05.11.2019

August 2019

Josephine Bätz

Was sich zu lange anschaut, wird Maschine (IV)

Er braucht drei Wochen, um mich einzuholen, das verschafft mir trotz allem etwas Genugtuung. Als ich um fünf Uhr morgens neben dem Bahntower auf dem Boden aufkomme, schmerzt alles bis zu den Knochen. Die Müdigkeit hat sich inzwischen als Schleimschicht in meinen Magen gelegt, aber zum Essen ist sowieso keine Zeit. Nach unserem Erlebnis am Bahnhof und meiner überstürzten Flucht hat es nicht lange gedauert, bis ich gemerkt habe, dass ich die Stadt nur auf konventionellen Wegen verlassen kann. Und die werden zweifellos überwacht. Ewig kann das so nicht weitergehen, das ist klar, aber Zeit zum Nachdenken oder Planen hat es bisher auch nicht gegeben.

Ich sehe mich nach einem Café um, das schon aufhaben könnte, biege in eine Seitenstraße ein. Vor dem einzigen offenen Coffeeshop steht er. Ich halte an, schaue mich um, niemand sonst ist da. Er hat die Hände in den Jackentaschen, als ob ihm kalt ist. Er hat mich gesehen. Drei Sekunden später, viel zu schnell, ist er bei mir.

Einen Moment lang spricht niemand. Dann tritt er nah heran, vorsichtig, langsam. Er behält meine Arme im Blick, als ob er einen Angriff erwartet. Wenn ich es schaffe, ihn wegschubsen, dann kann er sich nicht an mich dranhängen. Die Frage ist, wie lange er dann brauchen wird, um mich wiederzufinden.

Er räuspert sich. Hör zu, sagt er. Seine Stimme ist ein Flüstern, obwohl wir allein sind, kaum wahrnehmbar. Du hast dich völlig verausgabt, wenn du wegläufst, kommst du nicht weit. Ich habe einen Vorschlag. Ich spanne die Muskeln an und versuche meinen Blick fokussiert zu halten. Er hat Recht, ich kann kaum aufrecht stehen. Hör dir einmal an, was ich zu sagen habe, fährt er fort. Wenn es dich nicht überzeugt, kannst du sofort gehen, und ich komme dir nicht hinterher. Aber es gibt ein paar Dinge, die ich dir erzählen muss.


Fünf Minuten später sitzen wir im Café und haben Tassen vor uns auf dem Tisch. Willst du anfangen, sagt er. Mit den Fragen, die du hast. Er kann seine Tasse kaum in Ruhe lassen, dreht dauernd daran herum. Klopft mit den Fingern auf die Tischplatte. Die letzten Wochen über habe ich mir ein paarmal vorgestellt, wie dieses Gespräch ablaufen wird.


Du hast ihr zugenickt, sage ich schließlich, halb zu mir selbst. Das bringt ihn aus dem Konzept. Wem? Der Frau im Zug, vor drei Wochen. Eine von ihnen. Er will offensichtlich etwas antworten, lässt es dann aber doch. Ich habe nicht verstanden, was das soll, sage ich. Dass du mir Angst einjagen willst vor Leuten, die das Gleiche tun wie du. Oder ich. Er will unterbrechen, ich rede weiter. Und dann ist mir klar geworden, dass das überhaupt keine Rolle spielt. Du bist irgendwer von der Uni und du hast mich in etwas reingezogen, das ich nicht überblicken kann. Also interessiert es mich nicht, wer die Frau war. Oder wer du bist, und warum hier alle vor allen auf der Flucht sind. Ich bin raus.

Er wartet noch einen Moment, den Blick starr auf seine Tasse gerichtet. Eine Frage habe ich, sage ich. Ich kann nicht aus der Stadt springen, da gibt es eine Sperre. Warum? Die ist nicht persönlich, sagt er fast geistesabwesend. Das haben mal ein paar Leute eingerichtet, und es lässt sich nicht wieder aufheben. Springen kannst du nur innerhalb von Berlin. Und du hältst dich daran, frage ich. Wenn ich gehe, lässt du mich in Ruhe?

Ich ja. Aber andere werden das nicht tun. Und solange du springst, können sie dich finden – es ist wie ein Signal, Wellen oder sowas. Die Funktionsweise habe ich selbst nie verstanden. Jedenfalls orten sie dich dann. Und wenn du nicht für sie bist, dann stoppen sie dich.

Langsam reicht mir das, sage ich. Wer zur Hölle sind sie? Was soll so geheim sein, dass du mir nicht mal einen Namen oder eine Beschreibung geben wolltest? Und dann noch ernsthaft erwarten, dass ich dir bei diesem Agenten-Bullshit vertraue.

Ich kann in seinem Gesicht ablesen, dass er ebenfalls anfängt, wütend zu werden. Gut. Doch statt etwas zu sagen, nimmt er einen Stift aus seiner Tasche. Er zieht die halb durchgeweichte Quittung unter seiner Tasse hervor, dreht sie um und schreibt ein paar Wörter auf. Dann schiebt er mir den Zettel herüber. Hier können wir nicht reden, sagt er. Nicht sicher.

Ich geh nirgendwo mit dir hin, sage ich. Auf dem Papier stehen Koordinaten; in der Art, wie man sie zum Springen aufschreibt. Die Zeiten sind vorbei. Er seufzt kurz. Dann schlag du was vor, sagt er. Er hält mir den Stift hin. Ich nehme ihn und drehe ihn ein paar Mal zwischen den Fingern hin und her. Die Wahrscheinlichkeit, dass das hier eine Falle ist, scheint mir sehr hoch zu sein. Andererseits, von wem überhaupt? Ich habe zu wenig Informationen, um die Situation auch nur annähernd einschätzen zu können. Und woanders bekomme ich die vermutlich im Moment auch nicht her.

Schließlich schreibe ich etwas hin und gebe ihm den Zettel zurück. Er wirft einen Blick darauf. Das sind doch gar keine-…Ich unterbreche ihn. Keine Koordinaten, stimmt. Nimm die U-Bahn. Okay, sagt er. Morgen um fünf bin ich da, fahre ich fort. Und du solltest besser ein paar Erklärungen parat haben. Das ist das letzte Mal, dass ich mich auf sowas einlasse.

Als ich aufstehe und zur Tür gehe, hat es angefangen zu regnen. Draußen ist niemand und ich habe schon mit dem Fokussieren begonnen, als mir die Warnung von vorhin einfällt. Ich ziehe die Kapuze hoch und mache mich auf den Weg zur S-Bahn.

[das museum bietet irgendwas für kinder an]

im innenhof staut sich die luft
bis zum himmel 
das blaue dreieck flimmert
wenn man es zu fest 
in den blick nimmt der ein
oder andere vogel zieht
geraden durch die form

unten schreien kinder im
dreckigen sand und schrotten sich
ihre burgen aus schotter und kippen
dazwischen pusten sie bienen
über rissigen asphalt

der kurs in was auch immer auf dessen
ende hufscharrende eltern warten
hinterlässt wenig spuren in diesem tag
der sich langsam um sich selber dreht
um zwischen den hausdachkanten immer
mal wieder schmerzhaft zum stehen
zu kommen was abreißt flattert nach unten
und legt sich in fetzen
auf die haut

[bar in neukölln]

drinnen im dschungel von 
fototapeten umrahmt erzählen wir uns 
geschichten ziehen in unsicheren linien
unsere ausbildungswege nach

es ist so eng man kann den rauch
unruhig die dielen entlang zittern
sehen

an den wänden raschelt efeu durch
den ventilator in streifen geschreddert
hilflos und rauh 
der frosch im aquarium
stößt sich langsam vom boden ab
und schwebt

[die hektik in der luft ist handgemacht]

Berlin, Rathaus Steglitz. Eine Gruppe hat es nicht bei grün über beide Ampeln geschafft und hängt jetzt auf der Verkehrsinsel fest. Die Jüngeren warten auf eine Lücke, die Älteren halten ihren Blick fest auf das rote Licht gerichtet. Erst, wenn die Farbe wechselt, werden sie gehen. Ein paar Minuten sind schon rum. Ein älterer Fußgänger hat einen Hund dabei, der vorbeifahrende Autos anmeldet. Nur die roten. Er bellt zum zehnten Mal. Fünfzehn. Eine Studentin schaut auf ihr Handy, sie wartet hier seit vier Minuten. So lang können die Ampelphasen doch auch nicht sein. Die Autoampel wird rot, alle schauen angestrengt auf das Licht. Die Autoampel wird wieder grün und jemand schreit vor Empörung. Der Hund schlackert mit den Ohren, springt aufgeregt hin und her. Die Autos fahren wieder an. Eine ältere Frau versucht, zu beschwichtigen; eine Grünphase kann ja mal ausfallen. Jemand ruft, dass er einen Bürgeramtstermin hat in einer Minute. Andere feuern für ihn die Ampel an. Sie sagen, an uns bricht man sich die Zacken aus.

Die Ampel der Autofahrer ist grün seit fünf Minuten. Zehn. Einige bremsen leicht an, wenn sie näherfahren; sie können ihr Glück gar nicht fassen. Andere winken beim Durchbrettern den Gestrandeten zu. Sie sitzen seit zwanzig Minuten fest. Im Schloss haben sich währenddessen die Geschäfte zusammengetan. Aus dem ersten Stock wirft jemand den Leuten auf der Insel ein paar Kekspackungen zu. Der Mann mit dem Termin fragt aufgeregt, was das soll. Muss man sich auf eine längere Wartezeit einstellen? Aus dem Schloss kommt keine Antwort, stattdessen trifft ihn ein Karton am Kopf. Er sinkt zu Boden, jemand bringt ihn in die stabile Seitenlage. Die Autos halten an für rot, fahren bei grün wieder los. Einer öffnet die Tür und bietet an, zwei Anhalter mitzunehmen. Eine Gruppe Geschäftsleute prügelt sich um die Plätze. Zwei von ihnen schaffen es mit blutigen Nasen ins Innere, einer hat aus Versehen den Hund unterm Arm. Das Auto fährt wieder weiter. Kein anderes hält an. Die Wartenden stehen starr. Noch scheuen sie die Verkehrsordnung. Die Studentin wartet auf eine Lücke und stürmt los. Das nächste Auto nimmt sie sofort auf die Motorhaube. Zum Glück fährt es nur langsam, sie holt sich ein paar blaue Flecken. Sie flüchtet nicht zum Straßenrand, sondern zurück auf die Insel. Dort reiht sie sich wieder unter die Wartenden ein, die vor ihr zurückweichen, ohne es zu wollen. Während draußen die Autos vorbeirauschen, kehrt Ruhe ein. Eine angespannte Stille, die auf den nächsten Sprung wartet. Der ältere Mann reißt eine Kekspackung auf und nimmt sich einige heraus. Einen will er dem Hund reichen, dann fällt ihm ein, dass der weg ist. Er bricht schluchzend zusammen. Ein paar andere trösten ihn. Aus einem Fenster im Obergeschoss meldet sich ein Mitarbeiter eines Geschäfts, das Handy am Ohr. Er gestikuliert, dass er die Polizei anruft. Das vermuten sie zumindest. Aber warum? Die Stille spannt sich immer mehr an. In diesem Moment legt ein Auto eine Vollbremsung hin und kommt halb auf dem Überweg zum Stehen – die Autoampel hat auf rot umgeschaltet. Als wäre das ein Zeichen, schauen alle angestrengt zur Fußgängerampel. Zehn Sekunden passiert nichts, dann springt sie auf grün um. Die Wartenden können ihr Glück kaum fassen. Sie liegen sich jubelnd in den Armen, dann kommen sie wieder zu Verstand. Sie rennen die zwei Meter zum rettenden Ufer. Es ist eine Dreiviertelstunde her, dass sie gemeinsam gestrandet sind, und ein paar tauschen Nummern aus, um in Kontakt zu bleiben. Der Mann mit dem Bürgeramtstermin hat das Bewusstsein wiedererlangt und stürzt die Treppen hoch, um seine Situation zu erklären. Der Rest verstreut sich und geht seinen Geschäften nach. An der Kreuzung fangen einige Autofahrer an zu hupen. Sie warten seit fünf Minuten auf grün. Die Ampel wechselt nicht.