17.12.2019

Dezember 2019

Josephine Bätz

In der Zeit nach dem Nitrofilm macht einigen das Kino nur noch halb so viel Spaß

Dass man die Jugend überhaupt noch so rumsitzen lässt mit ihren Chipstüten in der Hand. Dass man die Geschmacksrichtungen riechen kann. Früher, da hätten wir uns das nicht getraut, da hat man sich sittsam in Zelten niedergelassen. Später in Räumen. Der einzige Geruch kam vom Projektor und jemand spielte sich am Klavier die Finger wund; der Vorführer blätterte wie manisch durch die einzelnen Bilder. Wenn man die Augen halb geschlossen hatte, konnte man glauben, dass da ein Fenster ist. Dadurch konnten wir in undeutlichem Schwarz und Weiß die Figuren sehen oder eher, dass wir eigentlich hinter der Kamera stehen und die Risse im Filmmaterial gruben sich beim Betrachten in alle Gesichter ein. Damals haben wir natürlich eine ehrfurchtsvolle Stille im Kino noch nicht gekannt – es war ja niemand, dem man zuhören musste, vorhanden. Also hatte man mehr Kommentatoren als Zuschauer im Saal, da bleibt für Essen in der Mundhöhle nicht mehr viel Platz. Man bewunderte ja die filigrane Ausfüllung der Linien in verschiedenen Farben. Ein Signal, dass das Vorgeführte bearbeitet ist und doch auch ein Zeichen von Nähe. Damit etwas zum Einfärben da ist, müssen welche ihre Körper als Flächen der Kamera übergeben haben. Wir konnten uns immer kaum losmachen von dieser Erkenntnis, außer für den kurzen Moment, den es brauchte, den vor uns Sitzenden ihre Hüte vom Kopf zu schlagen. Zwecks Sichtkontakt. Heute besteht dazu längst keine Notwendigkeit mehr, man hat ja die hinteren Reihen angehoben. Da befindet man sich zum Beurteilen auch in geeigneter Position und könnte sich ganz versenken in die Bildfläche, wäre da nicht da leise Knacken der Chips, das sachte in die Dialoglücken fällt. Nächstes Mal gehen wir auf jeden Fall nach Charlottenburg, da essen sie im Kino nicht. Oder sie essen nur heimlich.

[for lack of snow]

this is a serious time everything
it does to you is aimed with the utmost
precision the pressing clouds the
heavy raindrops etching themselves
into your skin

you don’t even leave the house
without an umbrella in hand anymore
and your boots pair for pair stay soaked
for the rest of the year something in this
air turns your lungs inside out
whenever you slow down to think

the weeks to come will not put up
with tardiness but you have trouble
to keep this speed up at all
feel yourself slithering to a halt at
every stoplight almost falling or
more accurately offering the least
possible resistance

you have gone down this road
a thousand different times and still
you’ve never been quite as stunned
as this – and I mean that in the
literal sense – you’re unable to move
not even for this wind sharply
humming you a rhythm
to dance to

Wir denken in neonfarbenen Linien auf dem Asphalt

Du rufst mittags an, während ich am U-Bahnhof sitze und einen Plastiksalat auf den Knien balanciere. Eine Hand am Telefon, die andere an der Tüte mit Dressing. Ich hebe beim zweiten Klingeln ab und sage lauter, dabei hast du noch gar nicht gesprochen. Aber die nächste U-Bahn kündigt sich schon mit Grollen und Vibrieren an, und überhaupt sprichst du immer viel zu leise. Deine Stimme überschlägt sich, als du die Begrüßung weglässt und direkt zum Punkt kommst: Berlin ist eine Festung. Ich habe keine Ahnung, was das heißen soll, aber du bist in Panik und spuckst deine Wörter förmlich aus. Ich halte den Hörer etwas weiter vom Ohr entfernt, balanciere den Salat und meine Tasche beim Einsteigen. Drinnen lege ich alles auf den Sitz neben mich, versuche, die strafenden Blicke zu ignorieren. Ich zeige auf den wiederverwendbaren Kaffeebecher, der aus meiner Tasche ragt. Fummele die Kopfhörer auseinander und nehme den Faden wieder auf. Du wiederholst ständig Wörter, aber es fällt dir gar nicht auf, als du deinen Morgen beschreibst. Du sagst, die Leute bewegen sich anders als sonst. Zuerst hast du es gar nicht gemerkt, aber draußen auf der Straße haben alle ihre Gangart angepasst; sie laufen zielstrebiger, fast marschieren sie, und du fragst dich, woher sie den Rhythmus haben. Ich unterbreche und sage: Die Zeitumstellung hat dich aus dem Takt gebracht. Während ich es sage, weiß ich schon nicht mehr, ob es stimmt. Exakt, sagst du, du bist als einziges nicht im Takt. Heute beim Bäcker haben sich die Leute in alphabetischer Reihenfolge angestellt. Als du das Haus auf dem Weg zur Uni verlassen hast, war es dunkel, um neun Uhr morgens, und niemand hat sich gewundert. Waren die Straßenlaternen an, frage ich, weil mir sonst nichts einfällt. Nein, alle haben bloß ihre Handys rausgezogen und die Taschenlampen angemacht. Beim Anrempeln haben sie sich nicht in die Augen geschaut. Lass uns später reden, sage ich, wir fahren hier gleich in einen Tunnel ein.

[die minuten bis zum wecker dehnen sich]

es ist noch nicht mal richtig morgen und
du hast schon das handy an blaues licht
auf den fingern und sagst nichts von draußen
legt sich autorauschen auf deine augenlider
du atmest irgendwie flach bis in die
wimpern hoch und trotzdem deutlich
wie jemand der wach ist und
du schaust auf den bildschirm als ob sich
davon etwas ablesen lässt dafür dass du
im bett liegst ist dein herzschlag
ein wenig zu schnell nicht ganz so stark
dass die angst einsetzt aber doch sehr spürbar
schneller als die autos draußen
und unnatürlich laut