11.06.2019

April 2019

Josephine Bätz

[der frost hat sich zurückgezogen bis unter die mülleimer]

baugerüste manche halbfertig und manche
schon müde an hauswände gelehnt
wer sie passiert muss an die
pfosten klopfen und dreht sich
dann zu regentropfen um

wir laufen schneller denn
um die ecke macht der bäcker zu
der aus dem hinterhof
übers fensterbrett verkauft
und eine straße weiter hebt
ein hund das bein

es nieselt aber jeder kleine schlag
ätzt durch die poren
und windstöße irritieren
die haut

auf dem gerüst turnt eine
und ein zweiter stellt bier hin
wie auf einen balkon
die beiden sehen uns nicht
und wir unter den muffigen
holzplanken
trocknen langsam ein

unser blick noch restgefroren auf
angedreckte fassaden
auf autos mit dellen vorne und falten hinten
und auf die ersten
eklig grünen blätter

Ich trete eine Reise an

Ich betrete den Hauptbahnhof, und niemand sonst ist da. Einen Moment lang erschrecke ich und überlege – ist er nicht offen heute, haben wir Feiertag? Es ist Samstagvormittag und draußen stopfen sich in den Supermärkten Einkaufswagen zwischen die Regalreihen, bis Kasse vier endlich aufmacht. Kasse vier hat vor zwei Minuten geöffnet, aber die anderen Schlangen haben sich so schnell bis dahin verteilt, dass die Kunden es schon wieder vergessen haben. Die Geschäfte im Bahnhof sind, soweit ich es beurteilen kann, offen. Probeweise steuere ich auf eins davon zu; ich brauche noch Snacks für die Fahrt. Kekse oder Käsestangen, aber das Wort Snacks klingt selbst in meinem Kopf etwas professioneller und ich wechsle schnell den Gedanken. Die automatische Tür zur Apotheke öffnet sich mit einem leichten Surren, das ich nicht kenne. Ich blicke nach oben und sehe eine Überwachungskamera direkt auf mich gerichtet. War das vorher schon so?

Ich schaue mich um, es ist niemand im Laden. Nicht zwischen den Regalen, nicht bei der Kasse; aus dem Hinterraum, den jede Apotheke hat, dringt auch kein Geräusch. Es putzt sich nicht mal jemand die Nase. Mir fällt ein, dass das hier gar nicht das Geschäft ist, in das ich wollte. Beim Rausgehen achte ich darauf, nicht die Regale zu berühren. Draußen schaue ich auf die gläsernen Wände des Bahnhofs und dann auf meine Füße, unter denen zwei Stockwerke tief die Rolltreppen sich emporschlängeln. Durch das Plexiglas wirken sie zögerlich, aber unbeirrbar schieben sie Stufe um Stufe ans Ziel. Nur eine hat angehalten und zwischen den Stufen haben sich weite Lücken aufgetan. An keiner Stelle sind Warnschilder oder Absperrband angebracht. Vielleicht vertraut dieser Bahnhof seinen Besuchern. Auf dem Plexiglas sind meine Schuhe unangenehm leise. Mein Atem ist viel zu laut. Ich traue den Rolltreppen nicht, deshalb nehme ich die normalen, die niedriger sind als sonst. Glaube ich. Man misst sowas ja nicht, aber meine Füße kommen jedes Mal auf falscher Höhe auf. Der Supermarkt ist genauso leer wie die Apotheke, und die Türen öffnen sich ebenfalls ohne Widerstand. Drinnen sind die Regale halb leer, auf dem Boden dazwischen stehen Kartons herum. Außer den Neonröhren scheint nichts, was Strom braucht, in Betrieb zu sein. Ich greife mir eine Packung Kekse und eine Wasserflasche und gehe zur Kasse. Dort blinken die Lesegeräte vor sich hin, und das Kassenfach steht offen. Probeweise halte ich die Kekspackung unter den Scanner. Nichts passiert. Ich krame in meiner Tasche nach Geld und finde einen Schein. Vor-sichtig drücke ich die Halterung hoch, streiche ihn glatt und lege ihn zu dem anderen Geld. Es sind wenig Münzen im Fach; ich nehme mir kein Wechselgeld heraus. Als ich den Supermarkt verlasse, denke ich, der Alarm muss doch jetzt losgehen. Es kommt nichts. Seit ich den Bahnhof betreten habe, war kein einziges Zuggeräusch zu hören, und bei allen anderen Geschäften stehen die Türen sperrangelweit offen. Es ist niemand da, den man fragen könnte. Stattdessen steht ein Reh vor dem Starbucks. Es wirkt leicht verwirrt und sortiert auf dem glatten Boden seine Beine. Mit seinem Spiegelbild in der Ladenfront kommt es nicht zurecht und stößt den Kopf in Richtung des vermeintlich anderen Tiers. Dabei verliert es wiederholt das Gleichgewicht und muss sich neu aufrappeln. Ich habe mal gehört, dass manche Rehkitze, wenn sie das erste Mal aufstehen, in den Spagat fallen und sich überdehnen. Dann bindet man ihnen eine Schnur um die Hinterbeine, damit sie normal aufstehen können, bis es verheilt ist. Hier würde das nicht viel bringen, das Reh braucht ein Geländer. Oder Profil an den Hufen. Ich gehe rüber und biete ihm aus sicherer Entfernung einen Keks an. Es überlegt kurz und reckt dann den Kopf in meine Richtung. Diese Bewegung bringt es aus irgendeinem Grund ins Gleichgewicht. Mampfend schaut es mich an und schlackert mit den Ohren. Ich zucke die Schultern und gehe los. Das Reh trippelt neben mir her, vorsichtig, um nicht wieder auszurutschen. Meine Schuhe, als hätten sie plötzlich das Profil abgeschabt, gleiten ebenfalls immer wieder aus. Ich gehe dazu über, mich am Geländer festzuhalten. Irgendwann haben wir beide alle Geschäfte abgelaufen und sind am Ende des Bahnhofs angekommen. Oder am Anfang. Jedenfalls am Ausgangspunkt. Noch immer sind keine Menschen aufgetaucht, und selbst Tauben flattern nicht wie sonst in knapper Überkopfhöhe ihre Flugmanöver. Ich bin ratlos. Das Reh ist es auch. Es schaut mich an und ich bilde mir ein, dass es Fragen stellt. Keine davon kann ich beantworten. Aus meiner Reisetasche packe ich Klamotten aus und mache uns ein Lager. Es zögert und setzt dann einen Huf auf den Stoff, wie um Wasser zu testen. Kurz darauf liegt es zusammengerollt neben mir und schnarcht, dass der Boden zittert. Ich strecke mich aus und starre an die Decke, durch die ich Regenwolken nachverfolgen kann. Bald prasselt es. Irgendwann schlafe ich ein.

im durchschnitt sind wir alle

erwachsen und bürgersteige rollen
wo wir uns treffen hastig ihre bordsteine hoch
niemand entschuldigt sich und noch weniger
bei anderen wir sagen wir halten uns
anstatt wir sind normal

es ist busstreik und trotzdem sieht man kein
fahrrad stattdessen steht man
an grün verstahlten bahnhöfen
schaut der uhr beim lügen zu jemand
hat vergessen die anzeigen auszuschalten
und sie überschlagen sich mit neuen
wünschen zur abfahrtszeit

tauben haben die gleise weißgeschissen
dazwischen ritzen flaschenreste den mäusen
die füße auf sie versammeln sich
zur diskussion

graffiti an den wänden haben zum abend
eine andere distanz und die hochhäuser
blinken morsecode oder das was sie davon noch
wissen auf die wartenden zurück

wo wir umgeben sind von dingen die gewalt
erfahren lassen sich bruchstellen leichter verstehen
oder zumindest entlangtasten mit fingern aus
schmirgelpapier das rauhe abschleifen
bevor jemand anderes es bemerken kann

[Was sich zu lange anschaut, wird Maschine]

Er zieht das Tempo an und ich muss mich beeilen, um mitzukommen. Dabei ist er kleiner als ich. Aber irgendwas sitzt ihm im Nacken und er hastet so schnell die Straße entlang, dass ich Angst habe, er legt sich gleich auf die Nase. Jetzt sag schon, was los ist. Hast du deine Fahrkarte vergessen? Der S-Bahnhof liegt seit fünf Minuten hinter uns. Ohne langsamer zu werden, kramt er beim Gehen in seiner Jackentasche und zieht einen zerknitterten Fahrschein hervor. Er drückt ihn mir in die Hand. Du wolltest nach Potsdam? Er scheint kurz zu überlegen, ob er mir antworten soll. Vor wem bist du dann weg, frage ich. Und warum laufen wir immer noch? Wir müssen aus der Stadt, sagt er. Die verlassen nicht gerne Berlin. Die Polizei? Das ergibt doch keinen Sinn. Er murmelt etwas vor sich hin, das ich nicht verstehe, und wiederholt es nicht.

Eigentlich waren wir auf dem Weg zu einer Lesung. Ich versuche, mich zu erinnern, von was und bin mir unsicher, ob ich es bloß vergessen oder gar nicht nachgesehen habe. Aber ich gucke immer alles nach. Für heute habe ich drei verschiedene Verbindungen rausgesucht, falls eine ausfällt. Die dritte haben wir gerade verpasst. Er fängt an, sich beim Gehen regelmäßig umzuschauen. Ich tue es ihm nach, ohne zu wissen, wonach wir Ausschau halten. Langsam bin ich auch nervös. Etwas bewegt sich in meinem Augenwinkel, er zuckt, er hat es auch gesehen. Noch einmal, diesmal von der anderen Seite. Wir laufen beide schneller, rennen jetzt fast, und müssen immer wieder ausweichen, wenn uns jemand entgegenkommt. Wenn wir aus Berlin rauswollen, müssen wir zur Bahn, keuche ich. Es fällt mir nicht ein, langsamer zu werden. Nicht die S-Bahn, sagt er. Da sind sie am liebsten unterwegs; liegt am Geruch. Und dass die Fenster etwas loser in den Rahmen stecken. Und die Regionalbahn? Das geht. Wir rennen.
Am Bahnhof sprinten wir gerade noch in die Bahn, bevor die Tür zuklappt. Er wickelt sich halb um die Haltestange, während er wieder zu Atem kommt und ich lasse mich auf einen Sitz fallen. Ich will ihn fragen, wovor wir eigentlich auf der Flucht sind; aber er wirft mir einen warnenden Blick zu und sagt, nicht hier. Guck nach Leuten, die verdächtig aussehen. Verdächtig wie was, frage ich. Ausgeblichen an den Rändern, sagt er. Elektrisch. Nicht ganz da. Das ist doch keine Beschreibung, sage ich, aber ich kann nicht lachen. Mein Nacken fühlt sich an, als ob darauf ein Gewicht lastet und mein Körper ist angespannt. Auf irgendetwas reagiere ich. Die Leute um uns herum haben seine Beschreibung mitgehört und ihn wohl direkt als Spinner abgetan. Jedenfalls lassen sie uns in Ruhe. Ich schaue mich um, alles sieht normal aus. Und irgendwie auch nicht. Ich sehe keine Funken, aber meine Haut zieht sich zusammen wie vor einem Schlag. Er hechtet zu mir herüber, greift nach meinem Arm. Dann dehnt sich alles aus.
Als Nächstes stehen wir an einem anderen Bahnsteig, mitten im Grünen. Es ist kein Schild zu sehen, aber eben waren wir noch in Mitte. Wir sind nicht ausgestiegen, da bin ich mir sicher. Was zur Hölle war das. Er braucht einen Moment für die Antwort. Etwas länger, als mir lieb ist. Sie waren im Zug, sagt er schließlich. Ich hab uns rausgeholt. Hier draußen sind wir eini-germaßen sicher. Vor wem, frage ich. Was hast du mit dem Zug gemacht? Er schaut mich an, sein Gesichtsausdruck verwandelt sich in Kränkung. Gar nichts, sagt er, ich hab nur uns daraus entfernt, das ist alles. Entfernt. Es ist schwierig zu erklären, am einfachsten kann ich es dir wahrscheinlich zeigen. Aber nicht hier. Wir lassen den Bahnhof hinter uns.