Blog Berlin Stories

JOSEPHINE BÄTZ - Stadtschreiberin 2019

geb. 1996, studiert Filmwissenschaften an der Freien Universität Berlin

Josephine Bätz schreibt bereits seit ihrer Kindheit hauptsächlich Lyrik und seit einiger Zeit auch Kurzprosa. Dabei experimentiert sie auch gerne mit Mischformen aus beiden.

Durch Schreibwerkstätten, u.a. 2016 bei Feridun Zaimoglu im Rahmen der Heiner-Müller-Gastprofessur an der FU, und die erfolgreiche Teilnahme an mehreren Wettbewerben, z. B. im Februar 2017 bei Lyrix, dem Bundeswettbewerb für junge Lyrik oder beim Treffen junger Autor*innen 2016, konnte sie sich stilistisch weiterentwickeln.

Bereits während eines Erasmus-Aufenthalts in Irland im letzten akademischen Jahr hat sie sich in Form eines Gedichtblogs mit der Stadt Dublin auseinandergesetzt.

Im Rahmen von Berlin Stories würde sie nun gerne die Gelegenheit nutzen, sich in verschiedenen literarischen Formen mit Berlin zu beschäftigen und dabei weiter zu entwickeln. Besonders reizt sie daran, mit neuen Formen zu experimentieren und, neben Lyrik und Prosa, auch kurze dramatische Formen und ergänzend Fotografie zu verwenden.

März 2019

Josephine Bätz

[auf dem weg zur uni richte ich mich nach regenfäden aus]

der bus rattert durch morgenstraßen
zu beiden seiten von mülltonnen
flankiert die tänzeln kanten
von einfahrtsgefällen entlang und
aufmerksame hunde heulen
überall

der krankenwagen vor uns fordert
auch ohne blaulicht abstand ein
wir nehmen unsere kurven
hart und etwas bricht seine speichen
im fahrtwind
sammelt sich winterlaub an
und brennt

unter den sitzen kauern taschen
zwischen den füßen
sie kläffen leise wenn es ans
aussteigen geht

metallbrücken wenn wir sie abfahren
setzen uns wenig entgegen sie haben
eine seltsame ausstrahlung
nicht richtig massiv

neue geschäfte in viel zu
alten gebäuden ein paar wartende
tragen haltestellen
die dächer ab

weite mäntel und schalungetüme
häufen zum rauchen nach draußen
unter dem taubengrauen himmel
stehen die häuser geduckt
und im winter
geht es in die schweiz

[manches bleibt hängen, der rest verflüchtigt sich]

taxis schleichen über den tempelhofer
damm und am straßenrand
legen sich grashalme so leise wie möglich
zurück in position
die luft ist lauwarm aber sie brennt sich
beim gehen in schlieren in die
atemwege ein das nächste taxi

steigt gedämpft in die eisen und wer
bei rot auf die straße wollte hastet
zum anderen rand mehr erschrocken
durch schwingungen als durch
einen plötzlichen ruck was nicht
richtig quietscht bleibt
den trommelfellen nicht lange
erhalten und ohne zuschauer
schüttelt sich die wirklichkeit
leichter ab

das auto wird massiv wenn es
an der ampel zum stehen kommt
und nur genau
bis zum lichtwechsel
scheinwerfer schimmern die
schmiere auf wartehäuschen an

beim gehen schrubbt die haut
eine schicht von sich frei oder
vielleicht gewinnt sie auch eine
dazu einen glasigen film
druckempfindlich der trotzdem
die wellen
auf abstand hält

[bedrohlich]

wenn ich sitze schießt der zug noch
etwas schneller durch die nacht
bäume drehen sich von den gleisen
weg richtung boden

drinnen schummert das
licht unsicher sitzreihen
entlang mein gegenüber hat
ein notizbuch vor sich wenn
augenkontakt passiert wird
keiner ein gespräch anfangen

vielleicht drängt sich uns
auf dem weg noch ein kaffee
auf oder wir bremsen
in den bahnhof ein
etwas
zu schnell

[nach brandenburg]

ziehen mit pfeil und bogen zur wildschweinjagd und zurückkommen mit borstigen haaren und funkelnden zähnen die klobigen körper mit mühe heben und vorsichtig sein da doch die hauer noch immer am schwein sind wachsam sein weil mit diesen waffen war es der erste versuch und sich freuen wenn man begrüßt wird und sich nicht freuen wenn man begrüßt wird und beim runternehmen der last die knie einklappen und glauben das tier auf dem rücken ächze mit und die letzten meter in mitte zur haustür schleifen drei etagen hoch ohne fahrstuhl und die blicke der nachbarn ignorieren morgen ist eh jemand anders mit treppeputzen dran und vor der wohnung die blutverschmierten turnschuhe ausziehen sich vornehmen morgen sich gummistiefel zu kaufen und dann doch weil der kühlschrank zu klein ist das schwein vor der tür lassen und den bogen wegstellen und die pfeile ordnen jeden tag einen bis zum nächsten versuch

(nach einer in der zeitung gesehenen meldung zur wildschweinjagd in brandenburgischen gemeinden)

Februar 2019

Josephine Bätz

Nachverfolgung von Straßendokumenten

Es ist zu warm, und zu kalt. Ich entscheide mich gegen den Tag und gehe spazieren. Draußen zittert die Luft. Wer zu lange auf Scheiben starrt, bringt sie zu Bruch, also halte ich den Blick nach vorne gerichtet. Es ist ruhig hier – Unterführungen dämpfen die Zeit. Wer sie betritt, bewegt sich auf einmal durch zäheren Schleim. Von der Autobahnbrücke schaut mir eine Taube zu, die Flügel ordentlich gefaltet. Sie wartet. Am Straßenrand steht ein Motorrad, moosgrün geworden; es passt sich der Umgebung an. Beim Auftreten schade ich dem Geh-weg, aber er hat versprochen, es mir nachzusehen. Ich denke übers Schreiben nach, und über die Schilder an jeder Ecke, auf die nur kurze Blicke fallen und um die sich kaum jemand kümmert. Vor dem Geschäft duckt sich Obst unter die Markise und gegenüber steht ein Fisch-restaurant. Ich sammle Informationen und schreibe sie auf wie bei einer Observation: Feuer-wehrzufahrt, eine Matratze auf dem Bürgersteig, das 30-Zone-Schild steht schief. Gerade schief, nicht umgeknickt, als hätte es sich bewusst für die Karriere als lokale Sehenswürdigkeit entschieden. Aber das hier ist Berlin.  
Ich gehe weiter. Graublaue Häuser mit Balkonen; aus dem Augenwinkel betrachtet, rücken sie näher zusammen. Die Kreuzungen sind überschaubar, aber ausgewalzt, um Platz zu schaffen. In den Seitenstraßen verstecken sich geometrisch perfekte Schulgebäude. Es gibt Hirsche in den Fenstern und eingemeißelte Sonnen über den Türbögen. Die Schilder verschwimmen: Bitte den Rasen nicht betreten. Bitte das Paradies nicht betreten. Hunde sind fernzuhalten. Sie haben sich fernzuhalten. Hunde haben sich das Paradies vorgestellt. Ich überprüfe mein Zeitgefühl und liege um zehn Minuten daneben. Irgendwo ist ein Pfeifen zu hören, und überall Sirenen am Start. Die Luft zittert heftiger. Ich traue mich kaum mehr, den Blick zur Seite zu wenden, aus Angst, damit eine Ladenfront zu zerschlagen. Die Häuser rücken zusammen, und ich mache mich schmaler, um weiterhin auf den Bürgersteig zu passen. Zeit für den Rückweg.


[morgenbetrachtung]

supermond sichelt
über
den horizont
&
draußen in brandenburg
stecken wölfe die
schnauzen ins fell
&
in der stadt stellen hunde
nach einem leisen heulen
die ohren auf
&
die ein oder andere katze
augenspiegelt rötliche schimmer
ins haus
&
altbauten schütteln
langsam die dunkelheit ab
&
die erste tram pflügt
den schlafenden furchen
ins gesicht

Der Buchladen

Ich bin auf dem Weg nach Hause, zu Fuß. Die S-Bahn ist ausgefallen wegen Schnee. Die U-Bahn hatte einen Unfall. Wenn man sich anstrengt, kann man ein paar Schneeflocken auf den Mülleimern erkennen. Um mich herum sind viele andere Leute unterwegs. Einer beschwert sich am Telefon, dass er in Tempelhof wohnt. Wir sind im Prenzlauer Berg. Die Person am anderen Ende der Leitung bietet nicht an, ihm ein Taxi zu rufen. Neben mir öffnet sich die Tür von etwas, das auf den ersten Blick aussieht wie eine Studentenkneipe mit ausgemusterten Möbeln. Gleichzeitig hat es diese vollverglaste Front; wie man sie von Fitnessstudios kennt, die ihre Mitglieder zusätzlich zu den Beiträgen auch noch der Öffentlichkeit zur Schau stellen. Es ist ein Buchladen. In der Tür hängt ein schönes Schild mit der Aufschrift „geöffnet“. Niemand hat sie geöffnet. Es ist Sonntag.

Drinnen bewegen sich einige Menschen; ich kann sie nur schemenhaft erkennen. Eine ältere Dame hält krampfhaft ihre Tasche fest, dabei haben alle hier ziemlich viel Platz zwischen sich. Ich fasse die Türklinke an; es kommt ein leichter Schlag. Ich betrete den Laden, in dem ganz hinten, fast versteckt, ein paar Bücherregale stehen. Es ist keine Kasse zu sehen und niemand scheint so richtig hierherzugehören. Dafür ist es warm. Ich frage die ältere Dame, ob sie weiß, wo ich einen Mitarbeiter finden kann. Ich suche ein ganz bestimmtes Buch in der zweitletzten Auflage. Sie antwortet nicht. Alle anderen Kunden wenden sich ab, wenn ich näherkomme. Niemand von ihnen hält ein Buch in der Hand. Ich gehe zu den Regalen.

Die Bücher sind unsortiert, oder ich kann zumindest keine Ordnung erkennen. Die Regale wirken klapprig und ich traue mich kaum, ein Buch herauszunehmen; ich habe Angst, irgend-eine Balance zu stören. Eins ist fast aus dem Regal gefallen, es ist klein und leicht. Gedruckt 1777 und auf Latein. Hinter mir räuspert sich jemand. Schön, zu sehen, wenn jemand die Bü-cher richtig behandelt. Er sieht mittelalt aus, die Haare eine Mischung aus blond und braun, und hat eine unaufgeregte Stimme. Seine Gesichtszüge sind weder rund noch kantig, sondern irgendwie…gerade. Während ich ihn ansehe, vergesse ich die Details schon wieder und muss sie ein zweites Mal registrieren. Ist das Ihr Geschäft? Es war mir bisher noch gar nicht aufge-fallen. Wie lange gibt es Sie denn schon? Jeder Satz wird gefolgt von einem unangenehmen Schweigen; erst der letzte sorgt für eine Reaktion. Seit fünf Jahren, sagt er. Er klingt selbst nicht überzeugt. Kann ich Ihnen helfen? Ich beschreibe das Buch, das ich suche. Er schreibt sich nichts auf. Wir könnten da möglicherweise ein Exemplar im Lager haben. Kommen Sie morgen vorbei.

Am nächsten Tag fahren die S-Bahnen wieder. Als ich die Ladentür öffne, empfängt er mich mit dem Buch in der Hand. Es ist die Auflage, die ich brauche. Als ich es aufschlage, kommt mir ein leicht muffiger Geruch entgegen, wie aus einem Antiquariat. Die Schrift sieht normal aus, aber in meinem Augenwinkel scheint sie sich zu verändern. Keine Drucktype. Das Buch hat eigentlich genau das richtige Gewicht für einen Sprachkurs, aber es fühlt sich in meinen Händen zu leicht an. Es müsste gebunden sein, und mit schwererem Papier. Ich erwähne das dem Ladenbesitzer gegenüber und er nickt leicht, dann sagt er: Keine Sorge, das hört spätes-tens nach einem Tag auf. Zum Abschluss deutet er kurz in eine Lücke im Bücherregal. Zwei Augen schauen daraus hervor. Das ist Kim, meine Katze. Lässt sich gerne streicheln. Ich trete einen Schritt näher und strecke vorsichtig meine Hand aus. Kim ist ein Huhn. Sie lässt sich klaglos streicheln und ich verabschiede mich schnell aus dem Laden, in dem sich sonst nie-mand mehr aufhält. Hinter mir dreht der Inhaber das Schild in der Tür zu „geschlossen“ um. Es ist elf Uhr vormittags.

Er hat recht gehabt, kurz darauf verhält sich das Buch normal. In den nächsten Wochen fragt mich meine Sprachlehrerin mehrmals, warum ich bei meinen Hausaufgaben immer wieder ins Lateinische wechsele. Ich sage ihr, dass ich parallel versuche, noch ein paar andere Sprachen zu lernen und dabei immer mal wieder etwas durcheinanderkomme. Aber ich lerne kein La-tein, und überhaupt keine romanische Sprache. Meine Lehrerin geht nach einer Weile dazu über, mir die Fehler nicht mehr anzustreichen; stattdessen schreibt sie nur noch „seufz“ darun-ter. Ich besuche den Buchladen immer mal wieder und bestelle was ich brauche. Jedes Buch, ohne Ausnahme, trifft am nächsten Tag ein. Der Inhaber scheint viele Kims zu haben, denn sie sieht jedes Mal anders aus. Einmal ist sie eine Eidechse. Eine Katze ist nie dabei. Irgendwann gehe ich trotzdem dazu über, sie als solche anzusprechen und frage, wie sie sich beim Mäusefangen macht. Bei der einen Gelegenheit, als der Inhaber mir eine Maus als Kim vor-stellt, lasse ich die Frage aus. Sie erscheint mir taktlos.

Abgesehen von dem Sprachbuch benimmt sich keins meiner Bücher seltsam. Deshalb emp-fehle ich den Laden an ein paar meiner Freunde. Die ersten kommen nach wenigen Tagen zu mir und erzählen, dass sie ihn nicht finden können. Er liegt etwas versteckt in einer Seiten-straße, vielleicht haben sie nicht richtig geschaut. Sie streiten das ab, wollen aber nicht, dass ich mit ihnen gemeinsam hingehe. Einer glaubt, ich will ihn verarschen. Ich war seit mehreren Monaten nicht mehr da; aber nun steht wieder ein Besuch an. Ich nehme mir vor, danach für meine orientierungslosen Mitstudenten eine Karte zu zeichnen und stecke Katzenfutter für Kim ein. Egal, welche von ihnen da ist – das mag sie immer.

Als ich ankomme, ist kein Buchladen da. Ich überprüfe die Straße doppelt und dreifach, gehe sie mehrmals ab. Ein Fitnessstudio schmiegt sich eng an eine Studentenbar, die noch zu hat. Ein paar Wohnhäuser, dann ist die Straße zu Ende. Ich trete näher an das Studio, dessen Glas-front mich an etwas anderes erinnert…in der Tür hängt ein Schild, es sieht alt und aufwendig gemacht aus. Wie für einen Buchladen. Darauf steht „geschlossen“. 

WG-Gespräch

INN. KÜCHE EINER STUDENTEN-WG – TAG

Die Küche einer Altbauwohnung in Tempelhof. Gemütlich, aber etwas durchgewohnt. Generationen von Studenten haben hier über die Jahre ihr Lager aufgeschlagen und beim Auszug alles Mögliche zurückgelassen: Auf dem Küchentisch und den Ablageflächen stapeln sich mindestens fünf Toaster, ein löchriger Topf – wie hat jemand das hinbekommen? -, Teller und haufenweise Geschirrtücher, eingehüllt in unterschiedlich dicke Schichten von Schmutz. Der Wasserhahn über der Spüle lässt sich nicht vollständig zudrehen, er tropft deutlich hörbar vor sich hin. Im Hintergrund setzt das Geräusch einer Bohrmaschine ein. Bricht ab, geht wieder los. Es kommt aus der Nachbarwohnung. Am Tisch in der Mitte des Raums – der viel zu neu wirkt für das zusammengestückelte Ambiente – sitzt JULE. Sie hat ein Buch vor sich, in dem sie angestrengt zu lesen scheint. Wir können den Titel nicht erkennen, aber sie hält es kopfüber. Hin und wieder nimmt sie einen Stift zur Hand und notiert sich etwas auf der Tischplatte.

Die Tür öffnet sich, und JULIUS betritt den Raum. Im selben Moment stoppt der Bohrer; im weiteren Verlauf ist er immer mal wieder im Hintergrund zu hören. JULIUS stoppt kurz, hört hin; dann geht er zur Spüle, lässt den Wasserkocher volllaufen und macht sich einen Tee. All das findet schweigend statt. JULE sieht erst auf, als er sich auf einen der Stühle setzt und seine Tasse mit dem Teebeutel neben ihr auf dem Tisch abstellt. Sie nickt kurz, nimmt die Tasse in die Hand und trinkt einen Schluck.

JULE
Nett von dir.

JULIUS
Das war meiner.

JULE
Kannst dir ja einen neuen machen.
Sie vertieft sich wieder in das Buch.

JULIUS
Wie war die Klausur?

JULE schreibt noch ein paar Buchstaben auf die Tischplatte, klappt das Buch zu und legt es beiseite.

JULE
Ganz okay. Wäre auch scheiße gewesen, die wiederholen zu müssen. Ich bin schon zwei Semester hinterher.

JULIUS
Und du studierst nochmal-?

JULE
Biologie.

JULIUS
Ich bin mir ziemlich sicher, dass letzte Woche die Antwort Medizin war.

JULE
Spielt das eine Rolle?

JULIUS
Mm. Was den Sonntag angeht.
Der Satz bleibt in der Luft hängen.

JULIUS
Also, ich weiß nicht, ob das-…wo ist eigentlich Julia?

JULE
Juliana. Sie hasst es, wenn du sie Julia nennst.

JULIUS
Was sind das überhaupt für bescheuerte Namen.

JULE geht darauf nicht ein, sondern nickt stattdessen in Richtung des Bohrmaschinengeräuschs.

JULE
Sie trifft die Vorbereitungen.

JULIUS
Also, ich wollte das eigentlich mit euch beiden besprechen, aber- sie macht was?

JULE
Man muss sowas vorbereiten. Das war dir klar, oder?

JULIUS
In unserem Haus? Wollt ihr gleich noch ein Schild an die Tür hängen? Ich dachte, ihr seid Profis!

JULE
Sind wir. Und das ist absolut nicht deine Baustelle. Deine Aufgaben liegen ganz woanders.  

JULIUS
Genau darüber will ich mit euch reden. Ich glaube, ich kann das nicht. Nee, ich weiß, ich kann das nicht.

Für JULE scheint das nicht unerwartet zu kommen. Eigentlich wundert es sie, dass es so spät zum Thema wird.

JULE
Und darauf kommst du jetzt warum?

JULIUS
Ich kann’s echt nicht. Ich weiß zu schätzen, was ihr für mich getan habt. Aber-
Ihr Gesichtsausdruck ändert sich nicht im Geringsten, der Tonfall bleibt genauso beiläufig wie zuvor. Aber es wird deutlich, dass sie sich nun auf ein anderes – und sehr gefährliches – Terrain begeben. In dem ein eigentlich eher unbedarfter Sportstudent mit Sicherheit nichts zu suchen hat.

JULE
Wir hatten eine Abmachung. Aber das weißt du.

JULIUS
Vielleicht gibt es irgendeine andere Art, auf die ich euch entschädigen kann? Ich kenn die Preise nicht, aber etwas Geld krieg ich bestimmt zusammen.

JULE
Wir haben keinen Preis. Deshalb bist du zu uns gekommen.
Er will etwas einwerfen, aber sie winkt ab.

JULE
Wir haben uns deinen Fall angehört. Juliana und ich haben entschieden, dass die Angelegenheit unsere Aufmerksamkeit wert ist. Es ist wichtig, dass du das verstehst. Wir schicken sehr viele Leute weg.

JULIUS
Der eigentliche Grund, aus dem ich zu euch gekommen bin, war, dass ich das nicht selber auf die Reihe bekommen habe. Da ist es doch etwas ironisch, dass ich jetzt jemand Wildfremdes…

JULE
Das ist die Bezahlung. Danach kannst du hier sofort weg. Obwohl, aus der Wohnung solltest du am besten schon vorher.

JULIUS
Warum?

JULE
Gasexplosion.

JULIUS
Ich soll ne ganze Wohnung in die Luft jagen?

JULE
Die entsprechende Person wird da sein.

JULIUS
Aber-

JULE
Sonst kriegt niemand was ab. Das ist mein Job.

JULIUS
Wofür braucht ihr mich denn dann?

JULE
Wir brauchen dich gar nicht. Du bezahlst.

JULIUS
Ich hab keine Ahnung, wie man…sowas…macht.

JULE
Das erklären wir dir. Und am Freitag vorher ziehen wir aus. Du auch.

JULIUS
Wirkt das nicht verdächtig?

JULE
Haben wir beim Einzug festgelegt. Der hier ist persönlich - wenn man so will.
Sie sieht ihn abwartend an.

JULIUS
Ich mach mich dann mal auf zur Uni.
Er steht etwas hastig auf.

JULIUS
Bis später.
Auf dem Weg zur Tür vermeidet er JULES Blick. Das Bohren hat aufgehört und das Tropfen des Wasserhahns klingt unnatürlich laut. JULIUS wird sich so weit wie möglich vom Acker machen; so viel ist klar. Am Freitag zumindest ist er mit Sicherheit nicht da.

JULE macht keine Anstalten, ihn aufzuhalten; sie schaut ihm nur schweigend zu. Fast abschätzend. Bevor er aus der Küche tritt, dreht JULIUS sich noch einmal zu ihr um.

JULIUS
Der Typ, wie heißt er?

JULE
Im Moment? Peer Winter.
Der Name wird gedanklich ad acta gelegt. JULIUS muss nur noch ein öffentliches Telefon irgendwo finden, von dem aus er anonym anrufen und den Mann warnen kann. Aber die Formulierung lässt ihn aufhorchen.

JULIUS
Und sonst?

JULE
Als ich ihn kannte? Julius.

ENDE

CHARLOTTE WÜHRER - Stadtschreiberin 2018

"Ich liebe diese Stadt; im Vergleich zu London ist Berlin ein Traum. Inspiration gibt es an jede Ecke."

geb. 1990, studiert English Studies an der FU Berlin mit Schwerpunkt auf Narratives of Migration. Sie stammt ursprünglich aus England und wohnt seit sechs Jahren in Berlin. In den Midlands ist sie bilingual aufgewachsen, hat English Literature in Cambridge studiert und danach eine Ausbildung als Grundschullehrerin abgeschlossen. Sie schreibt unter anderem Kurzgeschichten, Gedichte, Young Adult und Flash Fiction, und jobbt nebenbei als Untertitelerin. Ihre Englischen Texte wurden u.a. veröffentlicht im Sand Journal, Bristol Short Story Prize Anthology, Daddy Magazine und Leopardskin and Limes. Einige ihrer Texte kann man auch online auf ihrer Website finden.

Als Stadtschreiberin erlebt und schreibt Charlotte auf Denglish - Schreibfehler gehören dazu! Und dabei geht es natürlich um mehr als nur die Stadt...

„Ich liebe diese Stadt; im Vergleich zu London ist Berlin ein Traum. Inspiration gibt es an jede Ecke. Die Leute die vorbei laufen, ihre fragmentierte Gespräche, die Begegnungen wenn
man unterwegs ist… In der Bahn könnte man jeden Tag hunderte kleine Skizzen schreiben“

Die Verwandlung

Charlotte Wührer, 24.10.2018

Ich komme rein und frage mich: Bin ich in einer Bar? Einem Tattoostudio? Einem Indie Magazine Laden? Einem Detox Smoothie Café? Einem Klamottenladen für Hipster Skaters? Baby Berghain? Es sind alles keine dummen Fragen, denn die Leute tragen hier alle Schwarz und haben Tattoos. Es gibt einen Tresen. Musik. Es gibt sowohl grüne Säfte mit grüne Stückchen wie fette, glänzende Zeitschriften voller schöner aber unglücklich aussehender Menschen. Ich hätte mir hier auch einen Oversize Pulli oder Käppi kaufen können, und auf der Toilette gibt es viele Graffitis, nackte Frauen mit Bleistift gemalt, keinen Spiegel aber die schriftliche Botschaft (Edding) dass jeder und jede der und die Schönste im ganzen Land ist, das wir keine Spiegel mehr brauchen.

Naming und Shaming ist nicht mein Ding. Ich werde nur sagen, dass ich um 10 Uhr früh an einem kalten Samstag in Neukölln blauäugig reinspaziert und eine knappe Stunde später mit einem eiskalten Nacken, Tränen und einen fast kahlrasierten Kopf — aber auch nur auf der linken Seite — raus bin.

Die Fakten: ich habe den ersten Termin des Tages. Es läuft eine Tibetan Chanting CD. Der Friseur guckt mich von oben nach unten, sagt geheimnisvoll, dass er eine echte Berlinerin aus mir machen wird, woraufhin ich ihm sage, dass es nicht sein muss. Nach dem Rauchen geht er erstmal koksen. Beim Schneiden zittert er, macht unberechenbare zackige Bewegungen und lässt dreimal die Schere auf mich fallen. Er macht lauthals beim Tibetan Chanting mit. Die CD hat er mittlerweile so laut gedreht, dass mein Stuhl vibriert. Irgendwann kommt eine Gestalt in gelb und orange um ihm Zitronenbonbons zu bringen und über Paul, die Fitness Studio Flamme, zu plaudern: seine Mutter. Er ist abgelenkt, murmelt er mir ins Ohr während er schneidet.

Just a trim, habe ich am Anfang gesagt (es ist ein Hipster Friseur Phänomen, dass alles auf englisch abläuft, auch wenn alle Beteiligten deutsche Muttersprachler sind); es passiert aber wirklich fast alles außer trimming. Es wird, bevor ich was sagen kann, rasiert. Ich bleibe höflich und lächel bis ich bezahlt habe. Ich frage mich, ob es was mit meine Britische Sozialisierung zu tun hat. Ich gebe ihm sogar auch noch ein Tip.

Ich bin am Abend verabredet. Es gucken alle höflich weg als ich meine Mütze ausziehe, außer eine Freundin, die zufrieden meint, ich wäre jetzt eine echte Lesbe.

fallow

The geese fly in formation above the Elbe, circling away and back and away again through a sky red at almost night, shepherd’s delight. The others skim stones across to the other shore and the river hurts the feet like glacier lakes. We walk back to the house in the dark, skirting horses.

The place has a an attic like a belfry but without a bell, stained glass bathroom windows and a nook off the kitchen overlooking an overgrown garden, overrun with cats and fruit trees bearing no fruit. The plum trees heavy with phantom plums like an empty page.

We’re sitting at a long table under painted lightbulbs with potato dumplings and Nina Simone, in a house in a village snug behind a dyke. The flat land stretches like the fens, and I feel homesick for the three years driving back and forth between the Midlands and Cambridge to study, for the mist in Michaelmas term rolling over and into the river.

 

What did you do this summer, girls?

 

I know what I did two summers ago: living wordplay, dykes on bikes on dykes; five weeks snaking from Romania back to Berlin on two wheels with a friend and a rainbow flag, arriving back just in time for a surprise birthday party. Two summers ago: the Spanish Pyrenees, hiked through Andorra, first horchata in Valencia, back to the city for sushi on Kottbusser Damm and a brief interlude before my MA course began in the countryside. A breakup in Pritzwalk, also on the Elbe. Same geese, same flat land.

But this summer? Endless, like everyone said it would be. There were bushfire warnings. No one wore much; I couldn’t imagine ever zipping up a coat again. Then suddenly it’s over and you’ve only been to one lake, a lot of your friends have left because it’s Berlin and the friends who stay because Berlin is also for living are throwing parties celebrating the fall falling. Edeka has Lebkuchen at the tills already.

 

What did you do this summer, girls?

 

I say, I don’t know. I was in Berlin. I stayed in Berlin mainly. Watched the chestnut tree at my window being eaten alive, lived with wasps for a month, sat at night in fold-out chairs on the street between my old apartment and the späti next door with friends, ate sugared almonds under a sea of kites on Tempelhoferfeld, started reading again, stopped writing for a while. Lay fallow like the fields across the river.

THE FRIDGE

It was an early September afternoon. The heat beat down relentlessly. Wasps amassed with the sleepy persistence of insect zombies in irritating clouds above the head. Jam was off the outside menu and grown men ran circles around cafe tables, sweating the sweat of the very afraid.

 

I was sitting outside a cafe, working, at a stage of essay writing very familiar to me. Exciting electric bursts of typing followed by crippling insecurity. The oscillation between excitement and insecurity was all part of the process, but it was also exhausting and required focus to plough a neat path between the two, like navigating the straits between Scylla and Charybdis.

I worked peaceably for an hour until suddenly everything happened at once. A henna-haired woman sitting at a table across from mine hijacked a Mexican busker’s ukulele when he came collecting money. She sung him Somewhere Over the Rainbow with a Hawaiian twang. This coincided with a distinguished looking gentleman carrying an ivory-tipped cane screaming and clawing desperately at his greying goatee when a single wasp broke free of the cloud to investigate the brambly terrain of his face. At the same time, a hollow woman dotted with needle marks and bruises ground to an exhausted halt before me with her lids closed translucently over the flickering orbs of her eyes.

The pretty waitress from the cafe next door wafted by, her shirt the blinding white of a laundry detergent ad. All the babies of Kreuzberg began screaming as one, and behind them a silent chorus made up of all the pregnant women of Kreuzberg, which equalled half the women of Kreuzberg, swayed nervously in time to the crying.

I was being thwarted by the city and nature and desire and babies. A sudden and unprecedented longing for a sensory deprivation tank washed over me, and I paid my cappuccino before beating a hasty retreat back down the road towards my flat. What was I doing with my day off work? How on earth and where on earth would I write my Angela Carter essay?

That’s when I saw it. The fridge stood mutely to attention half way between the cafe and my flat, on a patch of pavement mere meters from the street space a.k.a. The Balcony outside number 23 where I once lived. We used to sit there on chairs we’d haul up from the cellar and drink and eat chocolate made for children, but that was before half of us moved away from Berlin.

Of all the outsides of fridges I’d ever come across, this was the most polemic. People had begun communicating using the blank white slate of the door, which gagged for a marker pen. Less intrepid individuals had stuck scraps of paper to it. One scrap was less scrappy than the others: a printed A4 page of Times New Roman that spelled out an angry wish to eradicate the individual responsible for abandoning the fridge in capital letters. This person was clearly the key instigator of Kreuzberg gentrification, the note said. It was encased in a plastic wallet to preserve its rage for posterity. Another person had tried to write “HIPSTER ASSHOLES” using sparkling silver tape intended for bike handles and hula hoops, but something had gone wrong and the note read “HIPESTER ASSHOLS”.

Although many people stopped on their way past to take photos of the controversial outside of the fridge, no one seemed interested in the silent inside. I opened it and saw it was empty bar a whiff of some sour invisible thing, like the ghost of a buffalo mozzarella forgotten in tupperware without a lid. Smell aside, the inside was blank and white and free. It clearly hadn’t been cold for a while, but it wasn’t really hot either.

In a quiet moment I put my rucksack into the vegetable tray. The fridge had a separate smaller freezer compartment at the bottom. I was not tall, and the two sections together were bigger than me. I clambered up onto the freezer and into the fridge, pulling the door shut behind me.

It really was very quiet. Here was a place in which I could get to grips with border theory and liminality, I thought. Here was a place I could do some good highlighting. Here I could let the loose pages of my bath-crinkled copy of Carter’s The Bloody Chamber rain from the book without risk of losing potentially pivotal quotes. I gave myself fifteen minutes to catnap the outside away, reached for my laptop and finished the introduction so fast that the oscillating waves of excitement and insecurity followed fast and hard enough upon one another that they became indistinguishable.

 

 

SLEEPLESS IN WEDDING

Ich bin in Wedding auf eine Kücheneinweihungsparty eingeladen, und steige Amrumerstrasse aus.

“Der Wedding kommt”: die Graffiti gibt es nicht mehr. Vor vier Jahren als ich noch da gewohnt habe, stand es immer wieder mal an den Kacheln, eine kompakte schwarze Schrift auf weiß. Die Botschaft wurde regelmäßig weggeschrubbt, aber sie tauchte immer wieder auf. Der Wedding kommt, dann doch nicht, dann doch wieder.

Der Wedding riecht noch genauso wie damals. Abgas, erst mal. Waschmittel. Aufregung. Der türkische Obst- und Gemüseladen steht noch. An meiner alten WG laufe ich schnell vorbei. Die haben mich im ersten Monat getauft - Karlotta, Karl Otter, Karl. “So süß ist sie,” meinten sie nach dem Casting, und ich konnte drei Jahre lang das Wort nicht loswerden.

In Wedding bebte mein kleines Zimmerchen bei jedem LKW, der vorbei fuhr. Es gab eine Matratze auf den Dielen, sonst nicht viel mehr. Der Boiler ratterte und rauschte mit der ersten Dusche um halb sieben Morgens. Nachts seufzte er, als ob er schlecht träumte. Ich stellte ihn aus und wurde stattdessen mit dem ersten Wecker wach, stellte den Boiler wieder an.

Mai 2014 schrieb ich um 5 Uhr morgens: “sitting on the windowsill, queen of my long, ugly street, watching the waxing and waning of traffic at the lights.”

Als ich dann gar nicht mehr schlief, lief ich oft durch den Wedding um drei, vier, fünf, sechs Uhr morgens. Der Sprengelkiez erinnerte mich im Dunkeln an den Graefekiez. Mit dem einen Mitbewohner leckte ich die Regentropfen von Auto Windschutzscheiben. Mit meiner Mitbewohnerin habe ich vor der Pizzeria rumgeknutscht. Wir hatten zwei Balkone und kifften alle viel, starrten wie hypnotisiert die Flugzeuge an, die von Tegel starteten und landeten. Gegenüber leuchtete nachts die Charité.

Februar 2013 legte jemand den ausgetrockneten Weihnachtsbaum auf den Grill neben die Köfte und es kam die Feuerwehr. Die Nachbarn wurden geweckt und auf die Straße geschickt.

Seit Wedding kann ich nicht ohne Ohropax schlafen. Es kann todesstill sein; ich kapsle mich trotzdem ab und rausche selbst wie das Meer. Sonntag spät abends kribbeln meine Fingerspitzen immer noch manchmal kalt wie Höhenangst und ich weiß dann, es wird nicht geschlafen bis es fast wieder hell ist.

Eckkneipe

Am Samstagabend saßen wir in einer von sehr wenigen Eckkneipen im Graefekiez und wurden von zwei älteren Männern, die sich da jede Woche seit über 20 Jahre treffen, angequatscht.

Ich erzähle E gerade von meinen unfassbaren Boule-Spiel Skills, an die ich anfangs selbst nur halb glaube, und merke dabei, dass unsere Tischgenossen was von uns wollen. Vielleicht brauchen sie Tipps. Ich will aber zu Ende erzählen. Es mag sein, dass ich erst einmal gespielt habe, aber an Beginners Luck glaube ich nicht, an Gewinnen lassen auch nicht. Nach und nach beeindrucke ich mich selbst dermaßen, dass ich ernsthaft überlege, ob ich die ältere Boule Spielerin, die an der Bar sitzt und mich beim Bestellen entertained hat, zu einem Duell fordere.

Ich schnappe nach Luft und bin wenig überrascht, als der eine Mann an unserem Tisch so tut, als ob er nicht wüsste ob E’s Tabak ihm gehört oder nicht. Dabei raucht er eine komplett andere Sorte. Sein Tabak liegt direkt vor ihm.

“Sag mal...” sagt er, nachdem wir an dem das Spielchen mit dem Tabak vorbei sind und wir uns alle vorgestellt haben. Er wird leiser, lehnt sich näher herüber. Jetzt wird er fragen, wie es damals dazu kam, dass ich gegen einen 90 Jährigen, der schon mindestens 70 Jahre lang spielt, gewonnen habe. “Sag mal, ihr seid sozusagen Freundinnen?”

Wir gucken uns an, ich lache. “Ein Paar” sagt E.

“Und sag mal,” sagt der andere, “mit dem Altersunterschied… Ihr müsst die Stadt ja ganz anders erleben.”

Ich bin irritiert, immer noch halb beim Boule, und außerdem habe ich das Gefühl er will damit sagen, dass Berlin für Leute in meinem Alter nichts mehr als Partystadt wäre, dass ich nur flüchtig hier bin um Drogen und Sex zu tanken bevor ich weiterziehe. “Wie meinst du?”

“Na ja, mit Musik und so.” Er ist Musiker, erklärt er. Hat Musik so viel mit dem Alter zu tun? Ich bin mit Blondie und Talking Heads und Frank Zappa aufgewachsen. Auch Destiny’s Child und Blue und Maroon Five. Ich tanze gerne. Wir tanzen beide gerne. Ich werde auch mit 80 das Tanzen noch lieben, E bestimmt auch.

“Wir gehen mal zusammen ins Berghain,” meint der Musiker. “Ich tanze auch so gerne und es kommt nie irgendjemand mit. Die denken alle, sie seien zu alt.” Ich finde die Vorstellung wie wir zusammen losziehen - schwarz bekleidet mit Bauchtasche und gespielte Langweile - verlockend und unwahrscheinlich.

“Ich war mal in eine Charlotte verliebt,” fängt er nachdenklich an. “Sie war verheiratet. Ihr Mann war eifersüchtig auf mich, ich war eifersüchtig auf ihn. Wir waren sehr eng. Charlotte kam aus Schottland und hat auch Musik gemacht, auch gerne getanzt. Sie kamen mal beide zusammen zu Besuch zu mir nach Charlottenburg. Charlottenburg!” Er prustet. “Wir sind feiern gegangen und Charlotte wollte unbedingt tanzen, er aber nicht. Er hat sich nicht gerne bewegt, fand das Tanzen peinlich und das Schwitzen unpraktisch. Er war älter als sie, deswegen habe ich gefragt. Er mochte nur Klassik und dazu kann man nicht so gut tanzen. Jedenfalls haben Charlotte und ich also getanzt. Ganz nah. Der Mann hat zugeschaut. Es war der schönste Moment meiner Dreißigerjahre. Das war es dann aber auch. Charlotte kam nie wieder, hat nur noch eine letzte Weihnachtskarte geschickt.”

“Richte mal schöne Grüße an deinem Vater aus,” meint der andere Mann, hängen geblieben. Er kennt meinen Vater nicht. “Sag ihm, wir sehen uns auf dem Frank Zappa Festival nächstes Jahr.”

“Klar,” sage ich, und tue es nicht.

Der Musiker gibt mir seine Nummer und meint, er bringe mir das Klavierspielen bei, steht auf und verschwindet.

Der andere redet immer noch leise und intensiv über unseren Tisch gelehnt. Er ist extrem interessiert. Lesben sind einfach interessant. Und wir sind gut mit jemandem befreundet, die lange für Udo Lindenberg fotografiert hat.

“Wer wäre für euch so zu sagen ein Traumprinz? Von welchen Typen hattet ihr Posters als Teenies an der Wand hängen?”

Wir gucken einander wieder an.

“Ähm…”

 E sagt, “Ich glaube du hast da was falsch verstanden.”

goodbyes

I cycle to Potsdam following a t-shirt I spent five weeks last summer fixed to with my eyes along the Danube, east to west and against the wind. N’s white tricot.

Something is off, something bothers me before we’ve even left Kreuzberg. It bothers me at Brandenburger Tor, where we collect a small contingent of Lesbians Who Tech. It bothers me cycling through the Grunewald, it chases me up the hill and along the Wannsee, into Potsdam and beyond. Past the Templiner See. Like someone changing the colour of their eyes without warning.

I get it just before we say goodbye at a crossing where a left turn takes me to Caput (a lake, an apple, being held in the water by seaweed arms) and a right takes her to Valencia. Four weeks cycling, one year studying.

It’s the two new golden triangles sewn into the fabric at the back of her tricot to hold together the seams.

In my stairwell last week one morning — one spent drinking coffee alone and daydreaming glassily at two pigeons dancing in my tree, looking away when they mated — in this stairwell as I descended reluctantly into the tropical heat for some errand or other, the sun threw a triangle of light in through a wooden framed window.

(A good, old one like the bathroom windows in the UK, mottled to stop people catching their neighbours in vulnerable stripped still asleep states sitting yawning head on knees.)

The triangle of gold fell on the laminate flooring of the stairwell like an arrow that said, “go outside”.

Back inside, back home. Muscles tight, bikini damp and face burnt, I wait for reports of wild camping, broken bike bits fixed, adventures in small village orphanages, close shaves, water from wells. Photos of oversized watermelons. Coordinates.

I’m not good at goodbyes. I’ve done three in a row and perhaps I should summer hibernate, wait out the rest. (Nasty but great book about a human hibernating: My Year of Rest and Relaxation, by Ottessha Moshfegh.)

The day after Potsdam, C, who has shared my flat for 14 months, moves into N’s for the year. I pack her toaster and milk frother into a box. We load everything into a borrowed car on this, the hottest day of the year, eat a last bolognese. Will I buy her bread and salt, I wonder. We take her things down the road and pile her boxes into a space that smells of N and reminds me of first coming to Berlin. I live alone again. I reclaim my bedroom and barricade with plants the steps to the loft bed in the living room where I’ve been sleeping too long. Airless and dusty, a tectonic gash between two mismatched mattresses, footprints on the ceiling and the space littered with spiders and half-read books.

I inherited the plants from H, who has left for New York to break into the publishing world, having already loosened the stiff jam jar lid of it here in Berlin. In New York she will twist with a tea towel and it will fly off. We sit over falafel and ayran at Maroush two days before she leaves. The sweat runs down the backs of my shins. Some tears. We met in class last year. No, before. Miss Read Fair, 2017. She said, manning her stand and I was on a break from manning mine, “I’m trying to get into the Freie Uni to do English Studies.” I said, “I’m at the Freie Uni doing English studies.” She sat usually by herself and said things that made the professor pick up her pen and write in the margins of her notes for class.

On her last night we go for Korean food and don’t cry but sweat a lot. “See you in New York,” I say as she descends into the bowels of the U Bahn system.

The more people leave — another goodbye tomorrow to emerge blinking into the light for —  the more I dig my claws into the blanket. Saying goodbye has made me obstinate and lazy this week, unwilling to move much further than work and back, C’s new and N’s old place down the road. I’ve become homebirdy and broody for plants. At a dinner last week someone threw Brexit onto the table and I didn’t care in a childish, too loud way because I don’t plan on ever going back, I said. I’ll still be here in fifty years, probably, holding the fort and keeping the chairs warm and the plants alive, I went on to say, and someone wondered aloud if I’d be the only one left in Berlin I know.

Adios FU, for now

Es fällt weg, die zweitletzte stabile Struktur. Aufstehen, essen und lesen, was schreiben, schlau muss es nicht unbedingt sein nur so klingen, Hauptsache es wird was geschrieben. Und wenn es überzeugt, sich selbst sogar manchmal, umso besser. Schnell los radeln, sich in die Bahn setzen und das letzte Mal zu spät und nassgeschwitzt ankommen.

Jeder hat was. Vor sich liegen auf dem Tisch, im Mund, im Kopf: Kopfhörer, Laptop, Kaugummi, Kuchen, Notizen, die Maske - bloß nicht lächeln - das sich ständig Melden oder überhaupt nicht, Schwamm sein. Die Professorin lädt ein auf ein Kaffee, ein Radler, Hanuta.

We’ve run out of steam.

Das letzte Mal Mittagessen an grauen Metalltischen unter grauen Wolken. Wohin mit dem Mais? Anywhere but under the spinach. Nicht, dass sie flüstern, an der Kasse, wir würden es verstecken wollen, den teuren Mais, rausschmuggeln um ihn unter freiem Himmel zu verzehren. Pro Maiskorn 20 Cent oder so. Überraschung #1: die Gazpacho müssen wir warm essen. Und noch eine, und noch zig mehr. So spät am Tag noch Geheimnisse rauszukitzeln, schade eigentlich, denn am letzten Tag ist es fast zu spät. Wer hat Kinder, wer wird Oma, wer ist schon ganz woanders eigentlich. Wer ist double agent, wer Superheld, wer so still cool gewesen, dass wir das Boot verpasst haben. Was machen wir damit? Aufschreiben, ausdiskutieren, weiter erzählen und loswerden.

Wer ist verknallt. Wahrscheinlich mindestens die Hälfte. Das letzte Mal auch ein ungewolltes Kichern wie in der Schule von sich geben, es platzt aus einem wie gestautes Wasser und fast könnte man darin ertrinken. Rot anlaufen, sich nicht richtig verabschieden. Einen Polnischen, Französischen, Deutschen machen, einen Britischen (im Wegrennen sich dafür entschuldigen).

Es fallen auch die Leute weg, aber nicht alle. Eine kommt entgegen getanzt auf einem Festival im Wald im Nichts, nackte Füße auf einem Teppich im Dreck zu Elektro. Wir werden mit Wassernebel angesprüht wie ausgetrocknete Pflanzen.

Die Masterarbeit flüstert ganz, ganz leise, kaum zu hören: fang doch jetzt schon an. Ich kaufe mir einen neuen Highlighter, lege ihn sorgsam in irgendeine Ecke und schon ist er weg, vielleicht liegt er aufgesaugt mit den toten Wespen im Staubsaugerbeutel.

Erst mal Sommer.

AUSTAUSCH - EINE KURZGESCHICHTE

Ich muss raus aus Berlin. Der Austausch in Frankreich kommt just in time. Die Bagger auch. Zu in time. Um Punkt halb sechs fangen sie vor Gebäude D an zu baggern. Ich mache die Rollläden von meinem 9qm Zimmer hoch und von unten gucken sie mich an, rote Maschinen mit Zähnen, Sand- und Kieselsteinberge, Männer in neonorangenen Westen. Es scheint sonst niemand wach zu sein.

Ich laufe jeden Morgen um den Zoo herum und es riecht überall nach Gebäck, auch hier. Man kann um sechs Uhr noch nicht zu den Tieren, ich höre aber Pfauen schreien. Es erinnert mich an zu Hause. Nachts sind die Eulen dran. Ich werde fast zwei Wochen lang nichts träumen, dafür ist das Zimmer zu klein.

"Erzähl mir eine Geschichte“, sagt Elizabeth später. Wir haben zwei Wochen lang fast jede Minute miteinander verbracht. Wir sitzen nebeneinander in Seminaren, essen morgens und mittags und abends zusammen, fahren am Wochenende gemeinsam an den Strand, trinken zusammen Bier im Park. Elizabeth kneift mich in die Seite beim Gruppenfoto nehmen, und wir werden von mehreren gefragt, ob wir zusammen sind.

Wir haben uns nichts mehr Spontanes zu sagen.

Die Sonne sinkt und hinter uns tanzt die halbe Stadt. Wir sitzen auf einer Steinmauer, meine Beine pochen vom durch die Stadt laufen. Das letzte Mal als sich jemand von mir eine Geschichte gewünscht hat, ist was Merkwürdiges passiert. Ich stand am Ende ganz nackt in einem Berliner Park, eine obdachlose Frau mit Bierdeckelkette wollte was von mir. Es gab keine Bänke mehr, sie wurden einzeln weggenommen, und wir mussten stehen. Irgendwie habe ich die Frau mit der Bierdeckelkette wegerzählen können, aber ich blieb nackt und wusste nicht wohin: the end.

"Lieber nicht“, sage ich.

"Dann erzähle ich dir eine“, sagt Elizabeth. "Es geht so: Es war einmal…"

"Nein, bitte nicht so eine alte“, sage ich.

"Na gut." Sie ist enttäuscht. "Dann halt eine von heute." Sie erzählt: "Vorhin sah ich Elias. Er fragte mich, wo meine Freundin wäre.

'Welche Freundin’, fragte ich ihn, obwohl ich ganz genau wusste, wen er meinte. Er zögerte.

'Hast du so viele? Ich meinte Lydia.'

'So heißt sie nicht’, habe ich ihm gesagt.

'Egal’, sagte er. Sein Gesicht kam ganz nah und er grinste komisch. 'Sag ihr, dass ich sie suche.'

Ich wusste nicht, ob es so komisch klang weil er sich nicht auf Französisch mit mir unterhalten konnte.

'Ich will sie heute Abend sehen.'

'Ach ja?' fragte ich.

 Elias redete weiter. 'Und wenn du es ihr nicht sagst, dann komme ich dich suchen. Ich werde dir die Haare vom Kopf zupfen, eins nach dem anderen.' Dann ist er einfach so gegangen. Er lief so, als ob er mit jedem Schritt mit dem Oberkopf an die Decke wollte, als ob er wusste, dass ich ihm hinterher guckte."

Ich schaue Elizabeth von der Seite an. Die Geschichte scheint vorbei zu sein. "Und, hast du es dieser Lydia gesagt?"

"So heißt sie nicht." Sie nimmt ihr Haargummi raus, und die Haare stehen ab wie bei Kleinkindern nach dem Mittagsschlaf, hinten zerzaust und vorne lockig von der Hitze. "Aber ja, jetzt habe ich es ihr wohl erzählt." Hinter uns werden Lichter angeschaltet und plötzlich gibt es überall langgestreckte, tanzende Schatten, halb so viele wie es Leute in der Stadt gibt. Ein Mann im Spiderman Kostüm tanzt ganz alleine Tango. Er umarmt die Leere und gegen seinen Brustkorb führt er eine unsichtbare Frau.

"Guck“, sage ich. Elizabeth wirkt bedrückt und abgelenkt. Ihre Lippen sind ganz schmal zusammen gepresst. Wir sitzen noch ein bisschen und sagen wenig. Irgendwann legt sie ihren Kopf kurz auf meine Schulter, aber zieht ihn wieder weg genau in dem Moment, als ich meinen auch ablegen will.

In der Nacht kommt Elias mich besuchen. Ich weiß nicht, wie er mich gefunden hat. Ich will nicht glauben, dass Elizabeth ihm meine Zimmernummer gegeben hat. Ich habe mir gerade eine alte, kalte Melone vom summenden Kühlschrank genommen und auf eine dünne weiße Plastiktüte gelegt. Mit dem Löffel den ich mir morgens gekauft hatte, habe ich mir sie mühsam angeschnitten, danach in das Fruchtfleisch reingefasst und das ganze wie eine Bluse mit vielen kleinen Knöpfe aufgerissen. Es gibt hier weder Besteck noch Teller.

Es klopft an meiner Tür, ich mache auf und Elias steht da. Ich wische mir die Melonen Hände an meinen Shorts ab. Er guckt mich erwartungsvoll an, ich ihn genauso zurück. Er wippt auf seinen Sohlen auf und ab.

"Was willst du?" frage ich nach einer Weile.

"Spazieren“, sagt er, und grinst frech.

"Ich will nicht spazieren gehen."

"Doch, wir machen ein Mitternachtspicknick." Es ist erst kurz nach zehn.

"Ich habe keinen Hunger."

"Musst ja auch nicht essen. Komm." Er hält mir seine Hände entgegen und schnalzt mit seiner Zunge, wie eine Katze.

"Nein, ich will wirklich nicht, danke."

"Doch, willst du. Ich merke so was." Ich werde wütend. Ich bereue, dass ich die Tür aufgemacht habe. Ich bereue, dass Elizabeth und ich uns vor zwei Nächten zu ihnen in die Küche, komplett leer außer zwei Hotplates, einen Tisch und vier Stühle, nicht mal ein Mülleimer gibt es, gesetzt hatten, dass wir so lange da saßen und noch so viel Wein getrunken haben, und dass ich mich über seinen Akzent lustig gemacht hatte. Das mochte er, merkte ich. Die Studenten sind jetzt fast alle weg, Sommerferien, er kann aber nicht nach Hause. Der Campus ist seit einem Monat eine Geisterstadt, sagt er. Er fühlt sich selbst so, als ob er nicht wirklich mehr da ist. Es gibt ganze Tage, an denen er mit niemandem redet.

"Komm", sagt er jetzt noch mal.

Ich schüttle meinen Kopf. Es wird falsch verstanden, vielleicht, denn er nimmt jetzt einen langen Schritt und ist plötzlich das größte Ding im Raum. Es kommt mir vor, dass er genau 9qm Platz nimmt. Er schaut sich um, sieht die Melone auf dem Bett auf der Plastiktüte liegen, drängt sich an mir vorbei und setzt sich daneben. Sie ist schon nicht mehr gut, sehe ich jetzt, teilweise dunkelgrün und matschig. Mit seiner Handfläche streicht er Sand vom Bettlaken und ist kurz abgelenkt.

"Nicht gehen, Lydia“, höre ich ihn hinter mir her rufen, aber ich bin schon im Treppenhaus.

"Luisa!" rufe ich im Rennen runter.

Elizabeth hat ihr Zimmer abgeschlossen. Sie macht aber so schnell auf, dass ich mir vorstellen muss wie sie an der Tür wartet, ihr kleines Ohr gegen das Holz gedrückt. Sie hat ihre Haare glatt gebürstet, und steht im Handtuch da.

"Und?" fragt sie, "wolltest du doch nicht? Du hättest was zum Erzählen gehabt."

Ich schreie sie an und sie schreit zurück. Es macht alles keinen Sinn, was wir sagen. Wir verstehen aber beide, dass wir es miteinander nicht mehr aushalten.

Am nächsten Tag um Punkt halb sechs fangen die Bagger wieder an zu baggern. Ich laufe um den Zoo herum, dusche und klopfe an Elizabeths Tür. Wir schweben wortlos mit dem mediterranen Wind die Straßen runter zur Uni. Nachmittags lesen wir zusammen im sandigen Bett, baumeln unsere braunen Füße vom Fenster bis die Mücken kommen. "Erzähl mir eine Geschichte“, sagt Elizabeth fies, und ich nehme ein einzelnes Haar von ihr, zupfe es raus und puste es ihr ins Gesicht. Sie macht ihre Augen zu und tut so, als ob sie sich was wünscht, wie bei Augenwimpern.

Die Tiere kommen.

Erst Hummeln, die sich tot stellen. Vorm Fenster, am Fenster, im Fenster. Sie sind da, Flügel gespreizt, atemlos; ich blinke, dann sind sie weg. Es gibt ein Loch draußen in der Hauswand, davor ein Haufen abgebissene, ausgespuckte Wandstückchen, und ich vermute die Hummeln haben etwas damit zu tun.

Maikäfer in den Haaren. Bedrohlich brummen sie wie kleine Bären. Es gibt was Lebendiges, Hartes, etwas kaltes Lautes, wenn ich mir mit meinen Fingern die Haare aus den Augen streiche. Ich kriege Gänsehaut. Die Aufkleber die meine Großmutter auf ihre Geburtstagskarten an mich klebte, waren eine bunte Lüge. Maikäfer lächeln nicht.

Eine Mücke im Bett.

Kellerasseln im Kaffee.

Noch mehr Gänsehaut. Die Gänse, die gibt es auch noch, und Tauben, und Pfauen die lauter schreien als Eichhörnchen, lauter als Katzenkinder, so laut wie Füchse mit Tollwut.

Eine Wespe im Becks. Dann im Mund. Zweimal berühre ich sie mit meiner Zunge.

Ameisen im Gesichtswasser.

Spinnen in der Dusche, Frederick und Frederick und Ferdinand und Frederick: ich kann sie nicht auseinanderhalten aber sie, zumindest sie, sind auf meiner Seite.

Schmetterlinge im Bauch.

Hunderttausende unsichtbarer Tiere, die in und an meinem Körper wohnen. Als Kind schneidet man sich den Zeigefinger und schmiert das Blut auf eine Glasscheibe, um es unter einem Mikroskop zu stecken. Eindeutig. Da bewegt sich was. Seht ihr? Es wird geschrien am Esstisch, eine blutige Glasscheibe wird rumgewedelt. Diese Tiere, die aussehen wie wenn Libellen übers stille Wasser fliegen, aber nicht wie die Libellen selbst, sondern wie die Wasseroberfläche, wenn es fast gar nicht aber gerade genug von haut-, nein, von hauchdünnen Flügeln berührt wird, diese Tiere fliegen auch rum, die Eltern schreien laut mit und schmeißen sich unter den Tisch, Arme über den Kopf in lightening position, Augen zugekniffen.

Mehr Tiere kommen. Ein Hund zu Besuch.

Motten im Mehl.

Auch größere. Die Ziegen und Kamele brechen durch ihre Zäune in der Hasenheide, laufen gemeinsam zur Ampel und warten auf Grün. Dann ist es nicht mehr weit. Einmal über die Straße, dann sind es nur noch neun Kamel-, dreizehn Ziegenschritte. Es klingelt an der Tür. Ich bürste mir die Maikäfer von den Haaren, schüttle mich einmal kräftig, wie ein Hund, um die unsichtbaren kleineren ein wenig zu lockern und zu lösen, und dann mache ich auf.

NOTES FROM AN EXHIBITION PERFORMANCE

Irgendwo vom Regal kommt es her, ein hohles hölzernes Tocken, so laut, dass es die Hitze durchschneidet, die Stimmen auch. Wir stehen und hocken und sitzen. Kniekehlen kleben an Holzdielen und Fingerspitzen leicht aneinander, niemand hält richtig Hände. Schweißperlen sammeln sich, salzige kleine Seen in Drosselrinnen.

Apfelsaft, Zigarettenrauch, warmer Wein in Plastikbechern. Auf dem Boden in der Mitte vom Raum liegt eine gehäkelte Decke, sie hält den Platz frei.

 

Eine stehende, schwitzende Frau mit angemalten Augenbrauen, so spitz und ausdrucksvoll wie Hokusai Berge, nimmt unvorsichtig den Kopf von einem Mann der neben mir sitzt, nimmt ihn zwischen ihre Hände und dreht ihn mit einem schnellen Ruck, um sein Gesicht zu sehen. Sie erkennt ihn doch nicht, sie ist entsetzt und lässt schnell los. Die Luft bleibt stehen.

 

Eine 2D Frau kreuzt sich einmal zweimal dreimal, es geht so weiter, vielleicht kreuzt sie sich für immer. Sie hat Mehl am Kleid im Schoss, und wenn sie sich einmal fertig gekreuzt hat, legt sie ihre Hände kurz ab und hebt sie wieder, mehlbedeckt. Sie ist ganz weiß im Gesicht. Das ist es aber nicht, sie lenkt ab, man kann sie nicht ab- und das hohle hölzerne Tocken auch nicht aus-schalten.

 

Schöneberg, a Free Home.  Im Vorbeigehen über Buchrücken, in Reihen stehend und riechend wie nie angefasst, mit einem Finger fahren.  Suche und finde nicht das Schlafzimmer, sonst ist alles frei. (Verstehe hier nicht falsch: Gratis.)  Zähle Toilettenrollen bis es klopft. (Es sind viele.)

 

Upheaval: Stelle dir gigantische Formate vor. Serge steht da, wo die Decke mal war und redet, über Fenster und Riesen. Französische vasistas, was ist das, viereckige Fenster im Dach, in der Tür. Denk: Pferdeställe. Leere Sprachblasen entstehen. Er provoziert, klettert langsam eine Leiter hoch, Projektor an die Stirn getaped, selbst riesig. Wir recken unsere Köpfe hoch und zurück. Auf der Wand zeigt er zittrig world's tallest people im Internet: Anna Swan. Ein baseball player. In einem googledoc im Internet schreibt Serge, “Arms and legs apart, as wide as the blades of a mill, twice as high as the surface around the basket, an attentive spider and totally relaxed, thinking maybe of something else...”

 

“Today I want to see a giant.” Aber vom Flur kommen Stimmen, sie werden lauter und schlucken die Geduld und die Luft und den Raum, wir hören uns nicht mehr selbst atmen. Serge schrumpft Riesen. Unter uns blühen Schweißrosen. Der Drucker druckt nicht.

 

Und dann geht es nicht mehr, wir gehen, trotzdem geht es. Serge packt die Decke weg. Es gibt ein googledoc, rewriting, rethinking, und morgen eine andere Performance und übermorgen nochmal ganz was anderes. Und das Tocken? Und die Frau? Der Drucker? Ich bin bei den anderen Performances nicht da, obwohl ich mein Wort oder auch ein paar gab und auch irgendwie beteiligt war, the world’s tallest people im Internet gefunden habe, copy and paste, The Big Friendly Giant zitiert und über Barbies und Riesen-Kinder lange nachgedacht habe.

 

Ich habe ein schweres schlechtes Gewissen bis ich ein Foto bekomme, ich jogge, es pingt und vibriert, ich setzte mich auf eine Bank: Serge mit Clowngesicht, die Riesen schwappen und stampfen also in das Wochenende mit rein, ich jogge weiter.

Was machen an einem achten Tag?

Charlotte Wührer, 8. Juni 2018

Heute fühlt sich komisch an. So als ob es plötzlich einen extra, achten Tag in der Woche gibt. Stelle ich mir die Tage als Sandwich vor, wäre gestern eine dicke Scheibe Weißbrot gewesen. Morgen wäre auch eine dicke Scheibe Weißbrot. Beide Tage sind zum Reinbeißen. Vielleicht sind sie leicht angetoastet und gebuttert. Salzig gebuttert.

Heute, dagegen, ist ein Tag des Nichts, eine einsame, kahle Insel umgeben von einem Meer der Geburtstagerei: am Wochenende gab es ein Geburtstag; gestern bin ich 28 geworden; morgen gibt es noch ein Geburtstag. Aber heute gibt es gar nichts, im Sandwich wäre heute die Teewurst, und Teewurst mag ich nicht besonders. Machst du mir ein Sandwich mit Teewurst drauf, würde ich es mit einem Messer abkratzen, wenn du nicht guckst.

An so einem Tag ist es nicht leicht, sich zu bewegen. Man liegt auf dem Sofa und denkt, man könnte vielleicht für immer auf dem Sofa liegen. Es wäre schlau, schon mal Derrida für die Uni zu lesen wenn man eh schon rumliegt. Man tut es nicht. Man kann seinen Namen eh nicht authentisch französisch aussprechen, so what’s the point? Man kann auch nicht schreiben. Jetzt hilft weder Shakespeare noch Netflix. Und wenn das nicht, was dann? Auf dem Sofa bleiben? Zurück ins Bett? Sich trotzig unter den Schreibtisch setzen und bis morgen abwarten?

Um einen psychischen Weltuntergang zu vermeiden, muss man manchmal einfach raus. Hier also drei Ausgehtipps für einen achten-Tag-Notfall.

 DAS PRINZENBAD

Zwing dich, zitternd, in den Badeanzug herein. Radel langsam und beschwerlich zum Prinzenbad mit einem fast komplett platten Reifen. Der Weg ist heute nicht das Ziel.

Im Wasser. Erst aus Versehen in das eiskalte Becken. Schnell raus und in das nicht ganz so kalte. Freue dich, dass du es geschafft hast, und inhaliere dabei eine Mischung aus Chlorwasser und Baumblüten.

Versuch dich daran zu erinnern, wie das Prinzenbad im Film Herr Lehmann aussah. Übe danach den Tanz von Sonnenallee im Kopf.

Eine Frau Mitte 70 fliegt mehrmals die Wasserrutsche runter. Sie grinst dich an. Sie sagt, “das mache ich jeden Tag. So bleibe ich jung.”

Du grinst zurück.

 

CAFE GOLDMARIE

Mehrere Semesterarbeiten wurden hier geschrieben. Wein getrunken auch, manchmal beides gleichzeitig. A break up and down both. Meine Mutter brachte ich zum Frühstück ins Goldmarie. Ich kenne den Hund. Ich kenne alle Kuchen in der Vitrine.

Heute treffe ich mich mit eine Journalistin. Wir reden über Heimweh. Was mache ich hier? Gehe ich irgendwann zurück? Irgendwann rettet sie die Situation und erzählt mir von Krebsen, die im Tierpark gefangen und in der Markthalle Neun bestellt und gegessen werden können.

 Der Fotograf will, dass ich mich auf die Schaukel vor dem Cafè setze. Ich muss an das erste Mal denken. März 2013, Schnee, kanadische Pizza unter einem Mooskopf und dann dieser Platz, die Laternen und der Kopfsteinpflaster. Die Brücke, der Kanal. Ich bin fast umgekippt vor lauter Romantik. Zum Glück gab es diese Schaukel.

 

MONSTER RONSON’S ICHIBAN KARAOKE

Komm doch mit, sagt eine Freundin. Wir liegen nebeneinander und lesen beide Mohsin Hamids Exit West für ein Seminar, ‘Narratives of Exile and Migration’. Eine Liebesgeschichte, aber dann wiederum auch nicht. Man verliert sich wie im echten Leben. Refreshing. Es fällt mir Sand vom Buch ins Gesicht, und ich knirsche laut mit den Zähnen.

Ich habe noch nie Karaoke gesungen.

 “Are you joking?” sagt sie. Es muss eine rhetorische Frage sein, denn heute ist kein Tag für Witze. Daür ist es aber ein Tag für MultiSEXualBOXhopping.

 Erstens heißt das, erklärt die Türsteherin, dass man in die 14 Karaoke Boxen rein- und wieder raustauchen darf. Man kann überall mitsingen. Zweitens: Menschen aller Sexualitäten sind willkommen. Wir werden also gefragt, ob wir auch Menschen aller Sexualitäten tolerieren.

“Klar,” sagen wir.

“It’s about the Stimmung,” warnt die Türsteherin.

Wir nicken.

“Maybe you’re not lesbian. Maybe you’re not gay. I don’t know. I can’t look in your heads.”

Die Freundin und ich unterdrücken ein Grinsen.

Sie mustert uns. “Okay,” sagt sie. “Have fun.”

Ich singe Shania Twains Man I Feel Like A Woman. Danach Tatu, All The Things She Said. Ich schwitze nicht wenig mit zehn anderen in eine kleine Kiste für sechs gedacht. Ich stelle fest, dass ich nicht singen kann. Es kann niemand singen. Wir tolerieren uns aber ganz artig gegenseitig.

 

NOTES FROM A SEMINAR: MIGRANT NARRATIVE #3

Charlotte Wührer, 31. Mai 2018

Good afternoon, ladies and gentlemen

A show of hands for attendance in body at least.

The sky a clingfilm blue blanket

And we’re already slick like otters

Sticking already to seats with legs

Pooling already away.

 

According to attendance we’re diminishing and dwindling.

Detox-drink blasted spinach demonstratively,

kick self for demonstration,

open book mime reading,

make auto pilot notes:

 

„It points to the fact that //

the sky //

a palimpsest //

ties into //

each part of time //

whether we stay or come back //

leave from A and arrive by B //

a meanwhileness that means //

we are all migrants //

according to the text //

‘in their phones were antennas and these antennas sniffed out an invisible world’ //

until it is suddenly no longer possible //

to send messages“

 

(we do anyway)

Hi

(under the table)

Hola chica

(comparing imposter syndromes)

she must have made a mistake

(from across the seminar room)

No way am I that good

(skeptical reply)

(gratitude for compliment)

(yellow smiling angel face // blue halo)

 

The falling rubble of thunder cracks the sky lengthways

and the dome of the leaking library

we call The Brain

quivers ominously.

Aus der Gerüchteküche...

Charlotte Wührer, 15. Mai 2018

Aus der Gerüchteküche kam es, third-hand, von Musiker zu Musiker zu mir ins Ohr geflüstert: Beim Imposter-Syndrom hilft es nur, beim durch die Stadt laufen nach oben zu gucken. Look up at the tops of buildings. Nicht ständig auf die eigenen Füße, wie sie Risse und Spalten im Bürgersteig vorsichtig vermeiden.

Also schaue ich nach oben und werde direkt angeklingelt.

"Sag mal!" brüllt eine Frau auf einem eingängigen Hipsterrad.

 

Was soll ich schon sagen? Ich gucke wieder nach oben, die Wolken ziehen schnell über den Himmel und verschwinden irgendwo über der Hasenheide. Mit knallrosa Zuckerwatte kommt fast jeder vom Parkeingang raus und ich frag mich, ob das eine was mit dem anderen zu tun hat.

 Es wird wieder geklingelt, ich stolpere und falle in eine Kiste rein. Ein Mann steht vor mir. Wir befinden uns auf dem Fahrradweg, und es scheint uns beiden ein bisschen egal zu sein.

 "What you do?" fragt er.

 "Looking at the tops of the buildings," antworte ich.

 "Non, non," sagt er, irritiert. "You must be an earthworm like me.

Verstehst du?" Er switched ins Deutsche.

 "Ein Regenwurm soll ich sein," nicke ich.

 "Eyes on the ground," sagt er. "Weil guck mal hier." Er zeigt auf eine Kiste. "So viele Bücher," sagt er, oder vielleicht sagt er es auch auf Englisch,"so many books."

"Stimmt," sage ich, vielleicht lache ich auch nur. In den Kisten krabbeln Spinnen, es gibt Staub und Dreck aber auch Wörter, so viele.

 "Deutsch?" fragt er. "Englisch? Französisch?"

 "Deutsch," sage ich. "Und Englisch."

 "Ah, Deutsch," sagt er.

 "Und Englisch."

 "Ah." Es zieht eine zweite Wolke Irritation über sein Gesicht. Er denkt nach und beschließt, dass es akzeptabel ist.

 "I am astrophysicist," meint er dann. "So many useful informations. I have them all. I know all about the world."

 Seine goldenen Zähne blinken mich in der Abendsonne an.

 "Please, tell me one." Ich bin sehr neugierig. Ich sammle useful information.

 "Ahahaha," lacht er, ohne dass er sein Gesicht viel bewegt. Er tippt mir eins, zwei, drei Mal auf die Schulter, ein Geheimzeichen, seine useful information in Morse Code. "Weißt du?" fragt er.

 "Ja," nicke ich. "Danke. Merci."

 "Ah, merci, merci! You are French! French earthworm." Er grinst und weg ist er.

"Worüber wirst du schreiben?"

Charlotte Wührer, 14. Mai 2018

"Worüber wirst du schreiben?", fragt mein Vater am Telefon. Er steht im Garten von dem Haus in England, wo ich aufgewachsen bin und passt auf die Rotkehlchen auf. Es gibt zwei männliche die harmonisch zusammen rumhüpfen. Er meint sie seien entweder Brüder oder ein schwules Pärchen, denn männliche Rotkehlchen tauchen eigentlich immer alleine auf.  

"Gute Frage", sage ich.

"Wahrscheinlich wieder mal über die Liebe", fährt er fort.

Ich muss ihn nicht sehen, um zu  wissen, dass er die von meiner Mutter genähte Schürze anhat. Mit Rotkehlchen Muster.

"Vati, ich schreibe nicht immer über die Liebe.", sage ich. Ich werde es  ihm zeigen.  

Am nächsten Tag sitze ich mit meiner Schwester vor der Bäckerei "Brotgarten" in Charlottenburg. Sie ist gerade mit ihrer Schicht fertig geworden und hat Mehl am Kinn. Sie ist beeindruckt. "Oh cool. Stadtschreiberin... Is that like town crier, wie Ausrufer sein?" Ich stelle mir vor, wie ich mit Glocke und Federhut rumflaniere. Hear ye, hear ye.

Ich meine, ich brauche einen Plan. Ich nehme mir also vor, am Wochenende viel zu erleben und darüber zu schreiben. Zwischendurch werde ich einen deutschen Roman lesen und neue, schöne Wörter aufschreiben, lernen und benutzen. Mein deutscher Wortschatz stagniert, die gleichen alten Wörter hängen so fade und gelangweilt im Kopf rum wie Teenager an einer unbenutzten Bushaltestelle im Dorf. Pull your socks up, sage ich mir selbst ganz streng am Freitag Abend, zieh deine Socken hoch.

Es passiert aber nicht. Die Zeit der Socken ist einfach vorbei. The best laid plans of mice and men often go awry. So hat es zumindest Robert Burns in seinem Gedicht an die Maus, deren Nest er kaputt geackert hat, geschrieben. Ich schlage kein Buch auf, nicht mal ein englisches, nicht mal Chimamanda Ngozi Adichie's Americanah, obwohl ich es gerade überall mit mir rumschleppe.
Wie die Schmusedecke von Linus aber nicht ganz so angesabbert.

Stattdessen latsche ich in Birkenstock rum, sockenlos. Zwischendurch schlafe ich ungewohnt viel, kriege Sonnenbrand und habe zwei Unfälle mit Gabeln. Auf dem Netzfest im Gleisdreieckpark gehe ich der eigentlichen Veranstaltung aus dem Weg und liege stattdessen im Gras. Ich überlege, ob ich meinen neuen Facebook account wieder löschen soll. Später verfahre ich mich durch den Tiergarten auf dem Weg zum Miss Read Art Book Festival im HKW. Ich lasse mich kurz inspirieren und dann überfordern, staune darüber, wie man aus Donald Trumps Rede an die CIA Poesie machen kann, und trinke danach mit einer ebenfalls überforderten Freundin den ersten Aperol Spritz des Jahres im Sonnenuntergang an der Spree. Sonnenverabschiedung hieß es lange bei einem Freund aus Schottland, der jetzt auch hier wohnt.

Was vermissen wir von zu Hause? Die Freundin kommt aus den Staaten. Sie vermisst nichts und niemand. Man hat ja alles noch in irgendeinem Parallelleben. Und nach sechs Jahren in Berlin Wohnen hat man eh alles hier. Die Sonne verabschiedet sich so richtig, wir zittern und trinken weiter. Ich vermisse die Sachen schon während sie noch da sind. Ich sitze da an der Spree und trinke Aperol Spritz und vermisse schon am Spree sitzen und Aperol Spritz trinken.

"Deswegen schreibst du", sagt sie, "um die Sachen festzuhalten." Ich klammere mich an Americanah. Quatsch.

"Deswegen schreiben Leute auch über die Liebe", sagt mein Vater, die Rotkehlchen beobachtend. Um sie festzuhalten. Die Stadt und die Liebe... Er seufzt nostalgisch.

Gestern habe ich....

Charlotte Wührer, 14. Mai 2018

Gestern habe ich mit meiner ex-Freundin geskypt. Sie Flog vor einundeinhalb Jahren den weiten Weg von Australian nach Berlin, um hier ein Master Semester abzuschließen, und ist dann letzten März zurück geflogen. Ich kam in 2012 von England, um in Berlin Urlaub zu machen, und bin hängen geblieben, wie so viele. Meine ex-Freundin ist jetzt irgendwo, wo „es ist hier recht kalt geworden“ so was bedeutet wie: „es ist um die 20 Grad.“ Es gibt da Kängurus, und der Himmel ist größer und weiter und breiter und heller.

 

Immerhin, hier gibt es dafür gerade Schneeregen und Grau. (Ich tue so, wenn ich mit ihr rede, als ob es was Beneidenswertes wäre.) Schregen, so heißt es bei meiner Mitbewohnerin, mit der ich seit ein halbes Jahr meine 46qm Wohnung teile. Länger, sogar. Thank God for das Hochbett im Wohnzimmer. So richtig Kreuzberg ist die Wohnung, mit Dusche hinten in der Küche. Wenn man morgens frühstückt, sitzt man direkt vor einer orangenen Hängematte, die noch nie zum liegen und lesen benutzt wurde. (Wann habe ich das letzte Mal ein Buch gelesen, for fun, inhaliert wie früher bei meinen Eltern in meinem kleinen Zimmer unterm Dach?) Wenn meine Mitbewohnerin duscht und ich die Augen so halb zusammen kneife beim gekochtes Ei essen kann ich mir vorstellen, dass ich in Australian bin. Das Licht von der kahlen Glühbirne neben der Dusche strahlt sanft und gelblich durch die Hängematte, und es klingt wie mehrere Wasserfälle auf einmal. So stelle ich mir es vor da drüben.

Komm doch her, meinte meine ex-Freundin. Easy peasy, als ob ich wie ein flacher Stein so ganz lässig über die Erdoberfläche hüpfen könnte. Komm du doch her, sagte ich. Ich habe so viele Bücher noch von ihr, Kathy Acker, Hinton Al, Irvine Welsh. Eileen Myles habe ich damals im Flixbus auf dem Weg zur Ostsee mit ihr verloren. Das Buch, nicht die Frau. In Berlin guckt man nicht zwei mal wenn zwei Frauen sich küssen; in Stralsund war es eine ganz andere Geschichte. Räucherfisch, einen merkwürdigen Schwäne-Dreier, die endlose, leere Strecke Sand, und Leute, die sich umdrehten und starrten. Daran erinnere ich mich.

Wir haben uns das letzte Mal im Mai 2017 auf dem Computerbildschirm gesehen. Da haben wir Schluss gemacht und beide leise geheult. Danach bin ich bei Anna Durkes Pistazien Eis essen gegangen, in einer meiner Lieblingsstraßen, die Graefestraße. Wenn ich mehr Geld hätte, würde ich da wohnen, mit Balkon und Badewanne und ganz viel Licht, alles weiß und sauber und ordentlich, und kein Kleinkram. Mahagonifarbene Holzdielen, die nicht knarren und quietschen, besonders dann, wenn man unsichtbar sein will, auf Zehenspitzen geht. In der Graefestraße wäre ich bestimmt „my best self“, wie man im Englischen so schön sagt.

Was ist passiert, fragte eine gute Freundin damals im Mai. Ich aß die dritte Kugel und erzählte. Sie hat mitgelitten. Ich stelle mir das schwierig vor, mitzuleiden, wenn man gerade Jemanden kennen gelernt hat. Es war Tag der Arbeit, alle tranken Bier unweit von der Eisdiele, und wanderten mit glasigen Augen die Oranienstrasse hoch und runter. Ich wollte einfach nur im Landwehrkanal mit nackte Beine und Plastik Hummus Topf auf dem Bauch balanciert im Schlauchboot liegen, den ganzen Sommer lang. Vielleicht auch mit Buch und Bier und Zigarette und Sonnenbrille. Traurig sein passte nicht ins Bild, und ich beschloss mich zusammen zu reißen.

Nur in der Uni habe ich mich mit Traurigkeit beschäftigen müssen: in mein English Studies MA Seminar habe ich über die Melancholie in Early Modern Englische Literatur gelernt; über wie man im 15. und 16. Jahrhundert getrauert hat; über Jealousy und Passion und Compassion. Manchmal habe ich heimlich hinter meinem Thermos Kaffee ein bisschen geweint.

Reiß dich zusammen: brutal und hart, das Gegenteil von „self-care“ (worüber ich übrigens, als ich das erste Mal den Begriff gehört habe, laut lachen musste. Heute sehe ich ein, dass es wichtig ist beim Durchfeiern eine Magnesiumreiche Banane einzupacken, fleißig jeden Morgen Vitamin B12 zu nehmen, mal so mit einem selbst zu reden, als ob man eine gute Freundin wäre, usw.) Es gibt im Englischen nichts wie „Reiß dich zusammen“. Rip yourself together: ein Paradox, aber so habe ich es letztendlich auch gemacht. Es war brutal. Ich war Cardioqueen, To-Do List Schreiberin Extraordinaire, die meist schlafgestörte Nachteule und Early Bird gleichzeitig, die ich kannte. Ich habe zu allem Ja gesagt. Neue Leute, OK Cupid Dates, Jobs — bezahlt und unbezahlt — Parties, Bücher, Lesebühnen, Extreme Fahrradtour Pläne. Yes yes yes, habe ich gesagt, bis ich dann doch irgendwann no sagen musste.

Meine ex-Freundin lächelt mich an von sehr weit weg. Wir lachen erst mal viel und wissen nicht genau, wo wir anfangen sollen mit erzählen. Ich habe jemand kennen gelernt, und ihre Freundin, mit der sie damals schon zusammen war, hat vor kurzem mit ihr Schluss gemacht. Sie sagt auch gerade zu vielem Ja. Komm du doch her, sage ich. In Berlin gibt es Grau und Schregen. Es gibt das beste Eis außerhalb Italien. Es gibt Tanzen und Parks und Nachtruhe. Es gibt Fahrrad fahren. Der Tempelhoferfeld. Die Gallerien. Es gibt Denglish. Es gibt mich.

Dazu sagt sie leider nicht Ja, aber wir gehen ein Kompromiss ein. Japan im September soll auch schön sein.

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