Auflage, die ich brauche. Als ich es aufschlage, kommt mir ein leicht muffiger Geruch entgegen, wie aus einem Antiquariat. Die Schrift sieht normal aus, aber in meinem Augenwinkel scheint sie sich zu verändern. Keine Drucktype. Das Buch hat eigentlich genau das richtige Gewicht für einen Sprachkurs, aber es fühlt sich in meinen Händen zu leicht an. Es müsste gebunden sein, und mit schwererem Papier. Ich erwähne das dem Ladenbesitzer gegenüber und er nickt leicht, dann sagt er: Keine Sorge, das hört spätes-tens nach einem Tag auf. Zum Abschluss deutet er kurz in eine Lücke im Bücherregal. Zwei Augen schauen daraus hervor. Das ist Kim, meine Katze. Lässt sich gerne streicheln. Ich trete einen Schritt näher und strecke vorsichtig meine Hand aus. Kim ist ein Huhn. Sie lässt sich klaglos streicheln und ich verabschiede mich schnell aus dem Laden, in dem sich sonst nie-mand mehr aufhält. Hinter mir dreht der Inhaber das Schild in der Tür zu „geschlossen“ um. Es ist elf Uhr vormittags.

Er hat recht gehabt, kurz darauf verhält sich das Buch normal. In den nächsten Wochen fragt mich meine Sprachlehrerin mehrmals, warum ich bei meinen Hausaufgaben immer wieder ins Lateinische wechsele. Ich sage ihr, dass ich parallel versuche, noch ein paar andere Sprachen zu lernen und dabei immer mal wieder etwas durcheinanderkomme. Aber ich lerne kein La-tein, und überhaupt keine romanische Sprache. Meine Lehrerin geht nach einer Weile dazu über, mir die Fehler nicht mehr anzustreichen; stattdessen schreibt sie nur noch „seufz“ darun-ter. Ich besuche den Buchladen immer mal wieder und bestelle was ich brauche. Jedes Buch, ohne Ausnahme, trifft am nächsten Tag ein. Der Inhaber scheint viele Kims zu haben, denn sie sieht jedes Mal anders aus. Einmal ist sie eine Eidechse. Eine Katze ist nie dabei. Irgendwann gehe ich trotzdem dazu über, sie als solche anzusprechen und frage, wie sie sich beim Mäusefangen macht. Bei der einen Gelegenheit, als der Inhaber mir eine Maus als Kim vor-stellt, lasse ich die Frage aus. Sie erscheint mir taktlos.

Abgesehen von dem Sprachbuch benimmt sich keins meiner Bücher seltsam. Deshalb emp-fehle ich den Laden an ein paar meiner Freunde. Die ersten kommen nach wenigen Tagen zu mir und erzählen, dass sie ihn nicht finden können. Er liegt etwas versteckt in einer Seiten-straße, vielleicht haben sie nicht richtig geschaut. Sie streiten das ab, wollen aber nicht, dass ich mit ihnen gemeinsam hingehe. Einer glaubt, ich will ihn verarschen. Ich war seit mehreren Monaten nicht mehr da; aber nun steht wieder ein Besuch an. Ich nehme mir vor, danach für meine orientierungslosen Mitstudenten eine Karte zu zeichnen und stecke Katzenfutter für Kim ein. Egal, welche von ihnen da ist – das mag sie immer.

Als ich ankomme, ist kein Buchladen da. Ich überprüfe die Straße doppelt und dreifach, gehe sie mehrmals ab. Ein Fitnessstudio schmiegt sich eng an eine Studentenbar, die noch zu hat. Ein paar Wohnhäuser, dann ist die Straße zu Ende. Ich trete näher an das Studio, dessen Glas-front mich an etwas anderes erinnert…in der Tür hängt ein Schild, es sieht alt und aufwendig gemacht aus. Wie für einen Buchladen. Darauf steht „geschlossen“. 

WG-Gespräch

INN. KÜCHE EINER STUDENTEN-WG – TAG

Die Küche einer Altbauwohnung in Tempelhof. Gemütlich, aber etwas durchgewohnt. Generationen von Studenten haben hier über die Jahre ihr Lager aufgeschlagen und beim Auszug alles Mögliche zurückgelassen: Auf dem Küchentisch und den Ablageflächen stapeln sich mindestens fünf Toaster, ein löchriger Topf – wie hat jemand das hinbekommen? -, Teller und haufenweise Geschirrtücher, eingehüllt in unterschiedlich dicke Schichten von Schmutz. Der Wasserhahn über der Spüle lässt sich nicht vollständig zudrehen, er tropft deutlich hörbar vor sich hin. Im Hintergrund setzt das Geräusch einer Bohrmaschine ein. Bricht ab, geht wieder los. Es kommt aus der Nachbarwohnung. Am Tisch in der Mitte des Raums – der viel zu neu wirkt für das zusammengestückelte Ambiente – sitzt JULE. Sie hat ein Buch vor sich, in dem sie angestrengt zu lesen scheint. Wir können den Titel nicht erkennen, aber sie hält es kopfüber. Hin und wieder nimmt sie einen Stift zur Hand und notiert sich etwas auf der Tischplatte.

Die Tür öffnet sich, und JULIUS betritt den Raum. Im selben Moment stoppt der Bohrer; im weiteren Verlauf ist er immer mal wieder im Hintergrund zu hören. JULIUS stoppt kurz, hört hin; dann geht er zur Spüle, lässt den Wasserkocher volllaufen und macht sich einen Tee. All das findet schweigend statt. JULE sieht erst auf, als er sich auf einen der Stühle setzt und seine Tasse mit dem Teebeutel neben ihr auf dem Tisch abstellt. Sie nickt kurz, nimmt die Tasse in die Hand und trinkt einen Schluck.

JULE
Nett von dir.

JULIUS
Das war meiner.

JULE
Kannst dir ja einen neuen machen.
Sie vertieft sich wieder in das Buch.

JULIUS
Wie war die Klausur?

JULE schreibt noch ein paar Buchstaben auf die Tischplatte, klappt das Buch zu und legt es beiseite.

JULE
Ganz okay. Wäre auch scheiße gewesen, die wiederholen zu müssen. Ich bin schon zwei Semester hinterher.

JULIUS
Und du studierst nochmal-?

JULE
Biologie.

JULIUS
Ich bin mir ziemlich sicher, dass letzte Woche die Antwort Medizin war.

JULE
Spielt das eine Rolle?

JULIUS
Mm. Was den Sonntag angeht.
Der Satz bleibt in der Luft hängen.

JULIUS
Also, ich weiß nicht, ob das-…wo ist eigentlich Julia?

JULE
Juliana. Sie hasst es, wenn du sie Julia nennst.

JULIUS
Was sind das überhaupt für bescheuerte Namen.

JULE geht darauf nicht ein, sondern nickt stattdessen in Richtung des Bohrmaschinengeräuschs.

JULE
Sie trifft die Vorbereitungen.

JULIUS
Also, ich wollte das eigentlich mit euch beiden besprechen, aber- sie macht was?

JULE
Man muss sowas vorbereiten. Das war dir klar, oder?

JULIUS
In unserem Haus? Wollt ihr gleich noch ein Schild an die Tür hängen? Ich dachte, ihr seid Profis!

JULE
Sind wir. Und das ist absolut nicht deine Baustelle. Deine Aufgaben liegen ganz woanders.  

JULIUS
Genau darüber will ich mit euch reden. Ich glaube, ich kann das nicht. Nee, ich weiß, ich kann das nicht.

Für JULE scheint das nicht unerwartet zu kommen. Eigentlich wundert es sie, dass es so spät zum Thema wird.

JULE
Und darauf kommst du jetzt warum?

JULIUS
Ich kann’s echt nicht. Ich weiß zu schätzen, was ihr für mich getan habt. Aber-
Ihr Gesichtsausdruck ändert sich nicht im Geringsten, der Tonfall bleibt genauso beiläufig wie zuvor. Aber es wird deutlich, dass sie sich nun auf ein anderes – und sehr gefährliches – Terrain begeben. In dem ein eigentlich eher unbedarfter Sportstudent mit Sicherheit nichts zu suchen hat.

JULE
Wir hatten eine Abmachung. Aber das weißt du.

JULIUS
Vielleicht gibt es irgendeine andere Art, auf die ich euch entschädigen kann? Ich kenn die Preise nicht, aber etwas Geld krieg ich bestimmt zusammen.

JULE
Wir haben keinen Preis. Deshalb bist du zu uns gekommen.
Er will etwas einwerfen, aber sie winkt ab.

JULE
Wir haben uns deinen Fall angehört. Juliana und ich haben entschieden, dass die Angelegenheit unsere Aufmerksamkeit wert ist. Es ist wichtig, dass du das verstehst. Wir schicken sehr viele Leute weg.

JULIUS
Der eigentliche Grund, aus dem ich zu euch gekommen bin, war, dass ich das nicht selber auf die Reihe bekommen habe. Da ist es doch etwas ironisch, dass ich jetzt jemand Wildfremdes…

JULE
Das ist die Bezahlung. Danach kannst du hier sofort weg. Obwohl, aus der Wohnung solltest du am besten schon vorher.

JULIUS
Warum?

JULE
Gasexplosion.

JULIUS
Ich soll ne ganze Wohnung in die Luft jagen?

JULE
Die entsprechende Person wird da sein.

JULIUS
Aber-

JULE
Sonst kriegt niemand was ab. Das ist mein Job.

JULIUS
Wofür braucht ihr mich denn dann?

JULE
Wir brauchen dich gar nicht. Du bezahlst.

JULIUS
Ich hab keine Ahnung, wie man…sowas…macht.

JULE
Das erklären wir dir. Und am Freitag vorher ziehen wir aus. Du auch.

JULIUS
Wirkt das nicht verdächtig?

JULE
Haben wir beim Einzug festgelegt. Der hier ist persönlich - wenn man so will.
Sie sieht ihn abwartend an.

JULIUS
Ich mach mich dann mal auf zur Uni.
Er steht etwas hastig auf.

JULIUS
Bis später.
Auf dem Weg zur Tür vermeidet er JULES Blick. Das Bohren hat aufgehört und das Tropfen des Wasserhahns klingt unnatürlich laut. JULIUS wird sich so weit wie möglich vom Acker machen; so viel ist klar. Am Freitag zumindest ist er mit Sicherheit nicht da.

JULE macht keine Anstalten, ihn aufzuhalten; sie schaut ihm nur schweigend zu. Fast abschätzend. Bevor er aus der Küche tritt, dreht JULIUS sich noch einmal zu ihr um.

JULIUS
Der Typ, wie heißt er?

JULE
Im Moment? Peer Winter.
Der Name wird gedanklich ad acta gelegt. JULIUS muss nur noch ein öffentliches Telefon irgendwo finden, von dem aus er anonym anrufen und den Mann warnen kann. Aber die Formulierung lässt ihn aufhorchen.

JULIUS
Und sonst?

JULE
Als ich ihn kannte? Julius.

ENDE