06.08.2018

August 2018

Charlotte Wührer

goodbyes

I cycle to Potsdam following a t-shirt I spent five weeks last summer fixed to with my eyes along the Danube, east to west and against the wind. N’s white tricot.

Something is off, something bothers me before we’ve even left Kreuzberg. It bothers me at Brandenburger Tor, where we collect a small contingent of Lesbians Who Tech. It bothers me cycling through the Grunewald, it chases me up the hill and along the Wannsee, into Potsdam and beyond. Past the Templiner See. Like someone changing the colour of their eyes without warning.

I get it just before we say goodbye at a crossing where a left turn takes me to Caput (a lake, an apple, being held in the water by seaweed arms) and a right takes her to Valencia. Four weeks cycling, one year studying.

It’s the two new golden triangles sewn into the fabric at the back of her tricot to hold together the seams.

In my stairwell last week one morning — one spent drinking coffee alone and daydreaming glassily at two pigeons dancing in my tree, looking away when they mated — in this stairwell as I descended reluctantly into the tropical heat for some errand or other, the sun threw a triangle of light in through a wooden framed window.

(A good, old one like the bathroom windows in the UK, mottled to stop people catching their neighbours in vulnerable stripped still asleep states sitting yawning head on knees.)

The triangle of gold fell on the laminate flooring of the stairwell like an arrow that said, “go outside”.

Back inside, back home. Muscles tight, bikini damp and face burnt, I wait for reports of wild camping, broken bike bits fixed, adventures in small village orphanages, close shaves, water from wells. Photos of oversized watermelons. Coordinates.

I’m not good at goodbyes. I’ve done three in a row and perhaps I should summer hibernate, wait out the rest. (Nasty but great book about a human hibernating: My Year of Rest and Relaxation, by Ottessha Moshfegh.)

The day after Potsdam, C, who has shared my flat for 14 months, moves into N’s for the year. I pack her toaster and milk frother into a box. We load everything into a borrowed car on this, the hottest day of the year, eat a last bolognese. Will I buy her bread and salt, I wonder. We take her things down the road and pile her boxes into a space that smells of N and reminds me of first coming to Berlin. I live alone again. I reclaim my bedroom and barricade with plants the steps to the loft bed in the living room where I’ve been sleeping too long. Airless and dusty, a tectonic gash between two mismatched mattresses, footprints on the ceiling and the space littered with spiders and half-read books.

I inherited the plants from H, who has left for New York to break into the publishing world, having already loosened the stiff jam jar lid of it here in Berlin. In New York she will twist with a tea towel and it will fly off. We sit over falafel and ayran at Maroush two days before she leaves. The sweat runs down the backs of my shins. Some tears. We met in class last year. No, before. Miss Read Fair, 2017. She said, manning her stand and I was on a break from manning mine, “I’m trying to get into the Freie Uni to do English Studies.” I said, “I’m at the Freie Uni doing English studies.” She sat usually by herself and said things that made the professor pick up her pen and write in the margins of her notes for class.

On her last night we go for Korean food and don’t cry but sweat a lot. “See you in New York,” I say as she descends into the bowels of the U Bahn system.

The more people leave — another goodbye tomorrow to emerge blinking into the light for —  the more I dig my claws into the blanket. Saying goodbye has made me obstinate and lazy this week, unwilling to move much further than work and back, C’s new and N’s old place down the road. I’ve become homebirdy and broody for plants. At a dinner last week someone threw Brexit onto the table and I didn’t care in a childish, too loud way because I don’t plan on ever going back, I said. I’ll still be here in fifty years, probably, holding the fort and keeping the chairs warm and the plants alive, I went on to say, and someone wondered aloud if I’d be the only one left in Berlin I know.

Eckkneipe

Am Samstagabend saßen wir in einer von sehr wenigen Eckkneipen im Graefekiez und wurden von zwei älteren Männern, die sich da jede Woche seit über 20 Jahre treffen, angequatscht.

Ich erzähle E gerade von meinen unfassbaren Boule-Spiel Skills, an die ich anfangs selbst nur halb glaube, und merke dabei, dass unsere Tischgenossen was von uns wollen. Vielleicht brauchen sie Tipps. Ich will aber zu Ende erzählen. Es mag sein, dass ich erst einmal gespielt habe, aber an Beginners Luck glaube ich nicht, an Gewinnen lassen auch nicht. Nach und nach beeindrucke ich mich selbst dermaßen, dass ich ernsthaft überlege, ob ich die ältere Boule Spielerin, die an der Bar sitzt und mich beim Bestellen entertained hat, zu einem Duell fordere.

 

Ich schnappe nach Luft und bin wenig überrascht, als der eine Mann an unserem Tisch so tut, als ob er nicht wüsste ob E’s Tabak ihm gehört oder nicht. Dabei raucht er eine komplett andere Sorte. Sein Tabak liegt direkt vor ihm.

“Sag mal...” sagt er, nachdem wir an dem das Spielchen mit dem Tabak vorbei sind und wir uns alle vorgestellt haben. Er wird leiser, lehnt sich näher herüber. Jetzt wird er fragen, wie es damals dazu kam, dass ich gegen einen 90 Jährigen, der schon mindestens 70 Jahre lang spielt, gewonnen habe. “Sag mal, ihr seid sozusagen Freundinnen?”

Wir gucken uns an, ich lache. “Ein Paar” sagt E.

“Und sag mal,” sagt der andere, “mit dem Altersunterschied… Ihr müsst die Stadt ja ganz anders erleben.”

Ich bin irritiert, immer noch halb beim Boule, und außerdem habe ich das Gefühl er will damit sagen, dass Berlin für Leute in meinem Alter nichts mehr als Partystadt wäre, dass ich nur flüchtig hier bin um Drogen und Sex zu tanken bevor ich weiterziehe. “Wie meinst du?”

“Na ja, mit Musik und so.” Er ist Musiker, erklärt er. Hat Musik so viel mit dem Alter zu tun? Ich bin mit Blondie und Talking Heads und Frank Zappa aufgewachsen. Auch Destiny’s Child und Blue und Maroon Five. Ich tanze gerne. Wir tanzen beide gerne. Ich werde auch mit 80 das Tanzen noch lieben, E bestimmt auch.

“Wir gehen mal zusammen ins Berghain,” meint der Musiker. “Ich tanze auch so gerne und es kommt nie irgendjemand mit. Die denken alle, sie seien zu alt.” Ich finde die Vorstellung wie wir zusammen losziehen - schwarz bekleidet mit Bauchtasche und gespielte Langweile - verlockend und unwahrscheinlich.

“Ich war mal in eine Charlotte verliebt,” fängt er nachdenklich an. “Sie war verheiratet. Ihr Mann war eifersüchtig auf mich, ich war eifersüchtig auf ihn. Wir waren sehr eng. Charlotte kam aus Schottland und hat auch Musik gemacht, auch gerne getanzt. Sie kamen mal beide zusammen zu Besuch zu mir nach Charlottenburg. Charlottenburg!” Er prustet. “Wir sind feiern gegangen und Charlotte wollte unbedingt tanzen, er aber nicht. Er hat sich nicht gerne bewegt, fand das Tanzen peinlich und das Schwitzen unpraktisch. Er war älter als sie, deswegen habe ich gefragt. Er mochte nur Klassik und dazu kann man nicht so gut tanzen. Jedenfalls haben Charlotte und ich also getanzt. Ganz nah. Der Mann hat zugeschaut. Es war der schönste Moment meiner Dreißigerjahre. Das war es dann aber auch. Charlotte kam nie wieder, hat nur noch eine letzte Weihnachtskarte geschickt.”

“Richte mal schöne Grüße an deinem Vater aus,” meint der andere Mann, hängen geblieben. Er kennt meinen Vater nicht. “Sag ihm, wir sehen uns auf dem Frank Zappa Festival nächstes Jahr.”

“Klar,” sage ich, und tue es nicht.

Der Musiker gibt mir seine Nummer und meint, er bringe mir das Klavierspielen bei, steht auf und verschwindet.

Der andere redet immer noch leise und intensiv über unseren Tisch gelehnt. Er ist extrem interessiert. Lesben sind einfach interessant. Und wir sind gut mit jemandem befreundet, die lange für Udo Lindenberg fotografiert hat.

“Wer wäre für euch so zu sagen ein Traumprinz? Von welchen Typen hattet ihr Posters als Teenies an der Wand hängen?”

Wir gucken einander wieder an.

“Ähm…”

 E sagt, “Ich glaube du hast da was falsch verstanden.”